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Wo es nicht mehr sicher ist

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Von: Andrea Pollmeier

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"Hitler ist ein Mensch wie wir", sagt der Schriftsteller.
"Hitler ist ein Mensch wie wir", sagt der Schriftsteller. © imago

Bereit zur Durchschreitung von Tabuzonen: Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård spricht in Frankfurt über seinen Band "Kämpfen", über das Böse und den Zweifel.

Eigentlich wollte sich der norwegische Autor Karl Ove Knausgård vor einer Lesereise in Deutschland drücken. Grund sind 400 Seiten seines neuen, insgesamt 1277 Seiten umfassenden Buches „Kämpfen“, das soeben im Luchterhand-Verlag in der Übersetzung von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg erschienen ist. In den sechsten und letzten Band seines autobiographischen Mammutprojekts „Min Kamp“ hat der international anerkannte Autor einen umfangreichen Essay über die Persönlichkeit Hitlers eingefügt. Anlass hierfür war der Nachlass seiner Großmutter und seines Vaters. In der Wohnzimmertruhe fand er eine alte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ und in den Sachen des Vaters eine Nazi-Anstecknadel mit deutschem Reichsadler. Im Buch beschreibt der 1968 Geborene, wie vorsichtig er sich Hitlers Buch näherte. „Jeder sollte den Text lesen“, sagt Knausgård heute. „Hitler ist ein Mensch wie wir“. Wer Hitler in eine Distanz rücke, werde das Böse nicht als Teil der eigenen Welt wahrnehmen können. Knausgårds „Kämpfen“ ist ein langes Literatur- und Quellenverzeichnis angefügt. Werke von Hannah Arendt stehen darin, nach denen Agambens.

Drei Lesungen in Deutschland hat der Autor schließlich doch zugestimmt. Nach Berlin und vor München sprach er mit dem Kulturjournalisten Alf Mentzer im Schauspiel Frankfurt. Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Knausgårds Selbstanalyse, die im Original den auf Deutsch heiklen Titel „Mein Kampf“ trägt, und derjenigen Hitlers, will Mentzer wissen. Ruhig, ohne provozieren zu wollen, antwortet Knausgård: „Der Wunsch, authentisch zu schreiben, könnte beide Bücher verbinden“, meint er. Doch gebe es in Hitlers „Mein Kampf“ keinerlei Ausdruck von Zweifel. Der Zweifel sei jedoch in Schlüsselwerken der Moderne wie beispielsweise in Shakespeares „Hamlet“ zentral. Zum wertvollsten Moment eines Lebens gehörten auch die sozialen Beziehungen. Diese seien in Hitlers Selbstanalyse nicht vorhanden. „Es gibt darin kein ‚Du‘, nur ein ‚Ich‘ und ein ‚Wir‘,“ sagt Knausgård. Auf diese Weise gebe es niemanden, der den Erzähler korrigiere. Diese Art, sozial isoliert und in seinen Ansichten und Vorstellungen unkorrigiert geblieben zu sein, habe man beispielsweise auch bei dem norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik im Nachhinein beobachtet. Karl Ove Knausgård ist bereit, Tabuzonen zu durchschreiten. Das Ausmaß der Verwerfungen, das er mit seinen ersten fünf Bänden innerhalb der eigenen Familie auslösen würde, habe er nicht vorausgeahnt, sagt er. Das bleibe ein moralisches Dilemma. Doch habe er sich gegen die Lüge entschieden und das Leben des an Alkoholsucht gestorbenen Vaters offen beschrieben. „Autoren müssen beim Schreiben in Zonen vordringen, in denen sie nicht mehr sicher sind“, sagt Knausgård. Wer dieses Risiko meide, sei literarisch tot. Den Mut zum Risiko hat Knausgård nicht nur sich selbst, sondern auch seiner Familie abverlangt. Jetzt fordert er auch von seinen deutschen Lesern die Bereitschaft zu rückhaltloser Konfrontation.

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