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Nick Cave: „Stranger than Kindness“ – Ins Herz der Musik

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Von: Michael Schleicher

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Nick Cave bei der Präsentation der Ausstellung in Kopenhagen.
Nick Cave bei der Präsentation der Ausstellung in Kopenhagen. © AFP

Mit dem Jäger und Sammler Nick Cave auf dem verschlungenen Weg in sein Werk.

Am Ende des vergangenen Jahres, das aus den bekannten Gründen alles andere als einfach war, veröffentlichte Nick Cave „Idiot Prayer“ – die Platte zum gleichnamigen Film aus dem Sommer 2020. In der mächtigen, leeren Konzerthalle des Alexandra Palace in London saß der 63-Jährige allein und am Klavier, interpretierte seine Stücke neu. Mehr noch: Er skelettierte sie, legte den zerbrechlichen Kern von Titeln wie „Man in the Moon“ und „Waiting for you“ frei. „Ich mochte es, dekonstruierte Versionen meiner Lieder zu spielen“, erinnert sich der australische Künstler. „Ich spürte, dass ich die Songs wiederentdeckte.“

Einem Archäologen gleich trug er Schicht für Schicht ab – und stieß auf Trauer, Melancholie, Pessimismus, aber auch auf Schönheit und immer wieder auf Hoffnung, den Glauben an Erlösung. Film und Musik passten zur „unheimlichen Stille“ des Lockdowns und berührten viele Menschen im Jahr eins der Pandemie.

Jetzt kann jeder zum Archäologen im vielseitigen Werk des Musikers, Sängers, Komponisten, Schauspielers und Autors werden (immer wieder eine Empfehlung: der verschrobene Roman „Der Tod des Bunny Munro“). „Stranger than Kindness“ heißt der geschmackvoll gestaltete Bildband, der das ermöglicht. Das Buch, das mit einem Begleitheft erschienen ist, in dem die deutsche Übersetzung der Texte nachzulesen ist, basiert auf einer gleichnamigen Ausstellung in Dänemark. Die Königliche Bibliothek Kopenhagen lädt noch bis zum 7. August ein, abzutauchen in das Sammelsurium, aus dem Cave seine Werke schöpft.

Das Buch

Nick Cave: Stranger than Kindness. A. d. Engl. v. Christian Lux. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 276 S., 29 Euro.

Der Band aber ist viel mehr als ein Ausstellungskatalog. Cave, das wird rasch klar, ist ein Jäger und Sammler, der alles aufhebt, skizziert, notiert oder zeichnet, was ihn irgendwie beschäftigt. Alte Fotos, obskure Flohmarktfunde (etwa Haarlocken, 1985 in Berlin entdeckt und erworben), Musikkassetten, Heiligenbilder, Nippes – und viel, viel Papier, beschrieben, bekritzelt, bemalt.

„Was Sie in diesem Buch finden“, erklärt der Künstler gleich im ersten Satz, „lebt in der verschlungenen Welt, die um die Songs erschaffen wurde und die von ihnen bewohnt wird. Es handelt sich um das Material, das dem offiziellen Werk auf die Welt verhilft und das es speist.“ Die Unterlagen, das ist Cave wichtig, sollten nicht als „Kunstwerke“ betrachtet werden. Gleichwohl werden sie im Buch als solche präsentiert: großformatig (was der Lesbarkeit zugute kommt) und ideal beleuchtet. Auch das ist richtig, denn so lassen sich Pfade finden, die hineinführen ins Herz der Musik.

Da sind beispielsweise die Bezüge zur Familie, zu Herkunft und Heimat, die auffallen. Und da ist das Interesse an Religion, am (Volks-) Glauben. Zahllose Büchlein hat der Künstler selbst gefertigt für sich – aus Heiligenbildern, die er teilweise bearbeitet hat. „Ich habe mich eigentlich nie als Christ im engeren Sinne gesehen“, wird Nick Cave im informativen Begleittext zitiert. „Aber die Bibel hat mich immer auf eine Weise erreicht, wie es andere religiöse Texte nicht konnten.“

All das ist freilich nur ein Weg, den man durch dieses Buch und seine Materialberge gehen kann. Daher ist am Ende die Vorfreude groß auf die nächste Grabung. Was – zum Beispiel – hat es mit der „Kylie Minogue“-Handtasche auf sich?

Schülerband: rechts Nick Cave, etwa 1975. Foto: Courtesy of Dawn Cave
Schülerband: rechts Nick Cave, etwa 1975. © Courtesy of Dawn Cave
Wörtersammler: Notizbuch. Foto: Dan Magree for Arts Centre Melbourne
Wörtersammler: Notizbuch. © Dan Magree for Arts Centre Melbourne

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