Neuschwanstein auf Capri

Kabinettstück kritischer Kulturgeschichte: Thomas Steinfeld entzaubert Axel Munthe, den Arzt, Häuserbauer und Bestsellerautor von San Michele

Von JÜRGEN VERDOFSKY

Mit der Moderne zeigen sich die Nerven und ihre Reizungen. Die Seele wird zu einem Fach der Medizin. Neue Krankheiten spiegeln die Verfassung der Gesellschaft. Noch vor dem Ingenieur, dem Architekten, dem Feuilletonisten, wird der Nervenarzt zum Repräsentanten der neuen Zeit. Thomas Steinfeld hat den Lebensentwurf eines solchen Protagonisten in seinem Buch Der Arzt von San Michele zu fassen bekommen. Sein großer Essay über einen Modearzt, Bauherren und Bestseller-Autoren, über den vielseitigkeitsgeprüften Axel Munthe (1857-1949), seziert eine Legende. Steinfelds Interesse gilt nicht einer mondänen Lebensbahn, sondern einem Karrierephänomen der Moderne. Ein lebhaftes Beispiel, wie mit Turbulenz und Exhibition, mit piratenhafter Hochstapelei eine exklusive Stellung zu gewinnen ist, ohne die Verantwortlichkeiten des normalen Lebens akzeptieren zu müssen.

Schummeln, bauen

Noch gibt es keine Fachprüfung, als Ärzte aller Richtungen, die mit der Zeit gehen, sich der nervösen Unruhe, der Migräne, der Schlaflosigkeit und der Lähmung widmen. Aber alle Schrecken der Moderne scheinen ihren letzten Ausdruck in der von Hysterie befallenen Frau zu finden. Diese erotisierte Form der neuen Seelenreizungen findet nicht nur medizinisches, sondern lebhaftes öffentliches Interesse. Die Vorlesungen des Neuropathologen Jean Martin Charcot sind im Paris der 1880er Jahre ein gesellschaftlicher Höhepunkt. Nicht nur Mediziner finden sich ein, auch Journalisten, Schriftsteller, Künstler, wenn in der Salpêtrière routinierte Hysterikerinnen vorgestellt werden. André Brouillet hält auf seinem berühmten Gemälde die Szene fest.

Sigmund Freud wird hier hospitieren und zum Übersetzer der Vorträge Charcots werden. Im Publikum sitzt auch ein junger Arzt aus Schweden: Axel Munthe. Als 23-Jähriger hat er im gynäkologischen Fach an der Sorbonne promoviert. Den Zweitgutachter gibt zwar Charcot, aber eine direkte Hospitanz bei dem Entdecker (oder Erfinder) der Hysterie bleibt ihm - im Gegensatz zu seinen späteren Bekundungen - verwehrt. Als Arzt betreut Munthe in Paris die skandinavische Kolonie, Künstler, aber auch Arbeiter. Das ernährt keinen Gynäkologen, aber auch er hat einen Einfall zur Behandlung nervöser Damen. Seine Diagnose heißt "Colitis", ist frei erfunden, richtet aber keinen Schaden an. Die Therapie heißt: frische Luft und ausgiebige Spaziergänge. So hat die rechtschaffene Hysterikerin noch etwas zur Auswahl (was damals nicht jede hatte).

Schnell ist erkannt, wohlhabende Patientinnen können einen Arzt durchs Leben tragen. Axel Munthe verfeinert sein Selbstbild als Modearzt. Man muss nur auf sich aufmerksam machen. So besteigt er Matterhorn und Montblanc, bereist Lappland, und sorgt immer dafür, dass darüber viel in der Zeitung steht. Als 1884 die Cholera Neapel geißelt, ist er zur Stelle. Denn Cholera ist das Thema, hat doch Robert Koch ein Jahr zuvor den Erreger entdeckt. Munthe wird in Neapel wohl auch geholfen haben, aber seine Zeitungsberichte verlangen ihr Recht. Das lässt sich Wochen später bei der Cholera in Paris schon nicht mehr wiederholen.

Die Seuche sechs Jahre später in Hamburg wird bei Munthe gar nicht mehr erwähnt. Dafür berichtet er 1908 wirkungsvoll vom Erdbeben in Messina. Im Ersten Weltkrieg eilt er mit dem britischen Roten Kreuz an die Somme, nach Verdun und Flandern. Mit Ende fünfzig und stark sehbehindert hat sein Wirken als Anästhesiearzt aber natürliche Grenzen. Kaum pausiert er 1916, entsteht das chauvinistische Pamphlet Red Cross & Iron Cross. Nicht die Parteinahme verwundert, sondern dass Munthe nicht den Charakter des Stellungskrieges erkennt. Bei ihm kämpft noch der ritterliche Einzelheld.

