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Elizabeth Jane Cochran, die sich als Nellie Bly einen Namen machte.

Journalismus

Die „Newspaperwomen“ - eine von ihnen war Nellie Bly

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Um 1900 wurde in den USA der Journalismus revolutioniert und ein Massenpublikum erreicht. Vor allem aber wurden Frauen Sensationsreporterinnen, unter ihnen Nellie Bly.

Nellie Bly (1864–1922), geboren als Elizabeth Jane Cochran in Cochrans Mills in Pennsylvania, kam 1885 durch einen Leserbrief zum Journalismus. Im „Pittsburgh Dispatch“ war ein Artikel erschienen, Frauen seien für nichts als Kinder und Hausarbeit da. Unter dem Pseudonym „Einsames Waisenmädchen“ widersprach Elizabeth Cochran. Bald danach bekam sie eine Festanstellung und nahm – wie damals für Frauen üblich – ein Pseudonym an: Nellie Bly.

Sie schrieb für die Zeitung Undercover-Reportagen über Fabrikarbeit und Fabrikarbeiterinnen. Die Unternehmer beschwerten sich bei der Chefredaktion. Nellie Bly wurde angewiesen, auf den Frauenseiten über Mode, Garten und Gesellschaft zu schreiben.

Reportage von Nellie Bly -undercover in der Psychiatrie

Dazu hatte sie keine Lust. „Erst ein paar Monate zuvor“, schrieb sie, „war ich eine Zeitungsfrau geworden. Ich war zu ungeduldig, um die üblichen Arbeiten zu machen, die Frauen in Tageszeitungen so tun. So kam ich auf die Idee, wegzugehen und als Korrespondent zu arbeiten.“ So fuhr sie, von ihrer Mutter begleitet, nach Mexiko und berichtete über die dortigen Arbeits- und Lebensverhältnisse. Nach Lektüre ihrer Artikel drohte ihr die mexikanische Regierung, sie müsse sofort das Land verlassen oder sie würde verhaftet. Nellie Bly verließ Mexiko, packte ihre Reportagen mit einer geharnischten Kritik an den Praktiken der Regierung des Generals Porfirio Diaz zwischen zwei Buchdeckel und landete auch damit einen großen Publikumserfolg.

Joseph Pulitzer (1847–1911) hatte 1883 die mit einer Auflage von 15 000 Exemplaren dahinsiechende Tageszeitung „New York World“ gekauft. Er gab seinen Parlamentssitz in Washington auf, um das Blatt nach vorne zu bringen. Nach ein paar Jahren war die „New York World“ mit einer Auflage von 600 000 die größte Tageszeitung der USA geworden. Mit Sensationsgeschichten, mit human interest stories, mit Artikeln über Verbrechen und Katastrophen. Als Leser hatte Pulitzer auch Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Konsuminteressen vor Augen. 1895 führte er eine sonntägliche Farbbeilage ein, in der „The Yellow Kid“ von Richard F. Outcault zu einem der erfolgreichsten Comic-Strips der Zeitungsgeschichte wurde. 1913 erschien in der Zeitung das erste Kreuzworträtsel der Welt.

Im Oktober 1887 war in den Sonntagsausgaben vom 9. und 16. in der „New York World“ eine noch mit groben Holzdrucken in Schwarz-Weiß versehene Reportage von Nellie Bly erschienen. Die junge Frau hatte sich undercover zehn Tage lang in eine psychiatrische Anstalt einsperren lassen. Ihre Reportage wurde ein riesiger Erfolg. Sie zeigte die völlig unzumutbaren Zustände in der Psychiatrie. Es kam zu einer gerichtlichen Untersuchung, die zu der Schließung der Anstalt führte. Ein Reiz der Reportage war freilich auch immer wieder die Chuzpe, mit der die Reporterin Ärzte und Verwaltung – alles Männer – an der Nase herumführte. Mit einem Schlag etablierte Nellie Bly eine neue Art investigativen Journalismus, die nicht nur sie zu einer Berühmtheit machte, sondern auch die Auflage ihrer Zeitung erheblich steigerte.

Frauenecke? Ohne Nellie Bly

Nellie Bly weigerte sich, sich in die Frauenecke schieben zu lassen, sie schreckte vor keinem Risiko zurück. Sie war versessen darauf, „Dinge zu tun, die noch keine Frau getan hatte“. Nellie Bly war eine neue Frau. Sie war gerade darum eine Frau, mit der sich die neuen berufstätigen Frauen identifizieren konnten. Mit der heute wieder ach so beliebten Henry-James-Welt hatte sie nichts zu tun. Ihr Mut stieß auf den Mut Hunderttausender Frauen, die – oft aus der Not heraus – die Abhängigkeit von einem männlichen Familienernährer aufgegeben hatten und bereit waren, bereit sein mussten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Nellie Bly schrieb nicht für sie. Aber diese Frauen erkannten sich in der Reporterin wieder. Deren Geschichten waren ihre Geschichten. Deren Texte interessierten sie. Nicht nur, weil sie sich für die Inhalte der Artikel interessierten, sondern mehr noch, weil ihre zupackende Art sie anspornte. Ihre Vitalität weckte die Leserinnen auf.

1892 veröffentlichte die amerikanische Feministin Charlotte Perkins Gilman ihre kleine Erzählung „Die gelbe Tapete“, eine der großartigsten Schilderungen weiblicher Psychiatrisierung. Eine tränentreibende Opfergeschichte. Nellie Bly betrieb keine Introspektion. Sie ging hinaus aus sich, hinein in die Psychiatrie und beschrieb, wie Hysterikerinnen hergestellt werden. Man wünscht sich heute eine Tageszeitung, die Platz für beide und noch viel mehr Sichtweisen hätte.

