Ilija Trojanow

Nicht nur auf Trumps Spuren

  • vonAndrea Pollmeier
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Ilija Trojanow spricht im Literaturhaus über sein Whistleblower-Buch „Doppelte Spur“.

Zwischen Jasmintee und Abhörprotokollen verliert sich der investigative Journalist Ilija Trojanow in den Katakomben einer Hölle, die eng mit unserer Tagespolitik verbunden ist. Das beschriebene Bild ist fiktiv und real zugleich. Denn einerseits ist Ilija Trojanow ein Autor, der sich stets mit politischer Realität auseinandersetzt, anderseits ist er jetzt auch mit einer Figur seines neuen Romans verschmolzen, die den Spuren von Whistleblowern folgt.

„Wer sich in diese bürokratischen Labyrinthe hineinwagt, spürt, wie der Tod nach ihm greift“, heißt es in diesem im S. Fischer Verlag frisch publizierten Werk „Doppelte Spur“, aus dem Trojanow im Literaturhaus Frankfurt vorträgt. Nahezu zeitgleich geben Ärzte der Berliner Charité bekannt, dass Kreml-Kritiker Alexej Nawalny nachweislich Opfer eines Giftanschlags geworden ist. Die „doppelte Spur“ wird so mit jedem Tag deutlicher zu einem Roman, dessen explosive Energie auf die Gegenwart zielt.

Eine Art Schockerfahrung habe ihn angetrieben, das Buch zu schreiben, erzählt Trojanow im Gespräch mit Moderatorin Traudl Bünger. Als er im Frühjahr 2016 in New Hampshire (USA) unterrichtete, hätten sich alle über den „Kandidaten aus Eitelkeit“ amüsiert, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden wollte. Seit dieser Zeit verfolgt Trojanow Trumps Weg und recherchiert dessen finanzielle Machenschaften. „Alles ist im Internet zu finden“, erklärt der Autor, „doch als ich später die 450 Seiten des Mueller Reports über die Ermittlungen gegen den US-Präsidenten las, war über die Finanzen Trumps kein Wort darin enthalten“.

Suche nach Details

Umso genauer sind solche Details in Trojanows Buch nachzulesen. Seine Schlussfolgerung nach jahrzehntelangen Recherchen lautet: Die Mafia ist nicht Teil des Staates, sondern umgekehrt, „der Staat ist Teil der Mafia“. Das klingt fast nach einschlägigen Verschwörungstheorien, deren Spuren von Trojanow und zwei Kollegen ebenfalls verfolgt werden. Sie eint die Erkenntnis: „Wenn wir eine starre Linie zwischen Kriminalität und Rechtmäßigkeit ziehen, übersehen wir das Wesentliche.“

Doch es geht Trojanow nicht um Einzelfakten, weise Sprüche und pauschale Anklagen. Wer literarisch angemessen auf gegenwärtige Herausforderungen reagieren wolle, müsse als Autor neue Wege gehen, ist er überzeugt. Früher habe der Romancier kreative Welten für den Leser erzeugt, heute schaffe jeder Leser im Internet seinen eigenen fiktiven Kosmos. „Ich habe heute 80 Millionen schreibende Kollegen“, sagt er schmunzelnd.

Nicht der Zugang zu Informationen sei gegenwärtig das Problem, sondern deren Auswahl und Bewertung. „Es bedarf einer Technik, um Geheimdienstdokumente zu lesen.“ Panama Papers und auch KGB-Dokumente sind beispielsweise im Netz öffentlich zugänglich, doch wer sich als Laie daran macht, sie zu lesen, verliert sich darin wie in einem Labyrinth. Es gebe, so Trojanow, zu viele Informationen und einen Mangel an Transparenz, vor allem wenn es um die Finanzbranche gehe. Hier greift der Autor als eine Art Kurator ein. Auf der Basis realen Wissens setzt er in seinem Buch Bausteine so zusammen, dass Verschleierungen aufgelöst und komplexe Zusammenhänge, die mit hoher Wahrscheinlichkeit der Wirklichkeit entsprechen, erkennbar werden.

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