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Nicht nur rostige Rasierklingen verstümmeln Genitalien

Hanny Lightfoot-Klein lenkt den Blick auf Beschneidungen und fragwürdige Operationen an männlichen wie an weiblichen Geschlechtsorganen in den USA und Europa

Von Raphaela Kula

Vielleicht erinnert die eine oder der andere sich an die Plakatwände mit der Abbildung einer überdimensionierten, rostigen Rasierklinge. Die Textunterschrift lautete ebenso provokativ wie drastisch: "Wer jetzt noch ans Rasieren denkt, der hat noch nie die Schreie eines Mädchens gehört, dem damit die Schamlippen weggekratzt werden." Wohlgemeinte Öffentlichkeitsarbeit gegen Genitalverstümmelung, jedoch mit zwiespältiger Wirkung: Genitalverstümmlung wird allein mit Afrika in Verbindung gebracht, genitalverstümmelte Frauen und Mädchen werden ausschließlich als Opfer gedacht. "Da wird ein schauerliches Thema schön gruselig unters Volk gebracht", kommentiert Sabine Müller im Vorwort des Buches Der Beschneidungsskandal, das soeben im Orlanda Verlag erschienen ist.

Ganz weit weg ? Genitalverstümmelung findet, im Verborgenen, auch in den USA und Europa statt. Frauen und Mädchen, die aus Regionen stammen, in denen diese Praxis üblich ist, sind auch hier gefährdet. Traditionen werden nicht hinter Grenzen zurückgelassen. Der gewalttätige Eingriff findet dann eher in angesehenen Arztpraxen statt und bietet ein lukratives Zusatzgeschäft, mittlerweile immerhin nicht mehr unbedingt folgenlos für die Ausführenden: Die Britische Medizinische Gesellschaft schloss 1993 einen Gynäkologen aus, der Beschneidungen vornahm. Für Schlagzeilen sorgte 1999 ein Urteil in Frankreich: Eine Beschneiderin wurde zu acht Jahren Haft wegen genitaler Verstümmelung von 48 Minderjährigen verurteilt - und die Mutter des Opfers, das die Klage anstrengte, zu zwei Jahren Haft.

Hanny Lightfoot-Klein, eine Psychologin aus den USA, die sich seit fast einem Vierteljahrhundert gegen Genitalverstümmelung einsetzt, stellt in ihrem Buch grundsätzlich die Wahrnehmung der Eingriffe in Frage, die gemeinhin als Genitalverstümmelung gewertet werden. Bereits die in den Industrienationen alltägliche Praxis der Dammschnitte bei Geburten oder der Gebärmutterentfernung bei unterschiedlichsten Beschwerden verweise, so ihre Interpretation, auf den allzu leichtfertigen Umgang mit dem Skalpell gerade in der Frauenheilkunde. Die gesundheitlichen Folgen für die betroffenen Frauen würden nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verurteilt die routinemäßige Durchführung des Dammschnittes wegen der möglichen schwer wiegenden Folgen in Einzelfällen, wie zum Beispiel Blutungen, Infektionen, Blasen- und Darmprobleme, Verlust von sexuell erregbarem Gewebe, chronischen Schmerzen, Abneigung gegen Geschlechtsverkehr.

Bezeichnend sei auch der Umgang der westlichen Medizin mit so genannten Intersex-Kindern, zweigeschlechtlich Geborenen, die automatisch operativ einem Geschlecht zugeordnet werden. In den USA finden pro Jahr 1500 bis 2000 derartige Eingriffe statt, in der Bundesrepublik etwas 350. Interessant ist zudem Lightfood-Kleins Blick auf die plastische Schönheitschirurgie; nach Busen, Gesicht und Oberschenkeln werden mittlerweile sowohl Penisse als auch Labien operativ einer fiktiven Norm entsprechend "korrigiert". Die langfristigen gesundheitlichen Folgen dieser Eingriffe, die freiwillig und ohne medizinische Indikation durchgeführt werden, sind nicht abzusehen.

