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Die Oberklassenschüler schauen sich die Vergnügungen der Unterklasse mühelos ab - hier ein "Mod-Rocker" des distinguierten Eaton-Internats im Jahr 1966 - , während die Unterklassenschüler so gut wie never nach oben fliegen.
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Die Oberklassenschüler schauen sich die Vergnügungen der Unterklasse mühelos ab - hier ein "Mod-Rocker" des distinguierten Eaton-Internats im Jahr 1966 - , während die Unterklassenschüler so gut wie never nach oben fliegen.

Wer nicht fliegt, wird untergehen

Die britischen Sixties kommen dunkel zurück: B. S. Johnsons "Albert Angelo" ist ein ungewöhnlicher Paukerroman

Von Ulrich Rüdenauer

"Zukunftsgucklöcher" nennt Bryan Stanley Johnson Ausstanzungen auf der Buchseite, durch die hindurch man auf einen späteren Zeitpunkt der Geschichte vorausschauen kann. Seite 183 bietet so ein kleines Fenster, das den Blick ausschnittweise auf Seite 189 frei gibt. Dort liest man etwas von einem "Messer" und einer "tödlichen Wunde" und ahnt: Es geht nicht gut aus mit Albert Angelo, dem Titelhelden des Romans.

"Zukunftsgucklöcher" haben sich weder als literarische Technik noch als typographisches Verfahren wirklich durchgesetzt. Wie so manches andere auch, mit dem B. S. Johnson in den sechziger Jahren in seinen Büchern experimentiert hat - und das war nicht wenig. Der 1933 in London geborene Autor hat neben Essays, Dramen und Gedichten fünf Romane veröffentlicht, und ein jeder davon zeugt vom Versuch, das zu (zer)stören, was herkömmliche, realistisch konzipierte Romane ausmacht: den Plot, die bedingungslose Einfühlung in Figuren, eine kontinuierliche Entwicklung, die Fiktion überhaupt. Man mag zu bedenken geben, dass auch vor Johnson schon einige Literaten mit diesem Avantgarde-verdächtigen Programm angetreten waren. Aber in den sechziger Jahren galt er in England doch als originelle Ausnahme, und seine Affinität zum experimentellen Schreiben, zu Autoren wie Lawrence Sterne, James Joyce oder Samuel Beckett brachten ihm zwar einen Ruf, aber keinesfalls Berühmtheit ein. Das ist bis heute so geblieben.

Um so bemerkenswerter das Unternehmen des Argon Verlags, den unbekannten Johnson nun (nach einem ersten Anlauf des Schneekluth-Verlags Ende der achtziger Jahre) den Lesern in Deutschland vorzustellen. Im letzten Jahr erschien Christie Malrys doppelte Buchführung (1973 in England herausgekommen), und nun folgt sein großartiger, noch heute immer noch lebendig wirkender Roman Albert Angelo, erstmals 1964 publiziert.

Albert Angelo heißt eigentlich Albert Albert - "um seine Albertigkeit noch herauszustreichen" -, und er ist ein eher unglücklicher, etwas dicklicher Mann von 28 Jahren. Seine große Liebe hat ihn vor längerer Zeit verlassen, woran er noch immer zu knabbern hat. Mit dem Leidensgenossen Terry verbindet ihn ein "eigenartig zögerliches Freundschaftsverhältnis". Die beiden ziehen nachts durch Londons Kneipen. Die verruchte Cable Street hat es ihnen besonders angetan, denn sie ist ein Ort, "der uns daran erinnert, dass andere Menschen das Leben erleiden, während der größte Teil Londons wie tot wirkt. Sie ist, auch das, ein Ort für Ausgestoßene, für Außenseiter, denen wir uns zugehörig fühlen, wie sehr wir uns auch ansonsten von ihnen unterscheiden mögen". Der Blick in diesem Roman, der auch ein Großstadt-Roman ist, richtet sich nicht aufs Zentrum, sondern auf die Ränder der Metropole. Wie überhaupt Straßen, Häuser und die Stadt in der Wahrnehmung Alberts eine bedeutende Rolle spielen.

Seine eigentliche Berufung nämlich ist die Architektur, wenn er daraus auch keinen Beruf machen kann. Es ist fraglich, ob jemals eines der Häuser, die Albert in seiner Freizeit plant und zeichnet, gebaut werden wird. Es ist fraglich, ob sein Ehrgeiz jemals ausreichen wird, ihn aus seiner trüben Lethargie zu befreien. Er verdingt sich stattdessen als Aushilfslehrer, meist an Schulen in unfeineren Gegenden der Stadt, bei Schülern, die ihre Lehrer in den Selbstmord treiben und nicht im entferntesten daran denken, sich irgendetwas beibringen zu lassen. "Groß und schlaksig sitzen sie an den Stahlrohrtischen, Männer und Frauen, körperlich, denen du heute zu helfen versuchst, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, an die du selbst nicht glaubst, in der bereits jetzt eher ihre Wertvorstellungen gelten als deine eigenen. Aus den meisten werden sicher Ehefrauen und Ehemänner, aus manchen Nutten und Zuhälter: es läuft alles auf dasselbe hinaus; wer denkt, wird unglücklich werden, wer nicht denkt, wird untergehen."

