Buch zur Sloterdijk-Debatte

Nicht unkomisch

Große Bühne: Das Buch zur Sloterdijk-Debatte, bei der es um allerlei ging, nur nicht um eine neue Ethik.

Von Hans-Martin Lohmann

Sage einer noch, Deutschland sei humorfrei. Denn an Komikern, wenn auch eher unfreiwilligen, mangelt es wirklich nicht – nehmen wir nur Guido Westerwelle und Thilo Sarrazin als aktuelle Beispiele. Auch der Philosoph Peter Sloterdijk gehört in die Kategorie der unfreiwilligen Komiker. Nur dass das bisher noch niemand so recht bemerken wollte, weil Sloterdijk, der gerne als Nietzsche-Double posiert, erfolgreich das Image des Tiefsinn erzeugenden Denkers verteidigt.

So widerfuhr seinen rhetorisch wie immer schwer aufgemöbelten, gleichwohl äußerst schlichten Gedanken über „Die Revolution der gebenden Hand“, die er vor gut einem Jahr in einer großen Tageszeitung publizierte, die unverdiente Ehre, eine öffentliche Resonanz zu bewirken, deren enormes Ausmaß im Grunde in keinem Verhältnis zu ihrem nichtigen Anlass stand. Denn Sloterdijk behauptete nicht mehr und nicht weniger – Achtung, Witz! –, als dass in Deutschland ein „Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage“ herrsche.

Der Staat, so der Karlsruher Meisterdenker – der als Professor im Übrigen sein Gehalt durchaus vom Staat bezieht –, missbrauche seine „Steuermacht“ dazu, die „Handvoll Leistungsträger“ und „Produktiven“ schamlos auszusaugen und die so gewonnenen finanziellen Mittel an die Unproduktiven, Faulen und Sozialschmarotzer zu verteilen. Gegen solch unverschämte „Staatskleptokratie“ helfe nur eine große „thymotische Umwälzung“, vulgo die Abschaffung der Zwangssteuern und deren Umwandlung in „Geschenke an die Allgemeinheit“.

Das klingt nicht nur bescheuert, sondern ist es auch, wie jeder, der auch nur halbwegs bei Troste ist, auf Anhieb erkennen kann. Gleichwohl kann man Sloterdijks humoristische Einlassungen natürlich auch als Symptom lesen, wie es die meisten Beiträger des hier anzuzeigenden Sammelbandes tun. Denn es ist ja tatsächlich so, dass die Westerwelles, Barings, Miegels, Henkels und Sarrazins in regelmäßigen Abständen rhetorisch gegen den deutschen Sozialstaat, gegen Hartz-IV-Empfänger und muslimische Zuwanderer aufrüsten und damit Stimmung machen bei den vielen, die von sozialen Abstiegsängsten geplagt werden.

Mit Kanonen auf einen Spatz

Der Angriff der „Leistungsträger“ und der selbsternannten „Eliten“ auf die Fundamente des rheinischen Kapitalismus offenbart die hässliche Seite eines Gemeinwesens, das in den zurückliegenden sechzig Jahren ziemlich gut damit gefahren ist, genau diese Leute samt ihrer sozialen und politischen Macht in die Schranken zu weisen. Denn im Kern geht es bei Sloterdijks „Revolution der gebenden Hand“ nicht um eine neue Ethik der Hochherzigkeit oder, wie Wolfgang Kersting gutmütig meinte, um „die vergessene ethische Dimension in unseren sozialstaatlichen Selbstverständigungsbemühungen“, sondern um die ranzige FDP-Ideologie, jeder verdiene das, was er verdient.

Es sind die alten Ressentiments der Besserverdienenden, die im modernen Wohlfahrts- und Steuerstaat nichts als eine Enteignungsmaschine sehen und sich von ihm um die Früchte ihres anstrengungslos erworbenen Wohlstands betrogen fühlen. Mit irgendeiner „ethischen Dimension“ hat das nicht das Geringste zu tun, wie Karl Heinz Bohrer, einer der Verteidiger Sloterdijks, mit schöner Offenherzigkeit darlegt, wenn er erklärt, der Staat tue nichts anderes, als ihn und seinesgleichen „um die Pfründe wohlverdienten finanziellen Zugewinns“ zu bringen. Da kommen einem doch glatt die Tränen.

Eigentlich war das Nötige zu Peter Sloterdijk längst gesagt, nachdem Axel Honneth dessen enthemmte Provokationen in aller Form und mit starken Argumenten zurückgewiesen hatte. Wenn man den Sammelband mit seinen etwa drei Dutzend Beiträgen zu der Debatte, fast alle contra Peter Sloterdijk, zu Ende gelesen hat, bleibt der Eindruck eines totalen Overkill zurück: Hier wird mit vielen Kanonen auf einen Spatz geschossen. Erst die öffentliche Aufmerksamkeit verschafft Leuten wie Sloterdijk und Sarrazin die große Bühne, ohne die sie nichts wären.

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