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Hermann Zapf, 1950: Palatino
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Hermann Zapf, 1950: Palatino

Foto-Buch

Nicht wirklich in der Welt des Wettbewerbs

Die Schriften des "Typografischen Quartetts"

Während die Repro- und Satztechniken sich in den letzten dreißig Jahren so rapide verändert haben, dass man das Handwerk der Typografen, der Schriftgießereien und der Setzer darin kaum noch wiedererkennt: Der Fundus der Schriften - ihr enormes epochales Gedächtnis - ist nicht verloren gegangen. Darauf versucht eine Publikation hinzuweisen, die kein Buch ist, sondern in Form von Quartettkarten daherkommt.

Vorbild ist das Bubenspiel der Autoquartette, der Lokomotiven oder Schiffe. Einige der Vierergruppen sind klassisch monografisch ausgelegt: die Typografen Ed Benguiat, Morris F. Benton, Adrian Frutiger, Gerard Unger und Hermann Zapf haben eigene Quartetts. Die meisten Vierergruppen aber bekommen ihren Namen über mehr oder weniger tradierte Stilbezeichnungen: von der Venezianischen Renaissance über die Klassizistische Antiqua, Jugendstil, Zeitungsschriften zu den Handschriften, den Schreibschriften und den Konstruierten Serifenlosen. Dazu gehören auch die Quartetts Space und Disco, und selbst die Zerstörten Fonts - nämlich fragmentierte Schriften -, weil das Genre entscheidend ist und nicht die Epoche.

So reicht die Französische Renaissance bis zur verträumten "Perpetua" von Eric Gill - 1928 - und die Klassizistische Antiqua vollendet sich, so scheint es, in der Centennial von Frutiger von 1986, als vollentwickelte Anwendungsschrift auf der Schwelle zur digitalen Epoche.

Eintauchend in die bizarre Geschichte ihres Mediums, haben die drei Münchener Autoren dieses Lehrspiels auch die Namenstraditionen entdeckt. So gibt es die Quartette der Städte (Memphis, Aachen...),

der Sagengestalten (Ariadne, Ulysses...), der Männer- und der Frauennamen.

Beim Quartettspiel geht es um das Anhäufen vollständiger Ensembles, deren Einzelkarten dem Mitspieler nur durch Leistungsvorteil (PS, Bruttoregistertonnen etc.) entrissen werden können. Zu diesem Zweck trägt jede Typo-Spielkarte in ihrem schwarzen Keller ein Set von Merkmalen. Morris Bentons federleichte Franklin Gothic ist so registriert: Schnitte 21, Lautstärke 2, Dynamik 2, Starfaktor 5, Prolofaktor 2, Persönlichkeit 3. Von den Schnitten abgesehen, sind das gänzlich untechnische Kategorien, woran man ablesen kann, dass die Typografie nicht wirklich in die Welt des Wettbewerbs gehört. Das Witzchen mit dem Prolofaktor wirkt etwas schal.

Nun ist es den Autoren, und dem typografischen Fachverlag aus Mainz, mit dem Spiel gewiss nicht so ernst wie mit der Materie selbst, der nahezu unfassbaren Varianz von Schriften, die - nicht zu vergessen - in sich sämtlich Systeme sind. Die Informationen sind auf den Karten durchgängig in Helvetica gedruckt, rot auf weiß, weiß auf schwarz, schwarz auf rot; äußerst pittoresk. Der Tafelteil - für jede der 108 Spielkarten - bietet einen kunstvoll collagierten Ausschnitt von vier bis acht "typischen" Buchstaben der jeweiligen Schrift. Die Hälfte der Collagen würde sogar im Plakatformat noch gut stehen. Das Wort "Rafenduks", das auf jeder Karte steht, ist keine Werbung für einen Fontshop, sondern das aktuelle Kunstwort, das jede Schrift angemessen darstellt. (Ein älteres Kunstwort dieser Art lautete "Hamburgefons".)

Die Karten sind also in sich typografische Kleinode, die einen ganzen Schreibtisch bedecken, wenn man sie komplett auslegt. Man könnte sie auch gut an die Wand hängen. Vielleicht wäre der Verlag zu überreden, einen fein gestalteten Spielkartenhalter aus Plexiglas gestalten zu lassen, zum Beispiel für 27 Karten, die dann bei Gelegenheit zu wechseln wären. Man muss Schriften studieren und bestaunen. Was sie sind und wie sie wirken, lernt man beim Lesen nicht.

ULF ERDMANN ZIEGLER

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