Nellie Blys „Zehn Tage im Irrenhaus“ sind ebenso wie ihre Reportage „Around the World in 72 Days – Die schnellste Frau des 19. Jahrhunderts“ auf Deutsch vor ein paar Jahren im Berliner Aviva-Verlag erschienen. Bei Orell Füssli (Zürich) kam im Oktober die deutsche Fassung der Bly-Biografie des italienischen Journalisten Nicola Attadio heraus. Darin finden sich jede Menge bibliografischer Hinweise. Wichtig ist für unser Thema auch die nur auf Englisch vorliegende Studie von Jean Marie Lutes: „Front Page Girls: Women Journalists in American Culture and Fiction, 1880–1930“.

Nellie Bly, die „Newspaperwomen“

Nellie Bly war nicht die Einzige. Jean Marie Lutes zeigt, dass die moderne Massenpresse, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts in den USA entstand, ohne die „Front Page Girls“ unmöglich gewesen wäre. Das waren nicht die „schönen Mädchen von Seite eins“, sondern junge Redakteurinnen, die es mit ihren Artikeln auf die ersten Seiten brachten. Die „Newspaperwomen“ standen für eine Moderne, in der die Sicht der Frauen, ihre Erfahrungen, ihre Arten sich auszudrücken nicht nur die Zeitungsproduktion revolutionierten, sondern auch neue Leser- und Konsummärkte erschlossen. Das geschah in wenigen Jahren mit so eklatantem Erfolg, dass die ganze Branche umgestülpt wurde.

Das war natürlich nur möglich, weil die Gesellschaft darauf angewiesen war, Frauen Wege aus der Beschränkung auf Küche und Kindererziehung heraus zu ebnen. Andererseits aber haben die Artikel von Nellie Bly und ihren Kolleginnen der Gesellschaft die Augen geöffnet und ihr geholfen, sich genauer, realistischer und bunter zu sehen.

1888 schlug Nellie Bly Joseph Pulitzer eine Weltreise vor. Sie wollte den Rekord, den Jules Vernes erfundener Held Phileas Fogg aufgestellt hatte, überbieten und in weniger als achtzig Tagen um die Welt reisen. Eine Frau allein, mit nichts als einer Reisetasche. Pulitzer lehnte ab: Sie sind eine Frau. Sie brauchen einen Beschützer. „Sehr gut“, antwortete Nellie Bly, „bringen Sie nur einen Mann an den Start. Am selben Tag noch gehe ich zu einer anderen Zeitung und werde ihn schlagen.“

Nellie Bly berichtete über Frauenkampf

Das war Nellie Bly. Das war aber auch die Situation auf dem damaligen Zeitungsmarkt. William Randolph Hearst (1863–1951), der bei Pulitzer gelernt hatte, war 1888 mit der Modernisierung des „San Francisco Examiner“ beschäftigt und hätte seinem einstigen Mentor sicher mit großer Freude Nellie Bly abspenstig gemacht. Dazu kam es nicht. Nellie Bly machte, bewaffnet mit nichts als einer kleinen Reisetasche, ihre Weltreise, die sie nach 72 Tagen erfolgreich abschloss. Ein Riesenhit für die Zeitung. Noch nie war irgendjemand so schnell um die Welt gereist. Pulitzer beschaffte einen Privatzug, der seine Starreporterin von San Francisco zurück nach New Jersey brachte, wo sie am 25. Januar 1899 um 15.51 Uhr ankam.

Blys Weltrekord wurde ein paar Monate später von dem amerikanischen Unternehmer George Francis Train gebrochen. Seine erste Weltreise im Jahre 1870 soll Jules Verne zu seinem Roman „In 80 Tagen um die Erde“ (1873) inspiriert haben. Nicht nur die Zeitungen, Reporter und Reporterinnen konkurrierten, sondern auch Fantasie und Realität.

So geht es in wirklichen Umbruchsmomenten zu. Die Wirklichkeit läuft der Fantasie davon. Die versucht, sie zu übertrumpfen und wird dann wieder von der Wirklichkeit geschlagen. Aber so spannend es ist, zu sehen, wer wann gewinnt und wann verliert, in Wahrheit geht es darum, dass beide sich in einen Wettkampf begeben und nicht Fantasie und Wirklichkeit wie üblich nur ihren eigenen Garten pflegen.

Lesen Sie hier über die Wahrheit über den amerikanischen Traum

1895 heiratete die 31-jährige Nellie Bly den 73-jährigen Millionär Robert Seaman. Er stellte Behälter her. Bald ersetzte Nellie Bly ihren Mann an der Spitze des Unternehmens. Als er 1904 starb, wurde sie zu einer der bedeutendsten Unternehmerinnen der USA. Es hieß, sie habe die Öltonne erfunden, das berühmte Barrel, das bis heute als Maßeinheit dient. Im US-Patentamt ist jemand anderes als Erfinder eingetragen. Unter ihrem Namen gibt es Patente für Milchkannen und Abfalltonnen. Ihre Firma machte noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs Bankrott. In den zog sie wieder als Reporterin. Sie besuchte die serbisch-österreichische Front und wurde dort als britische Spionin verhaftet.

Als sie 1913 über die erste große Demonstration in Washington für die Einführung des Frauenwahlrechts berichtete, meinte sie, es werde in den USA sicher noch bis 1920 dauern, bis Frauen wählen dürften. Genau so kam es. Am 27. Januar 1922 starb Nellie Bly im St. Mark’s Hospital in New York City an einer Lungenentzündung.

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