Schwer verwickelt: Joachim Meyerhoff, hier mit Alexandra Henkel in Nestroys "Höllenangst", 2006, in Salzburg.
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Schwer verwickelt: Joachim Meyerhoff, hier mit Alexandra Henkel in Nestroys "Höllenangst", 2006, in Salzburg.

"Die Zweisamkeit der Einzelgänger"

Nicht aufhören!

  • vonUlrich Seidler
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Endlich setzt Joachim Meyerhoff seine autobiografische Saga fort.

Das ist nun schon das vierte autobiografische Buch des schreibenden Schauspielers Joachim Meyerhoff, und irgendwie stecken wir immer noch in der Pubertät. Wir haben schon so einiges auf vielen Wegen aus den Kinder- und Jünglingsjahren von Meyerhoff erfahren, miterleben und genießen dürfen, zuerst als Ensemblestück (2001 am Gorki), dann als Erzähltheater-Marathon (ab 2005 am Burgtheater Wien) und schließlich als preisgekröntes Romanprojekt „Alle Toten fliegen hoch“.

Wir kennen seine Kindheit als Arztsohn in der Psychiatrie „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2013), sein Auslandsjahr in Amerika „Amerika“ (2011) und seine Ausbildung zum Schauspieler „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (2015). Am heutigen Donnerstag erscheint „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“, der vierte Teil der Meyerhoff-Saga. Wie viele es wohl noch werden? Und wann kauft Amerika endlich die Rechte für eine vielstaffelige TV-Serie mit dem großen Selbstdarsteller in der Hauptrolle?

Aber nun zum neuen Buch. Wir befinden uns irgendwo in den 90er Jahren. Der Held, der eben noch bei seinen inzwischen leider verstorbenen Großeltern in München lebte und dort unter Qualen die Otto-Falckenberg-Schule absolviert hat, macht inzwischen geradezu mustergültig als Jungschauspieler seine ersten Stationen in Kassel, Bielefeld und Dortmund. Der Durchbruch zu dem Theaterstar, der Meyerhoff heute ist, kommt noch so gar nicht in Sicht, im Gegenteil, das Scheitern scheint immer kurz bevorzustehen.

Man muss, was das Roman-Projekt angeht, diesen Durchbruch fürchten, weil der Erzähler dann in nachprüfbare Gefilde vordringen müsste und Personen des öffentlichen Interesses zu seinen Figuren würden. Damit geriete die Schwebe von Fiktion und Biografie in Gefahr. Vielleicht zögert Meyerhoff die Mannwerdung seines Helden deshalb immer weiter hinaus. Es fehlt nicht mehr viel, und die Lebensphase als biografischer Künstler müsste zum Gegenstand seiner Biografie werden. Selbstreflexive Kurzschlüsse wären die Folge und das Projekt würde durchbrennen! Noch aber kann der Erzähler ganz theatergenuin, mit der nötigen Fremdheit und belustigtem Staunen auf seine in der Vergangenheit verkapselte Ich-Figur blicken – wie ein Interpret auf eine Rolle.

Was aber die Mannwerdung im engeren Sinn der sexuellen Verwirklichung angeht, lässt der neue Band nichts zu wünschen übrig, denn in dieser Hinsicht hat er – abgesehen von den unvergessenen amerikanischen Whirlpool-Erlebnissen und einem missglückten Puffbesuch in St. Pauli – einiges nachzuholen, wozu er später in der großelterlichen Wohnung in München keine Gelegenheit hatte.

Die erotisch unersättliche Franka aus Dortmund

So kommt es, dass er sich in drei Affären gleichzeitig stürzt: Bei einer Premierenfeier – auch so ein schauspielerbiografischer Klassiker – trifft er „die erste große Liebe meines Lebens“: die Bielefelder Studentin Hannah: „Zu große Zähne, zu große Augen, zu platte Nase, verdammt kurze Haare. Sie gefiel mir sofort.“ Sie führen eine spröde, kämpferische, leidenschaftliche, aber auch holprige und – besagter Zähne wegen – beim Küssen klappernde Literatenliebschaft.

In Dortmund kommt die erotisch unersättliche und massagebedürftige Tänzerin Franka dazu: „Sie war unfassbar schön, und ein Wort schoss mir durch den Kopf, das ich niemals in meinem Wortschatz vermutet hatte: rassig.“

Bis hierhin lässt sich das aufgrund des Ortsunterschieds ganz gut koordinieren. Auch mit Hilfe von Aufputschmitteln, die dann allerdings dazu führen, dass sich dem künstlerisch natürlich unzufriedenen Schauspieler ein tägliches Zeitfenster in den frühen Morgenstunden, so ab vier öffnet , und da hält sich die nicht mehr junge, aber weiche und nach Puddingbrezeln duftende Bäckerin Ilse bereit.

Das klingt jetzt alles sehr bedürfnisorientiert und egoistisch, auch weil die drei Frauen für verschiedene Spielarten und Schwerpunkte der Liebe zu stehen scheinen, die grob gesagt bei der einen eher durch den Kopf, der zweiten durch den Schwanz und bei der dritten durch den Magen geht.

Vor allem aber bietet die Konstellation viel Stoff für Meyerhoff’sche Slapsticks und charmante Denunziationen, die vor allem auf den Helden zurückfallen. Und es ist immer genug zu tun, um in den Gefühlsverwirrungen nicht unnötig zu Bewusstsein zu kommen, so dass der Held nicht Gefahr läuft verantwortungsvoll, also langweilig zu handeln. Daher kommt wohl auch die ungetrübte Unreife der Figur, deren Feier durch den Erzähler einem irgendwann doch ein bisschen auf die Nerven geht. Dass der Stoff langsam dünn wird, merkt man auch an willkürlichen Rückblenden auf Ereignisse aus dem Meyerhoff’schen Leben, die noch nicht auf hochgetunte Pointen abgeklopft wurden.

Man liest und schlemmt und lacht noch, aber schon mit der Ahnung eines Entsetzens: Ist etwa der epische Gehalt, den das Leben zur Ausbreitung bietet, trotz Proust, Knausgård und Meyerhoff doch auserzählbar? Also endlich? Wir warten jetzt schon auf Teil fünf.

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