Axel Munthe genießt zwar die Vorzüge der Moderne, beherrscht die Technik für ein Image, aber er ist kein moderner Kopf. Seinen Nimbus schafft er sich als Arzt an den Brennpunkten, als Bauherr an einem Sehnsuchtsort - und mit einem Bestseller. Auch als Reisender unterscheidet er sich nicht von seiner Zeit. Nach Reizüberflutung und Entfremdung erfüllt man sich einen Tagtraum, den sich Generationen von der Welt machten, nicht einfach im Süden, sondern auf Capri im Golf von Neapel.

Lange sprachen nur Lateinlehrer von den elf Jahren, als Capri der Mittelpunkt der Welt war. Von 27 n. Chr. bis zu seinem Tod hatte Kaiser Tiberius von der kleinen Insel das Römische Imperium mit Rauch- und Feuerzeichen regiert. Zum Wallfahrtsort der Moderne wird Capri durch den deutschen Maler August Kopisch. 1826 entdeckt er eine nur von der Seeseite zugängliche Grotte mit übernatürlich blauem Licht.

An diesem Blau berauscht sich ein Strom von Dichtern und Künstlern, gefolgt von Dandys und Geldleuten. Aber der sehschwache Axel Munthe, der ohne den Trost einer Verheißung nicht leben kann, sucht kein Licht, sondern den "erwählten Ort". Schon als Student glaubt er, ihn gefunden zu haben. In Anacapri, der am Fuße des Monte Solaro gelegenen zweiten Ortschaft der Insel Capri, stößt er bei der verfallenen Kapelle San Michele auf das Fundament einer römischen Villa, die er Tiberius zuordnet. Den "Genius dieser Stätte" mit Blick auf den Golf von Genua kann er nicht vergessen, ein Erlebniskern ist anzunehmen. Hier wird er tatsächlich jenes Haus von San Michele errichten, das ihn weltberühmt macht. Auch wenn er noch lange eine Praxis in Rom betreiben und seine Klientel an Adel, Diven und Geldleuten erweitern muss, ab 1897 wird gebaut.

Schwedische Hoheiten, Oscar Wilde oder Rilke werden zum ungewöhnlichsten Privathaus der Jahrhundertwende hinaufsteigen. Aber die Villa ist sowenig modern wie das "Vittoriale" von Gabriele d'Annunzio. Das Bürgertum hat zu jenem Zeitpunkt erst Neuschwanstein erreicht. Ein Mausoleum, vollgestopft mit falschen Griechen und Römern, Medusa und Sphinx als Höhepunkte des Geheimnisvollen. Mussolini und Göring zeigen sich beeindruckt. Auch die Marchesa Casati wird sich hier wohl fühlen, aber das ist eine andere Geschichte. Axel Munthe selber hat die Villa San Michele kaum bewohnt. Bauherr oder Galan, er verhält sich nicht anders, kaum am Ziel, reizt nur noch Neues. Auf Capri wird Munthe noch die Torre di Materita, die Villa Damecuta und die Torre di Guardia für sich ausbauen.

Durch Geltung zum Erlebnis

Im dunklen Turm der Torre di Materita schreibt der Arzt als Siebzigjähriger Ende der zwanziger Jahre Das Buch von San Michele. Er hat nichts erlebt, als was er selbst herbeiführte. Sein Leitsatz: Durch Geltung zum Erlebnis. Leibarzt bei der schwedischen Königin oder bei der Zarin. In der Hitze der Eitelkeit wird ein Leben vom Ende her inszeniert, anekdotisch gereiht. Die Hysterie, die Cholera, das Erdbeben, der Krieg, Hausbau und Leben auf Capri einem Publikum entgegengeschrieben.

Die Wirkung des Buches ist von Anfang der dreißiger bis in die fünfziger Jahre in England, Skandinavien und Deutschland außerordentlich. In Frankreich wird das Buch auf Munthes Wunsch ohne das Charcot-Kapitel erscheinen.

Thomas Steinfeld entzaubert, belegt bis ins Detail den Unterschied zwischen Ereignis und Bericht. Auf einiges hätte man längst kommen können. So bei der Szene, in der Munthe dem Chefarzt Charcot als Hypnotiseur in die Quere gekommen sein will. Die Geschichte liest sich in der Novelle Horla von Maupassant besser. Aber Steinfeld gelingt mehr. Er erinnert daran, dass die Menschen nicht länger die Stellung einnehmen, die sie durch eigene Leistung verdienen. Damit aber wird auch der Grundsatz freier Wohltätigkeit, den Munthe wirksam pflegte, als Mittel sozialer Abhilfe verändert. Er beruht auf einer falschen Bewertung anderen Lebens. Thomas Steinfeld holt das Beispiel Axel Munthe aus der Anekdote in die kritische Kulturgeschichte. Mit diesem Kabinettstück füllt er eine Lücke.

Thomas Steinfeld: Der Arzt von San Michele. Axel Munthe und die Kunst, dem Lebeneinen Sinn zu geben.Carl Hanser Verlag, München 2007,255 S., 21,50 Euro.

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