Lightfoot-Klein schreibt: "Nachdem ich die letzten 20 Jahre meines Lebens der Aufzeichnung der tragischen Konsequenzen weiblicher Genitalverstümmelung an nicht einwilligungsfähigen Minderjährigen in allen Teilen der Welt gewidmet habe, stimmt mich die ganze Sache irgendwie traurig. Es erschreckt mich, mit welcher Nonchalance diese erwachsenen Frauen beschließen, ihre genitale Unversehrtheit aufzugeben, die nicht nur afrikanischen Mädchen und Jungen, sondern auch intersexuell geborenen Kindern in Europa und den USA genommen wurden, lange bevor sie alt genug waren, um dazu ihre Einwilligung zu geben."

Eine Veränderung sei aber durchaus möglich: Die Gegenüberstellung der oft unklaren kulturellen Wurzeln des Rituals mit den weitreichenden Konsequenzen für das Leben der betroffenen Kinder oder Erwachsenen bewirke eine Einsicht in die Schädlichkeit dieser Praxis. Notwendig sei ein Prozess, der alle Beteiligten ernstnimmt und einbezieht. Im westlichen Gambia hat sich ein unblutiges Alternativritual durchgesetzt, das gleichzeitig die kulturelle Identität der Gemeinschaft und die Solidarität unter Frauen stärkt. In Benin trafen sich innerhalb der letzten zehn Monate 75 Beschneiderinnen zu einer "Messer-Niederlegungs-Zeremonie". Sie vergruben ihre Beschneidungswerkzeuge an einem unbekanntem Ort in der Wüste. Da sie von Nichtregierungs-Organisationen unterstützt wurden, konnten sie andere Erwerbstätigkeiten entwickeln, um ihren Lebensunterhalt sicherzustellen.

Hanny Lightfoot-Klein bricht ein weiteres Tabu: Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Frauen und Mädchen in Europa und den USA von Chirurgen die Klitoris entfernt. Dieser schwerwiegende und folgenreiche Eingriff galt in der Gynäkologie, damals eine ausschließliche Männerdomäne, als Heilmittel bei diversen Beschwerden. Ursache sei einerseits die allgemeine Sexualfeindlichkeit dieser Zeit gewesen, die sich auch in der Pathologisierung der Masturbation ausdrückte, einhergehend mit der Entwicklung der praktischen chirurgischen Medizin - ein beschämendes und immer noch unaufgearbeitetes Kapitel der westlichen Medizin. Noch 1936 empfahl Holt's Diseases of Infancy and Childhood, ein an US-amerikanischen Universitäten benutztes Standardwerk, Masturbation mit Verätzung oder Entfernung der Klitoris zu behandeln, zudem wurden bis 1935 in psychiatrischen Einrichtungen Klitorisentfernungen durchgeführt, wie B. und V. Bullough bereit 1977 in einer Studie belegten.

Auch die Beschneidung von Jungen und Männern wird von Lightfoot-Klein kritisch betrachtet. Bis heute werde nicht bezweifelt, dass die männliche Beschneidung gesund, hygienisch und ohne direkten Folgen für den Betroffenen sei. Dabei berichteten beschnittene Männer Gegenteiliges: Schon der Eingriff wurde als gewalttätig und angsteinflößend erlebt. Sie berichten unter anderem von schwer verheilenden Wunden, Schmerzen und von sexuellen Problemen, die direkt mit der Beschneidung in Zusammenhang stünden.

Die umfassenden Bearbeitung des Themas Genitalverstümmelung bietet neben den zahlreichen Hintergrundinformationen viele authentische Aussagen von Betroffenen, sowohl Frauen als auch Männern. Sie verdeutlichen, welche weitreichenden Konsequenzen die Eingriffe in Bezug auf die physische und psychische Gesundheit haben. Und doch fällt Lightfoot-Kleins Resümee positiv aus: "Der ausdauernde Kampf gegen Genitalverstümmelung zeigt erste Früchte, die Anerkennung des Rechtes auf genitale Unversehrtheit aller Kinder, auch für die Töchter Afrikas, scheint unvermeidbar." Hoffentlich behält sie Recht.

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