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Bin ich nicht der selbstsüchtigste Mensch?

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Paul Nizon befragt sich selbst: Sein Lebensroman, das Journal der Jahre 1973 bis 1979, erscheint pünktlich zum 75. Geburtstag

Von STEPHAN REINHARDT

Paul Nizon, der am 19. Dezember 75 Jahre alt wird, hat seinem Journal der Jahre 1973 bis 1979 das Motto vorangestellt: "Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren". Verloren hätte er es, zumindest als Schriftsteller, teilt er gegen Ende seiner tagebuchartigen Aufzeichnungen mit, wenn er sich nicht zur "Selbstausweisung" aus der Schweiz entschlossen hätte. "Da war keine Lebenszufuhr mehr." Die Schweiz, noch bis zum Ersten Weltkrieg ein "eher armes Land und Volk", wurde in zwei Weltkriegen zum "Kriegsgewinnler", zum "Bankiersland" mit einer "erzmaterialistischen" Mentalität: "Das Haushalten, Sparen, Putzen, Werkeln (...) als Lebensinhalt". Wobei die politische Devise der Neutralität sich auch geistig Ausdruck verschaffte in einem allgemeinen "Desinteresse, institutionalisierter Meinungslosigkeit nach außen, um was zu mästen? Den Eigennutz."

Ein ziemlich infames Doppelspiel, so Nizon, wurde da in Helvetien gespielt. Einerseits wurden Demokratie und Freiheitsmythen monumentalisiert, andererseits wurde - und wird - schamlos partizipiert "an der Ausbeutung aller armen Nationen, auch am Verbrechen (die Fluchtgelder der Mafia, der Nazis, der südamerikanischen Bluttyrannen etc.)". Was also bleibt anderes als der Ortswechsel, zum Beispiel die Flucht in die "Welthauptstadt" Paris.

Hier hat Paul Nizon von seiner Tante eine kleine Wohnung geerbt, auf dem Montmartre, mitten im Rotlichtviertel Pigalle. Zuvor noch und dazwischen wieder der Besuch bei Konrad Farner, dem Schweizer Kunsthistoriker und Marxisten. Der will, dass sich der vehemente Schweizkritiker Paul Nizon politisch engagiert wie Jean-Paul Sartre. Doch Nizon winkt ab: "Mir persönlich geht das Kollektivdenken und -leben auf die Nerven und gegen den Strich, ich kann aber nicht leugnen, daß ich froh wäre, wenn ich einen ähnlich überindividuellen, übergeordneten Glauben hätte, für den ich einstehen könnte".

Weit näher als Farner steht Nizon der befreundete Elias Canetti, der das "Unverhüllt-Menschliche" ins Zentrum stellt. Frühes Leitbild sind ihm auch "Schicksalsfiguren" wie Robert Walser: "Auch ich", Paul Nizon, "brauche ein täglich für mich notwendiges Portiönchen begeisterndes Lebensgefühl, Glücksgefühl, um existieren zu können"; Hemingway: "Wie wunderbar total er sein Leben auf sein Werk programmieren konnte"; Vincent van Gogh: "dieser einsame Kämpfer (. . .), umstellt von Verunsicherung, abgründig (. . .) Dass da einer eine Rettungsaktion, ebenso Selbstrettung wie Menschenrettung aus der ,Krankheit der Zeit', unternahm mit dem Mittel der künstlerischen Passion."

Umstellt von Verunsicherung

Umstellt von Verunsicherung und Abgründen, so sieht sich auch Paul Nizon. Der 1929 in Bern geborene Kunsthistoriker, Sohn eines russischen Emigranten und einer Schweizerin, verzichtete auf eine Erfolg versprechende Akademiker- und Publizistenkarriere. Wie der Titelheld in Stolz, sein fiktives Alter ego, trennte sich Nizon von Frau und Kind, um fortan nur noch für das Schreiben zu leben: für die "immer neue Selbsterklärung des Menschen, unternommen in den jeweils neuen zeitbedingten Umständen, den neuen Wirklichkeiten".

Also wechselte er die Orte: Paris, London, Rom. Und lebt dort "exzessiv", geht auf einem, wie Dürrenmatt ihm schreibt, "gefährlichen Pfad". Einerseits führt er ein anstrengendes Bohèmeleben bis hin zum "Sich-verkommenlassen", nähert sich der Welt der Clochards und Outlaws, dann wieder leiten ihn "Lebensneugier, Weltliebe und Schreibpassion". Dazwischen: Vereinsamung, Depression, Lebens- und Sinnkrise. Und dann erneut: Ortswechsel und Aufschwung und Selbstrettung im disziplinierten Schreiben.

Nizons Prosa - zum Beispiel seine Romane Canto, Stolz, Das Jahr der Liebe - ebenso wie seine Journale variieren mehr oder minder immer wieder nur wenige Themen: Mühe, Nöte und Gefährdungen des Schriftstellerlebens; Herstellung von Fremde durch Reisen und eben darauf die Überwindung von Fremde, Isolation und Trennendem durch Empathie, Eros und Sexualität. Nizons Forschungsobjekt: das ist er selbst, seine Schriftstellerexistenz, das sind Frauen, Städte wie Paris - ein "Stadtnarr", den es drängt, immer wieder das "Existenzabenteuer Stadt" zu bestehen.

In Das Drehbuch der Liebe flüchtet Nizon aus der Enge der Schweiz nach Paris und London (und in die Toskana), um Material zu sammeln für ein Stadtbuch mit dem Titel Abschied von Europa. Den Abriss ganzer Quartiere wie Les Halles in Paris erlebt er als "Entzauberung", als Untergang des alten Europa. Doch dann - nach langen Wanderungen durch "Tiefebenen und Jammertäler" - drängt sich seine Leidenschaft für die junge Odile in den Vordergrund. In der Beschreibung der Turbulenzen dieser Obsession und der Trennung von seiner zweiten Frau Marianne demonstriert Nizon eindrucksvoll seine Sprachgewalt, sprengt er den Rahmen des Tagebuchs. Hier knüpft er thematische Fäden, die zu seinem Erfolgsbuch Das Jahr der Liebe (1981) hinführen.

Gedankenlaboratorium

In seinem tagebuchartigen Werkstattbericht und Gedankenlaboratorium interpretiert Nizon nicht nur Begleitlektüre wie Thomas Wolfes Schau heimwärts, Engel. Er berichtet von seinen Pariser Begegnungen mit Peter Handke, Georges-Arthur Goldschmidt oder der Witwe von Boris Vian. Am Ende lässt Nizon auch Selbstbesinnung und Selbstkritik zu. Ist er nicht eigentlich, fragt er sich, der "selbstsüchtigste" Mensch, der immer nur an der "Stillung" seines "Lebenshungers" dachte und denkt?

Nur an den eigenen "Lebensroman"? Der sich, weil er angeblich als Künstler und Dichter nicht "vereinnahmt" werden dürfe und "disponibel" bleiben müsse, trennt von Frau und Kindern? Ist das nicht "Heroisierung" und Überschätzung der "künstlerischen Unternehmung"? Dass Nizon nicht bloß ein "Künstlerdarsteller" (Peter Hamm) ist, zeigt er unter anderem in solchen Passagen. Er stellt mit dem Narzissmus des Künstlerdaseins auch dessen Problematik dar.

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