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Nico (1938?1988), hier im Jahr 1965.

Biografie eines Rätsels

Nico, Heldin des Niedergangs

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Tobias Lehmkuhls "Nico ? Biografie eines Rätsels" ist das erste deutsche Buch über die Ausnahmesängerin.

Als Galionsfigur am Bug eines Wikingerschiffes sei sie über den Atlantik gekommen, behauptete Andy Warhol. Nico hätte das gefallen, keine Flunkerei war ihr zu absurd, um damit nicht die eigene Vita aufzupolieren. So erzählte sie, dass das zerbombte Berlin mit seinen Leichen sie zu der gemacht habe, die sie später war: eine todessehnsüchtige Chanteuse, die mit grabestiefer Stimme und harschem teutonischem Klang von Einsamkeit und Trauer sang, von den vereisten Grenzen ihres Herzens.

„Nico – Biografie eines Rätsels“

Dass Christa Päffgen, so Nicos bürgerlicher Name, erst nach Berlin kam, als die Leichen wohl schon weggeräumt waren, störte weder sie, noch taten ihre Anekdoten jemals der Bewunderung ihrer Verehrer einen Abbruch. So wurde aus dem Vater, dem Wehrmachtsoffizier, ein Widerstandskämpfer gegen Hitler, der dem russischen Hochadel entstammte. Nico lieferte alternative Fakten, ihre Erscheinung war so beeindruckend, dass es ohnehin egal war, was sie mit ihrer übermäßig gedehnten Sprechweise von sich gab. Berühmte Männer verehrten die statuenhafte Blondine bis zur Selbstverleugnung, und so ist es bemerkenswert, dass es so lange gedauert hat, bis sich ein deutscher Autor der Biografie dieser Ausnahmefigur angenommen hat. Der Journalist Tobias Lehmkuhl hat ein Buch über die Sängerin geschrieben: „Nico – Biografie eines Rätsels“.

Ein Stück weit mag es mit Nicos Verhältnis zur ihrer Heimat zu tun haben, die maximal desinteressiert genannt werden kann. Allein ihren schweren Akzent pflegte sie, er wurde das Markenzeichen dieser schönen und immer absent wirkenden Frau, die in den Sechzigern an der Seite Andy Warhols als Sängerin von The Velvet Underground zu einem Anti-Popstar wurde. Ein Image, das sie bis zu ihrem Tod vor 30 Jahren konsequent pflegte mit einem sperrigen Solo-Werk und einer strengen Diät, bestehend aus Alkohol, Zigaretten und Heroin.

Wunsch und Wirklichkeit im Leben Nicos

Nico wäre in diesem Herbst 80 Jahre alt geworden, von ihrer Faszination hat sie bis heute nichts eingebüßt. Noch immer eröffnen ihre Alben einer jungen Hörerschaft einen ganz neuen Horizont. Kommerziell erfolgreich war keines davon, wohl aber stilprägend. Wie ein Todesengel intoniert Nico auf ihrem verstörendsten Werk, „The Marble Index“ dräuende Lyrik, voll grau-schwarzer Schwere und immer elegant am richtigen Ton vorbei. Ein Album, das auch 50 Jahre nach seinem Erscheinen niemanden unberührt lässt. Man hört Nicos immensen Einfluss in den Liedern von Björk, Danielle Dax, Siouxsie oder Zola Jesus.

Lehmkuhl betrachtet ihren Werdegang voll Bewunderung, gleichzeitig mit genügender Distanz, um zu entwirren, was Wunsch und Wirklichkeit war im Leben Nicos, die in Köln geboren wurde und die nichts tat, was man von einer Frau in dieser Zeit erwartete. Groß und blond, mit Wangenknochen wie aus Marmor gehauen, wurde sie im zerbombten Berlin zum Model, entdeckt vor der Tür des frisch wiedereröffneten KaDeWe. Sie ging nach Paris und ließ sich fortan treiben durch das vor Energie vibrierende Europa der Nachkriegsjahre. Sie war meist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, obwohl sie später mit dem Gegenteil kokettierte.

Dass Nico am Ende dieser Odyssee in den Sechzigern am Bug eines Wikingerschiffes in Andy Warhols Factory landete, wurde von früheren Biografen als Zufall abgetan. Zu unstet und zu wenig ambitioniert sei sie gewesen, um einen solchen Coup zu planen. Lehmkuhl jedoch zeichnet das Bild einer modernen und selbstbestimmten Frau, die fokussiert war, nicht immer auf das, was sie wollte, wohl aber immer auf das, was sie nicht wollte: „nur“ schön sein, reichte ihr nicht. Sie spielte für Fellini, zeugte ein Kind mit Alain Delon und hatte Affären mit Brian Jones, Jim Morrison, Bob Dylan. Leonard Cohen verfiel ihr, ebenso John Cale und Lou Reed. Doch Nico war kein Groupie, sie wollte ein Star sein, ein Stück vom Kuchen abhaben und sie war der festen Überzeugung, dass ihr das Stück zustand. So war es nur folgerichtig, dass Nico schlussendlich Andy Warhols Band The Velvet Underground auf deren Debüt jenen europäischen Nihilismus verlieh, nach dem sich Lou Reed so sehr sehnte.

Am Ende indes war er der schönen Deutschen überdrüssig, die Bühne bot nicht genug Raum für zwei Charaktere dieser Größenordnung, Nico musste gehen. Besser singen konnte Reed allerdings auch nicht. Nico, so Lehmkuhl, ließ sich davon nicht beirren, belehren ließ sie sich ohnehin nie.

Bis zu einem gewissen Grad, das zeigt Lehmkuhl, war sie geradezu beispielhaft für die Emanzipation in einem Genre, in dem es von testosteronsatten Akteuren wimmelte. Nico bewahrte sich auch in den Factory-Zeiten ihre Unabhängigkeit. Nach dem noch poppigen Album „Chelsea Girl“, fand sie mit „The Marble Index“ schon 1968 zu ihrem schweren Stil, ruinierte die eigene Schönheit nachdrücklich und tourte mit ihren Alben bis zu ihrem Tod auf Ibiza im Jahr 1988 unablässig. Hauptsächlich um ihren Heroinkonsum zu finanzieren, dessen Kosten mit mehr als 20 000 Pfund pro Jahr beziffert werden.

Das Phänomen Nico entschlüsselt Lehmkuhl am Ende nicht, doch sein gründlich recherchiertes und faktensattes Buch schafft Raum, um sich eine eigene Vorstellung von der Sängerin zu machen. Auch das hätte Nico gefallen. Ebenso wie die Tatsache, dass im Jahr 2006 die Benennung eines Platzes in Köln nach ihr wegen „ihres nicht vorbildlichen Lebenswandels“ an den Stimmen der CDU scheiterte.

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