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„Heiligsheim“ nennt Friedrich Ani seinen fiktiven bayerischen Ort, in dem vieles im Schatten bleibt.

Friedrich Ani „Nackter Mann, der brennt“

Und nicht einmal Jesus hat ihn gesehen

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Friedrich Ani erzählt in seinem neuen Roman ohne Wenn und Aber von einer alttestamentarischen Abrechnung: „Nackter Mann, der brennt“.

Dieser Roman könnte auch heißen: Ein Mann sieht rot. Wenn Ludwig Dragomir (der eigentlich nicht Ludwig Dragomir heißt) zu uns zu sprechen beginnt, ist seine Abrechnung schon im Gange, nach dem alttestamentarischen Prinzip des Auge um Auge, Zahn um Zahn, Ertränken um Ertränken. Wenn Ludwig Dragomir (der sich für die, die ihn einst kannten, als ein „Luggi“ unkenntlich gemacht hat) anhebt zu sprechen, hat er schon einen Gefangenen, den er „mein Gast“ nennt. Und läuten die Begräbnisglocken für einen, mit dem er bereits abgerechnet hat. Er ist der Ich-Erzähler in Friedrich Anis jüngstem Roman „Nackter Mann, der brennt“. Die Rache lodert weiß Gott heiß und lange in ihm.

Der Münchner Schriftsteller Friedrich Ani schreibt wie ein Schweizer Präzisionsuhrwerk, in diesem eigenen, eigenwilligen Ton, schlank und scharf und trotzdem satt an Atmosphäre. Nachdem er zuletzt einen Ermittler i. R. geduldig zuhören, nachdenken, auch Geister sehen ließ („Der namenlose Tag“), ist er nun in die Haut eines Mannes geschlüpft, der zum mehrfachen Mörder wird. Der jede Verbindung zu seinem alten Leben abgeschnitten hatte, für Jahrzehnte, aber plötzlich nicht mehr damit leben kann, seine Spiel- und Schulkameraden im Stich gelassen zu haben.

Besonders den kleinen Hans, der ihm einst vom Pfarrhaus hinterherlief. Und der Jesus nicht böse sein wollte, obwohl der „taub und blind“ sei: „Ich hab so laut seinen Namen geschrien, und er hat mich nicht erhört. Und, fuhr der Maurer Hanse fort, ich hab ihm gewinkt, bis mir die Arme fast abgefallen sind, und er hat mich nicht gesehen.“

Ani erzählt, ohne es jemals direkt auszusprechen, noch gar direkt zu schildern, von vielfachem Kindesmissbrauch. An dem haben sich damals nicht wenige scheinbar ehrenwerte Bürger beteiligt, etwa der Apotheker des Orts, der auch immer Bonbons verteilte wie ein guter Onkel. Und wenn ein Junge nicht mehr zu schweigen drohte, brachte man ihn um. Ertränkte ihn. Überfuhr ihn. Es gab auch das Opfer, das sich später, als junger Mann, das Leben nahm.

Und dann gab es einen, der der Himmlische hieß, Coelestin, und der nun als Luggi mit dem Racheschwert und mit einschlägigen Unterwelt-Erfahrungen zurückkehrt. Der alles geplant hat, aber doch auch wie eine Lunte ist, die man nicht mehr löschen kann. Mit nichts. Der Leser lernt Ludwig Dragomir/Coelestin erst kennen, als die Funken schon nach allen Seiten sprühen, als er seine Opfer schon mit Lügen lockt und einsammelt. „Ich bedauerte, dass Jesus nicht auf dem Rücksitz saß und mit ansehen konnte, was sein Vater mit der Menschheit angerichtet hatte.“

In den Worten dieses Ich-Erzählers ersteht ein Ort wieder (Ani nennt ihn zum Hohn Heiligsheim), in dem das demütige Schweigen, der Respekt vor Honoratioren, die Bereitschaft, ihnen mehr zu trauen als dem eigenen Kind, die faule Akzeptanz von Heuchelei und Gleichgültigkeit das Verbrechen an Körper und Seele von Kindern begünstigen. Ginge es um harmlosere Sachen, könnte man Ludwig Dragomir einen Polterer nennen. Aber er lässt es nicht lange bei Worten bewenden.

Die Polizei – in Gestalt einer kühl-eleganten Ermittlerin namens Anna Darko – schöpft zwar Verdacht, spielt aber nur am Rande und am Ende gar nicht mehr mit. Luggi/Coelestin zieht die blutige Sache durch, so oder so. Gegen die Gleichgültigkeit und Verachtung der Einheimischen, zu denen auch er einmal gehört hat. Eine Gleichgültigkeit, von der unter anderen der kleine missbrauchte Hans ein Lied hätte singen können, „wenn ihm je im Leben nach Singen zumute gewesen wäre“.

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