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Arbeitskräfte aus Mosambik in der DDR, hier im VEB Frottana Großschönau, um 1983.

Krimi

Neuer Krimi von Max Annas – Der Tote am Gleis

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Max Annas erzählt in „Morduntersuchungskommission“ von einem Verbrechen, das es in der DDR nicht geben durfte.

Wer die Lektüre dieses Romans mit der Widmung beginnt, wird vom Autor Max Annas auf den authentischen Hintergrund seiner Geschichte verwiesen. Es ist ein Fall aus der Spätzeit der DDR, dessen barbarische Details bei der Lösung des literarischen Kriminalfalls eine wesentliche Rolle spielen werden. Annas geht es hier offenbar nicht um den Mord an sich und die Tätersuche mit dem erprobten Instrumentarium der Spannungsdramaturgie – jedenfalls nicht nur. Ihm schwebt etwas Größeres vor, ein Gesellschaftsbild. Vorangestellt ist dem Buch die Zeile: „Für Manuel Diogo (1963–1986)“.

Der Mosambikaner Antonio Manuel Diogo war 1981 als sogenannter Vertragsarbeiter in die DDR gekommen, wo er einem Sägewerk im anhaltischen Coswig zugeteilt wurde. Am letzten Juniwochenende 1986 besuchte er einen Freund in Berlin, am Abend fuhr er mit dem Zug zurück nach Dessau. Dort ist er nie angekommen.

Max Annas siedelt seinen Roman 1983 im Thüringischen an, genau gesagt an der Bahnstrecke von Jena nach Saalfeld. Dort inspizieren die Genossen der titelstiftenden Morduntersuchungskommission (MUK) an einem Morgen im Oktober eine Leiche. Der grausam zugerichtete Körper liegt direkt am Gleisbett. „Alles war blutig und dunkel ... Rolf war es, der das Schweigen brach. Zuerst hustete er, dann atmete er durch. Braunkohle, sagte er.“

„Braunkohle“ war ein im Osten durchaus nicht unübliches Schmähwort für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Man konnte es hören, in Kneipen, auf Bahnhöfen, in Zügen der Deutschen Reichsbahn.

Max Annas: Morduntersuchungskommission. Roman. Rowohlt, Hamburg 2019. 352 S., 20 Euro.

Max Annas, geboren 1963 in Köln, hat über Jahre hinweg viel Zeit in der DDR verbracht, wie er im Nachwort schreibt. Dennoch sei er immer ein Beobachter geblieben. Für seine Erzählweise des Romans nun sieht er sich genötigt, die distanzierte Außenwahrnehmung zugunsten einer identifikatorischen Haltung aufzugeben. Wer seine Figuren so sehr verinnerlicht, muss verstehen, warum sie geworden sind, was sie sind.

Am besten gelingt ihm das in der Schilderung des Polizistenmilieus, selbst wenn die dort versammelten Charaktere nach Typ besetzt sind. Der Apparatschik, der alte Genosse mit Moral, der Emporkömmling und schließlich Otto Castorp, Anfang dreißig, Vater dreier Kinder, mitunter nicht allzu glücklich verheiratet, was ihn regelmäßig zu seiner Geliebten nach Jena führt. Castorp treibt die Ermittlungen wie ein Privatdetektiv selbst dann noch voran, als sie offiziell längst eingestellt sind, weil es ein so monströses Verbrechen wie dieses in der DDR nicht geben darf. Das verfügt die Staatssicherheit, hier vertreten durch Ottos Bruder Bodo, was dem Setting an Familiensonntagen bei den Eltern nicht nur einen Hauch von „Weissensee“ verleiht. Dennoch wirkt das Szenario stimmig, Annas, 2017 mit dem Deutschen Krimipreis prämiert, bedient sich seines lakonischen, am Noir geschulten Tonfalls sehr versiert.

Schade nur, dass ihm zu einem Gesellschaftsroman die Gesellschaft fehlt. Das Opfer in dieser Geschichte bleibt leider ein Opfer. Von seinem Leben erfährt man so gut wie nichts.

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