Johnson weiß, wovon er schreibt: Er, der selbst der Arbeiterklasse entstammt und sich mit der Literatur zumindest ins Unglücklichsein geflüchtet hat, war eine Weile lang als Aushilfslehrer tätig gewesen. Das bewahrt offenbar vor Sozialkitsch. Albert Angelos Sichtweise ist von Resignation und Melancholie durchsetzt. Schleicht sich Kälte in die Beschreibungen seiner Umwelt, dann hat es mit dieser Stimmungslage zu tun. Viel mehr aber spürt man trotz aller schneidenden Kühle eine verzweifelte Empathie, die unbelohnt bleibt. Man merkt: Albert würde gerne etwas aufbauen, stattdessen stürzt - etwa in der Schule oder in der Liebe - ständig etwas zusammen. Zuweilen wirken seine Reflexionen über das Schulwesen und die Klassengegensätze der englischen Gesellschaft in den Sechzigern wie kluge und dezidierte Repliken auf die damals im Schwange gewesenen Thesen des Soziologen Basil Bernstein, der davon ausging, dass der Sozialerfolg von Mitgliedern einer Gesellschaft maßgeblich von der Wohlorganisiertheit ihrer Sprachverwendung abhänge. Die erfolgreiche Mittelschicht definiert, was Standard ist, so Bernstein; die Unterschichtssprache erweist sich, gemessen daran, als defizitär. Ein didaktisches Moment ist Johnsons Roman nicht abzusprechen.

Das Verständnis für seine Schüler hilft Mr. Albert allerdings herzlich wenig - die Kinder verstehen ihn nicht, sie verachten ihn vielmehr. Seine Lehrmethoden passen sich dem Klima der Gewalt gegen alle Einsichten an. Kurze Schulaufsätze, in denen die Jugendlichen notieren dürfen, was sie von ihrem Lehrer halten, illustrieren die Abneigung gegen Albert als Repräsentanten einer verhassten Institution, der er sich selbst nicht zugehörig fühlt. "Körperlich" ist die richtige Beschreibung für den Zustand, in dem die Jugendlichen verharren. Albert lebt und lehrt gefährlich.

Wenn all das nun kein Realismus ist, was dann, könnte man fragen. Tatsächlich transportiert dieser Roman mindestens so viel Lebenswirklichkeit wie ein sozialkritischer Schmöker im Geiste Dickens'. Aber es lässt sich über dieses Buch eben noch eine andere Geschichte erzählen, die vom Inhalt weg- und zur Form hinführt: B. S. Johnson verabscheut das veraltete Medium Roman so sehr, dass er es fortwährend zu dekonstruieren versucht. Er liebt es aber gleichwohl so innig, dass er nicht davon lassen und sich zu einer kompletten Vernichtung nicht durchringen kann: Es geht ihm um Entgrenzung.

Klassische Erzählpassagen, die durch ihre metafiktionale Relativierung dennoch nicht wie Ironisierungen wirken, werden von filmischen Dialog-Szenen abgelöst; Johnson verwendet typographische Elemente, um auf Personencharakterisierungen hinzuweisen; es gibt direkte Einfügungen von vorgefundenem Material (zum Beispiel die Visitenkarte einer Wahrsagerin) oder die Schilderung einer Schulstunde, die in zwei Spalten zum einen den objektiven Ablauf, zum anderen die Gedanken Alberts abbildet. Perspektivwechsel und der Aufbau des Buchs erinnern an musikalische Strukturen. Durch den Jazz, sagt Albert einmal, habe er einen Begriff davon bekommen, was Kunst bedeute. In der Variation der Stimmen, den abrupten Übergängen, Improvisationen, den mehrstimmigen Passagen, durch das präzise und doch offene Gefüge, die Experimentierfreude und die urbane Szenerie schafft Johnson eine Komposition, die auf abstrakter Ebene den Rhythmus des Jazz aufgreift. Und, das mag den einen oder anderen nun vielleicht noch überraschen: Das Buch ist obendrein witzig, spannend, es will einen nicht erziehen, sondern hineinziehen in ein wahres Leben. Mit Pathos hat es Johnson nämlich ebenfalls. Fiktionale Literatur gebe lediglich vor, vom wirklichen Leben zu handeln, behauptet er. Was sie aber gebiert, seien Lügen. Dass die Dichter lügen, davor warnte schon Platon. Und auf diese Lügen, so ließe sich die Position Johnsons bestimmen, muss immer wieder hingewiesen werden: "scheiß auf die ganzen lügen sieh mal worüber ich wirklich zu schreiben versuche ist das schreiben nicht dieser mist über architektur versuche etwas über das schreiben auszusagen über mein schreiben".

Diese Passage, in der sich das Autor-Ich zu Wort meldet, bricht den Plot erst einmal ab. Sie beschreibt Aporien, die den Schriftsteller Johnson umtreiben, den verzweifelten Versuch, angesichts der Komplexität der Wirklichkeit nicht zu vereinfachen, nichts mehr vorzutäuschen, schlicht: nicht zu lügen. Johnson verknüpft die Geschichte von Albert mit Autobiografischem und schneidet, wenn nötig, die Fäden zwischen Leben und Werk durch. Er wendet sich gegen seine eigene Konstruktion, bringt sie zum Einsturz, um sie dadurch noch stabiler als Dichtung in seinem Sinne zu installieren. Und schließlich kehrt er in einer Coda noch einmal zurück zu seiner Hauptfigur, zu seinem Alter ego, dem als Architekten verkleideten Dichter, jedoch nur, um Albert Angelo dem erahnten letalen Ende zuzuführen. Dichtung entstehe aus Leid, sagte Johnson. Aber die Dichtung vergrößert das Leid angesichts der traurigen Erkenntnis, dass immer nur eine Annäherung an die Wahrheit möglich ist. An diesem Widerspruch muss man nicht unbedingt als Autor, als Mensch aber wohl zwangsläufig scheitern, wenn man die Literatur und das Leben so ernst nimmt, wie Johnson es getan hat. Am 13. November 1973 nahm er sich in London das Leben.

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