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„Reine Zeit“ erlebt Marc Augé angesichts der Maya-Tempel von Tikal, Guatemala.

Literatur

Nicht mal Zeit für eine Liebeserklärung

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Flüchtigkeit ist sein Prinzip: Marc Augé bemüht sich dennoch, das „Glück des Augenblicks“ zu fassen.

Wir leben, und wir wissen, dass wir leben. Das ist das Problem, das wir haben, und die Zumutung, mit der wir umzugehen lernen, ohne sie in ihrem Grunde begreifen zu können. Das Bewusstsein, das uns als Begleiter gegeben wurde, werden wir nicht los, was auch bedeutet, dass wir von unserem Dasein wie aus einer Geschichte erfahren, die wir uns ständig neu erzählen müssen. Das Ich, mit dem wir umgehen, mag gelegentlich Großes leisten – gemessen an seiner natürlichen Ausstattung ist und bleibt es kleinlich bis klein.

Das Wissen, das es erwirbt, hält sich am Leben durch den produktiven Gegensatz von Subjekt und Objekt, den es auszuhalten gilt, will man der zulässigen Wahrheit nicht mehr auferlegen, als sie zu leisten imstande ist. Das Bewusstsein, einst als Überraschungsgast gekommen, längst aber mit dauerhaftem Bleiberecht versehen, ruft zwiespältige Gefühle hervor: Zum einen eröffnet es uns den Zugang zur Welt, zum andern macht es deutlich, dass wir von den Gegenständen des Wissens getrennt bleiben. Wirkliche Selbstfindung, das heißt Ankunft und Heimkehr in sich selbst, wird dem Menschen nur selten gewährt; eher schon Glücksmomente, Ahnungen, Einsichten, welche eine wundersame Besinnung erlauben, die uns wichtig sein sollte – lässt sie doch, im bedachten Augenblick, aufscheinen, was, unter dem unendlichen Himmel, das Gewährende und das Menschenmögliche ist.

In diesem Zusammenhang gilt es ein kleines Buch zu loben, das – so etwas kommt in der Leselandschaft eher selten vor – mehr hält, als es verspricht. „Das Glück des Augenblicks“ nennt es sich und gibt, wie der Untertitel verrät, „eine Liebeserklärung an den Moment“ ab, der allerdings immer in Eile ist und etwas derart Verhuschtes an sich hat, dass man ihm mit längeren Ansprachen und leider auch mit keiner Liebeserklärung mehr kommen kann. Marc Augé, der Autor des Buches, weiß das nur zu gut, aber er kennt auch die Möglichkeit, im flüchtigen Ereignisstrom Halt zu finden; dafür hat der Mensch die Erinnerung, die sich launisch zeigt, nur selten zuverlässig ist, aber für den Zuspruch, den wir uns gönnen, als unverzichtbar gilt. Augé, kein ganz junger Autor mehr, dafür jedoch, nicht nur als „Begründer einer Ethnologie des Nahen“, auf zeitlose Weise hochangesehen, ist ein Freund des Erinnerns, das er auch deswegen schätzt, weil es nah, sehr nah am Vergessen steht.

Wer wüsste das besser als die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger, von denen es nicht gerade wenige gibt, so dass manch einer, wenig charmant, schon von einer „Altenplage“ spricht, und doch kann man, bei dauerhaft abberufener Jugendlichkeit, noch einiges erwarten: „Das Alter macht es möglich, generationsübergreifende Glücksmomente zu erleben – der einzig greifbare Beweis für die Existenz des Gattungswesens Mensch, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Geburtsdatum. Die mit dem Alter verbundenen Freuden sind also durchaus nicht dem Zustand der Senilität vorbehalten, wie Cioran mit fröhlichem Pessimismus behauptete.“

Augé erzählt von „Glücksmomenten, von flüchtigen Eindrücken und zerbrechlichen Erinnerungen“, die zu einem Leben gehören, an dem wir, auf unterschiedlichste Weise, teilhaben, wohlwissend, dass wir, letztlich, ein Geschenk übereignet bekommen haben, dessen Urheber sich aus gutem Grund bedeckt hält. Um Glücksmomente einzusammeln, bedarf es gesteigerter Aufmerksamkeit und der Kunst des Hinsehens und Zuhörens, wobei man fast überall fündig werden kann, wie auch das Inhaltsverzeichnis von Augés Büchlein anklingen lässt: „Glücksmomente, die allen Widrigkeiten trotzen“, „Sein oder Nichtsein“, „Glück und Schaffen“, „Hin und zurück“, „Das erste Mal“, „Begegnungen“, „Chansons“, „Gesang und Geschmack Italiens“, „Landschaften“, „Freuden des Alters“ u.a.m.

Gerade Landschaften, auch die, die nichts Spektakulären an sich haben, sind nicht zu unterschätzen, wenn es um Glücksmomente geht, die sich einnisten und zur ganz persönlichen Erinnerung werden: „In Tikal in Guatemala erlebte ich 1996 etwas, das ich als ‚reine Zeit‘ bezeichnen möchte. In einem Augenblick der Einsamkeit kurz vor Sonnenaufgang spürte ich im Urwald, in dem sich eine große Maya-Pyramide erhob, für einen kurzen Moment geradezu physisch und überaus deutlich ... eine reine Gegenwart der Zeit, mit der sich mein eigener Atemrhythmus verband, als machte der Wald jegliche individuelle oder kollektive Geschichte zunichte. Geblieben ist mir davon die paradoxe Erinnerung an einen Augenblick intensivster Bewusstheit und glückseliger Leere ..., aus der mich nicht einmal die Tiere zu reißen vermochten, die an mir vorüberzogen, ohne Notiz von mir zu nehmen.“

„Das Glück des Augenblicks“, von Michael Bischoff aufs vorzüglichste übersetzt, ist ein wunderbares Buch, aus dem zu erfahren ist, wie reichhaltig das Alltägliche sein kann, wenn es die gebührende Aufmerksamkeit erfährt. Der zweite, der durchdringende Blick ist dabei gefragt – und eine Neugier, die nicht nachlässt, weil sie in Rufbereitschaft bleibt mit „den Stimmen, die da kommen sollen“ (Rilke). Das „Glück des Tages“, von der Nacht ganz zu schweigen, hat viele Facetten: „Das Glück der Begegnung – mit einem Gesicht, einer Landschaft, einem Buch, einem Bild oder einem Lied, einer übernommenen und neuerfundenen Andersartigkeit. Das zuweilen nur einen Augenblick währende und rasch wieder verschwundene Glück, das man jedoch im Gedächtnis bewahrt.“

Bei so viel Glück darf man, am Ende, auch ein wenig pathetisch werden: „Glücksmomente ... bilden den schmalen Weg, den das Dasein des Menschen als Gattungswesen sichtbar macht und der eines Tages, sofern denn alle Menschen ihn einschlagen, zu einer wirklichen Bewusstwerdung des Menschengeschlechts führen könnte. Die Glücksmomente wären dann Entwurf und Versprechen einer besseren Zukunft.“

Buchinfo

Marc Augé: Das Glück des Augenblicks. A. d. Franz. von Michael Bischoff. C. H. Beck, München 2019. 139 S., 16 Euro.

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