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Sie könnte kaum weniger eine Statue sein, die bei Colm Tóibín Zeugnis ablegende Maria.
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Sie könnte kaum weniger eine Statue sein, die bei Colm Tóibín Zeugnis ablegende Maria.

„Marias Testament“

Sie ist nicht stolz auf sich

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Sie hat Sorge um Verwandte, das Wasserholen, das Kochen. Und um ihren Sohn. Colm Tóibíns schmaler, großer Roman „Marias Testament“ erzählt von einer unwilligen Gottesmutter.

Diese Maria ist nicht, wie sie in der Bibel steht. Keine geflügelten Wesen erscheinen ihr, wenn sie schwanger wird. Sie geht in die Synagoge, der Gemeinschaft wegen, oder in den Tempel, wo sie dann zur „großen Göttin Artemis“ spricht. Sie ist nicht jung, prallbrüstig und rosenwangig, wie auf vielen Abbildungen durch die Jahrhunderte. Sie fühlt sich auch nicht geschmeichelt, dass sie die Mutter eines Gottessohnes sein soll. Sie verachtet – und fürchtet – die Männer, die ihr erzählen wollen, wie alles gewesen ist. „Und dann begann er, mir geduldig zu erklären, was bei der Empfängnis meines Sohnes mit mir geschehen sei, während der andere nickte und ihn bestätigte. Ich hörte kaum hin. Ich hatte anderes zu tun. Ich weiß, was geschah.“

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Nicht an der Wahrheit interessiert

Mit ihrer Namensvetterin in der Bibel (die Bibel muss da sowieso erst noch geschrieben werden) hat sie nur gemein, dass sie mitansehen musste, wie ihr Sohn qualvoll getötet wurde. Und dass es ihr das Herz brach, wie auch nicht. Den Männern, die erwarten, dass sie die ihr zugedachte Rolle als „Gottesmutter“ spielt, antwortet sie darum: „Wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war.“

Der Schriftsteller Colm Tóibín, Jahrgang 1955, der in „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“ ein großartig zartes Henry-James-Romanporträt schuf, der in „Brooklyn“ mit beeindruckendem Feingefühl den Weg einer jungen Irin zeichnete, die aus Not nach Amerika auswandert, hat nun in einem erstaunlich schmalen Roman – aber es ist am Ende alles gesagt – Maria, sonst nur bekannt als Mutter Gottes, Schmerzensmutter, Pietà, eine entschlossene Stimme gegeben. „Marias Testament“ ist die Erinnerung einer alten Frau, die von „Männern“ belabert wird, die hier keinen Namen bekommen. Und sie fragt auch nicht. Sie sind auf ihr „Zeugnis“ aus, aber nicht an der Wahrheit interessiert. Sie hören nur, was sie hören wollen.

Auf wie wenigen Seiten, mit wie wenigen Worten dieser Roman eine Heilige, ein Holzfigürchen namens Maria wegwischt und durch einen Menschen namens Maria ersetzt. Man könnte auch sagen: durch eine Mutter ersetzt. Sie versucht ihn zu warnen vor den Häschern, sie flüstert ihm auf der Hochzeit von Kana zu, diesem Fremden, der doch ihr Sohn ist. Aber er lässt sie gar nicht ausreden, er sagt: „Weib, was geht’s dich an, was ich tue?“ Also reist sie wieder nach Hause, was bleibt ihr anderes übrig.

Sie sieht ihn erst am Tage der Kreuzigung wieder. Colm Tóibín weicht dieser schrecklichen Herausforderung nicht aus, die stundenlange Tötung des Sohnes aus der Sicht der Mutter zu erzählen. Sie erkennt ihr Kind nicht im blutbesudelten, in Qualen verzerrten Gesicht, wohl aber an seinen Schreien: „Es war die Stimme, die ich wiedererkannte, die Geräusche, die er machte, die ausschließlich ihm gehörten.“ Sie bleibt, bis er tot ist. Sie will, dass es schnell geht. Sie will nicht, dass er stirbt.

Erinnerung einer zornigen Frau

Jahre später soll sie den Männern in ihrem Haus schildern, wie sie ihren toten Sohn nach der Kreuzabnahme in den Armen gehalten hat. Sie besteht darauf, da schon geflohen zu sein vor dem auf sie angesetzten Mörder. Sie besteht darauf, ihr eigenes Leben gerettet zu haben. Und nein, sie ist nicht stolz darauf.

Er ergreift Partei für diese Maria aus Fleisch und Blut, Zähigkeit und Angst, der irische, mithin in einem erzkatholischen Land aufgewachsene Autor – aber er tut es dezent. Ein Schemen ist sein Jesus, unmöglich zu sagen, ob er der Sohn Gottes ist, ob er tatsächlich Wunder vollbringt. Könnte ja sein, dass seine Mutter zu nah dran ist, um seine Außerordentlichkeit zu bemerken. Könnte ja sein, dass sie sich täuscht, als sie zu sehen meint, dass dieser Lazarus, kaum aufgewacht, eigentlich ein Sterbender ist. Meisterhaft rückt Colm Tóibín den Sohn in die Ferne und stellt die Mutter in die Lebenswirklichkeit, in die Sorge um Verwandte, das Wasserholen, das Kochen.

Und doch ist „Marias Testament“ kein historischer Roman. Die Details des Lebens, Reisens, Feierns, Tötens durch Kreuzigung mögen präzise recherchiert sein, letztlich ist das nicht die Hauptsache. „Marias Testament“ ist die bittere, zornige Erinnerung einer Frau, von der man am Ende glaubt, man könnte sie kennen; oder zumindest schon gesehen haben in Fernsehberichten über die Krisenherde dieser Welt. Auf Heiligenbildchen sieht man solche Frauen nicht.

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