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Die neuen Wissensarbeiter

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Blick in den Mathematik- und Informatik-Bereich der Technischen Universität in Garching bei München, eine der ersten Eliteuniversitäten Deutschlands
Blick in den Mathematik- und Informatik-Bereich der Technischen Universität in Garching bei München, eine der ersten Eliteuniversitäten Deutschlands © dpa

Richard Münchs kühler Blick hinter die Fassade des Bologna-Prozesses: Das Buch bietet eine Fülle nüchterner Hinweise auf die Realität an deutschen Hochschulen. Von Rolf Wiggershaus

Von ROLF WIGGERSHAUS

Was der Markt anrichtet, wenn der Staat sich der Verantwortung für das Wohl seiner Bürger entzieht, ist durch die Finanzkrise für die Realwirtschaft und die Allgemeinheit unübersehbar geworden. Doch wie steht es um andere Bereiche, die dem angeblich so segensreichen Einfluss des deregulierten Wettbewerbs und marktkonformen Managements ausgesetzt wurden?

Nach wie vor geht es weiter mit der 1999 in Bologna von 29 europäischen Bildungsministern beschlossenen Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums nach dem Bachelor-Master-Modell - einem Projekt, das die EU im März 2000 in Lissabon in ihre Strategie zur Schaffung der wettbewerbsfähigsten und dynamischsten "wissensbasierten" Ökonomie der Welt aufnahm.

Höchste Zeit also für ein Buch, das nüchtern über die Vorgänge hinter einer Fassade aus Markt- und Wettbewerbs-, Leistungs- und Eliterhetorik aufklärt was dem Bamberger Soziologen Richard Münch auf bemerkenswerte Weise gelungen ist. Er sucht Prozessen der Machtbildung auf die Spur zu kommen, ohne sich dabei in Verschwörungstheorien oder Schlagworten zu verlieren. Er zeigt Zusammenhänge auf und gibt Konsequenzen zu bedenken, ohne gleich Katastrophen auszumalen.

Im ersten Teil seines Buches geht es anhand von "Pisa" und Bologna-Prozess um "Bildung unter dem Regime der Humankapital-Produktion", im zweiten anhand der zu Zeiten der Schröder-Regierung initiierten "Exzellenzinitiative" um "Wissenschaft unter dem Regime des akademischen Kapitalismus".

Es reicht, sich zu vergegenwärtigen, dass "Pisa" im Auftrag der OECD von einem Unternehmenskonsortium der Testindustrie durchgeführt wird, die Schwerpunkt-Planungen bis 2015 reichen und die Federführung beim Australian Council for Educational Research liegt, um Münchs Erstaunen darüber zu verstehen, wie durch ein fragwürdiges Testverfahren eine globale Statushierarchie etabliert werden konnte, ohne dass deren Legitimität je ins Wanken geriet.

Ein Teil der Erklärung ist: "Pisa" soll Grundkompetenzen messen, und das passt zu einer Neubestimmung von Bildung als ökonomische Ressource, als Schaffung von Humankapital, in das investiert wird, um in einer globalen Wettbewerbswirtschaft die höchstmögliche Rendite zu erwirtschaften. "Der lokal verwurzelte und von dort zum Universellen strebende Kulturmensch", so Münch, den Wandel durch die von ihm durchaus sparsam gehandhabte Konfrontation von alten und neuen Idealen bzw. Zielsetzungen verdeutlichend, "wird ersetzt durch den weltweit mit demselben Humankapital ausgestatteten Wissensarbeiter."

Die ganze Last der gesellschaftlichen Integration wird damit der individuellen Verwertung von Humankapital zugeschoben, dessen Zustandekommen der Staat einem expandierenden Bildungs- und Fortbildungsmarkt überantwortet.

Sein Erstaunen über das, was in Deutschland unter dem Stichwort "Exzellenzinitiative" stattfindet und anscheinend unaufhaltsam seinen Gang nimmt, fasst Münch in einer Fußball-Analogie zusammen: "Der englische Fußball musste ... untergehen, damit ausländische Investoren vier international dominante Marken etablieren konnten, mit denen sich lukrative Geschäfte machen lassen." Dergleichen wäre die Konsequenz einer Initiative, der es weniger um Forschungsförderung in Deutschland geht, als um die Schaffung "international sichtbarer" Universitäten.

Ein mehr als riskantes Vorhaben, macht der Autor vergleichender kultursoziologischer Untersuchungen deutlich, indem er vor Augen führt, womit man da auf globaler Ebene in Konkurrenz treten will: Ein zirkulärer Prozess der Akkumulation von monetärem und symbolischem Kapital sichert beispielsweise seit langem uneinholbar Stanford, Yale und Harvard, die sich jederzeit die "Wissenschaftsstars" kaufen können, die sie selbst nicht produzieren, und damit die Position an der Spitze der Ranking-Listen.

Als nüchterne Diagnose ergibt sich für die deutsche Exzellenzinitiative: "Der reale Erkenntnisfortschritt eines ganzen Landes muß hinter der symbolischen Platzierung von neun Universitätsunternehmen auf den vorderen Rängen eines imaginären Rankings zurückstehen, das offensichtlich allein die Situation definiert."

Weil der Autor einerseits die Begeisterung für "internationale Leuchttürme" in Deutschland nicht teilt und andererseits einen ausgeprägten Sinn für Zusammenhänge hat, bietet sein Buch eine Fülle wohltuend nüchterner Hinweise auf inzwischen typische absurde Realitäten wie die Vernachlässigung kreativer Forschung zugunsten von Projektmanagement und Public Relations, die Förderung breit ausgewalzter Programme oder die Aufwertung der systematischen Überforschung von Untersuchungsgegenständen durch die Schaffung von Sonderforschungsbereichen. Kurz: Münchs Buch ist ein hochaktuelles Manifest klaren Verstandes - eine soziologische Untersuchung mit Bodenhaftung.

Richard Münch: Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von Pisa, McKinsey & Co. Suhrkamp 2009, 267 S., 13 Euro.

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