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Wer nicht weiß, wie Ohrenschmalz schmeckt ...

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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... kann trotzdem Freude haben an einer Lesung Max Goldts, zum Beispiel jetzt in der Darmstädter Centralstation

Zum Beispiel Hausratsfrauen, die sich über das Wetter beschweren. Über den ersten Regentag nach drei Wochen Sonne. Weil sie tagtäglich die Schnapsflaschen zum Container bringen müssen. Oder Büros, in denen "ortsgruppenleiterartige Menschen" abgedudelte Sprüche wie "am liebsten bis vorgestern" von sich geben und die Frauen Horoskope lesen. Vom bekennenden Platitüden-Verachter Max Goldt hatten wir schon etwas mehr erwartet, als derlei angestaubte Klischees. Auch wenn der Mann ja nicht jünger wird. Und wir reden hier nicht vom Duzfallen-Text, den er auch in der Darmstädter Centralstation vortrug, denn der ist schließlich von 1995. Wobei die Bemerkung, dass es Duz- und Siezjacken gibt, immerhin origineller ist, als jene, dass man in Bioläden bis zum Alter von 50 geduzt werde.

Auch die Beobachtung, dass in Tageszeitungen jedes Frühjahr aufs Neue ein Foto zweier Eis schleckender Mädchen mit der Bildunterschrift "Nadine und Meike genießen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres" abgedruckt wird, ist im Grunde nicht schlecht und schon gar nicht verkehrt, aber eben auch nicht hochgradig subtil oder witzig. Das gleiche gilt übrigens für die Feststellung des alljährlich neu produzierten Fernsehbeitrags über den Benzinschock. Stets fühle sich da der "kleine Mann" als "Melkkuh der Nation", weil "die da oben" und so weiter. Naja. Das Bemerken scheinbar unwesentlicher Details und Standards ist eben irgendwann mal inflationär geworden, weshalb es nicht mehr besonders bizarr wirkt, wenn heutzutage jemand feststellt, dass es in Büros Bürotassen gibt, auf denen Sachen stehen wie "Besser acht Stunden Arbeit, als gar keinen Schlaf". Und trotzdem: Max-Goldt-Texte sind herausragend, was umso mehr für Max-Goldt-Lesungen gilt.

Die dezidiert großväterliche Attitüde seines Vortrags, der gekonnte Einsatz aus der Mode gekommener Ausdrücke wie "behende", "Schmackes" oder "da beißt die Maus keinen Faden ab", sind bei Max Goldt ebenso unerreicht, wie sein Talent, kausale Zusammenhänge schlüssig herzuleiten: "Wer nicht weiß, wie Ohrenschmalz schmeckt, kann auch keine Planeten kennen." Eben.

Seine Wortschöpfungen "schaumweintrutzig", "schnoddergeistig", "Wichtigkeitsdefinierer" oder die Erfindung so legendärer Sprichwörter wie "der Kiff killt den Keif" sind genauso einzigartig, wie sein Talent, die richtigen Fragen zu stellen: "Sind Socken Bestandteil der Unterwäsche oder stellen sie eine eigene, unabhängige Kategorie dar?". "Sind Klumpen, die über einsamen Landstrichen abgeworfen werden, Exkremente von Zug- oder Flugreisenden?" Hätten Sie's gewusst?

Würde man von Max Goldt zum Tee eingeladen - den er im Übrigen ebensowenig für eine Philosophie hält wie der Prenzlauer Berg eine Einstellung sei -, so fände man als Wandschmuck in dessen Wohnzimmer keine Grafiken von Günter Grass. Zwar ließe sich über eine gemeinsame Abneigung des grass'schen Duktus' sicherlich schnell eine Gesprächsgrundlage herstellen. Mehr noch könnte man allerdings mit dem Hersagen der Originalraterunde von Was bin ich punkten, mit dem Namen des Sprechers von Der 7. Sinn auftrumpfen oder der detaillierten Kenntnis der Etikettengestaltung der Limonade "Lift". Gemeinsame Erinnerungen schaffen Verbindlichkeit und Sympathie. Weshalb Max Goldt der Jugend rät, sicherheitshalber schon mal die Namen von Energielimonaden zu büffeln.

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