Die Neue Welt als Sackgasse

Michail Gorbatschows "Manifest" enthält eine Analyse globaler Probleme des 21. Jahrhunderts

Von UDO SCHEER

Der Name Michail Gorbatschow assoziiert vor allem Glasnost und Perestroika und steht für die weltgeschichtliche Leistung der friedlichen Auflösung des kommunistischen Machtblocks. Weniger bekannt sein dürfte: Nach seiner Amtsniederlegung als sowjetischer Staatspräsident ließ sich der Nobelpreisträger 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro zum Präsidenten des Internationalen Grünen Kreuzes - Green Cross International - wählen. Seither stellt er sich vorrangig der globalen Herausforderung des 21. Jahrhunderts und drängt darauf, ökologische Krisen, Armut und die neue Qualität des Terrorismus im Zusammenhang zu sehen: "Nach den brutalen Warnungen, die Tschernobyl und der 11. September für uns bedeuten, muss das 21. Jahrhundert zu einer Epoche des neuen Denkens für die Menschheit werden - für eine Menschheit, die im tiefsten Inneren bereits weiß, dass sie in einer geeinten Welt lebt und dass sie künftigen Generationen gegenüber verantwortlich ist."

Gorbatschow verweist deutlich auf die Hauptverantwortlichen für den gegenwärtigen Zustand der Welt: auf die führenden Wirtschaftsmächte mit ihrem alles überlagernden Profitstreben und ihrer Übervorteilung der Entwicklungsländer. Sein Buch warnt vor Gefahren des unkontrollierten Marktes, gepaart mit Handelsbeschränkungen und Subventionen der eigenen Wirtschaft, vor der Verweigerung notwendiger Entwicklungshilfen und vor ungebremsten Finanzspekulationen, die allein in den neunziger Jahren zu globalen Wirtschaftskrisen in Südostasien, Argentinien und Russland führten.

Zugleich bedauert er, wie wenig die mit dem Ende des Kalten Krieges entstandenen Chancen für die Schaffung einer demokratischeren Weltordnung genutzt worden waren. Im Gespräch mit dem damaligen US-Außenminister George Schultz wies er - letztlich vergebens - auf jenes Paradoxon hin, wonach die USA ihre Lebensweise einerseits zur Nachahmung propagieren, andererseits 44 Prozent der weltweit erzeugten elektrischen Energie verbrauchen und Erdöl und andere begrenzte Ressourcen bedenkenlos verschwenden.

Er kritisiert, während weltweite Klimaveränderungen nicht mehr nur Prognose, sondern Realität sind und erste Kriege um Süßwasserressourcen geführt werden, lehnt die US-Administration die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls zur Verringerung der Emissionswerte und damit der Erderwärmung ab und ist mitverantwortlich für das Scheitern des Klimagipfels in Johannisburg 2002. Die Hauptlasten der "ökologischen Aggression" tragen Afrika und Asien mit zunehmend verheerenderen Überschwemmungen und Dürren. Bereits heute, dokumentiert Gorbatschow, sind für mehr als einer Milliarde Menschen die Grundbedürfnisse nach Wohnung, ausreichend Nahrung und sauberem Trinkwasser nicht gesichert: "Eine Milliarde Bewohner der am höchsten entwickelten Länder, die sogenannte goldene Milliarde, wird mit 60 Prozent der Einnahmen weltweit entlohnt, während den 3,5 Milliarden Bewohner der unterentwickelten Staaten nur 20 Prozent zufallen. Ungefähr 1,2 Milliarden leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Man braucht kein Marxist zu sein, um die Explosivität dieser Situation zu begreifen."

Gorbatschow fordert, jene Konsumgesellschaften in Frage zu stellen, in denen die Industrie mit ihren Produktwerbungen überflüssige Bedürfnisse weckt und ein Konsumverhalten fördert, das in seiner "Willkür gegenüber der Natur an ökologische, moralische und soziale Grenzen stößt." Doch solange Horrorszenarien wie "eine Megapolis der Reichen", bedroht durch die "nomadisierende Mehrheit der Weltbevölkerung" oder ein Ausbleiben des Golfstroms und eine neue Eiszeit infolge der Klimaerwärmung - wie in Modellen längst simuliert - nicht drohen, hat wohl auch sein Engagement etwas von dem ein Rufer im Wind, wenn auch eines Bewundernswerten.

Auf Initiative von Green Cross International entwarfen namhafter Persönlichkeiten aus aller Welt eine "Erd-Charta", um die Menschen weltweit für die fundamentalen Zukunftsherausforderungen zu mobilisieren. Dieser in Gorbatschows "Manifest" abgedruckte Menschheitskodex für das 21. Jahrhundert postuliert in vier Abschnitten die Achtung vor der Erde und des Lebens in seiner ganzen Vielfalt, ihre ökologische Ganzheit, sparsamen Umgang mit Ressourcen, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit für alle Menschen sowie die Stärkung von Demokratie und gewaltfreiem Miteinander.

Wie andere kritische Begleiter der Globalisierung, unter ihnen der frühere Clinton-Berater Joseph Stiglitz, favorisiert auch Gorbatschow die Stärkung der UNO als oberstes Führungsgremium der Weltgemeinschaft mit dem Ziel einer globalen Föderation gleichberechtigter Staaten. Zugleich fordert er die Neuausrichtung des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Welthandelsorganisation (WTO) und der Weltbank zum Vorteil aller Staaten. Zudem unterbreitet er eine Reihe essentieller Vorschläge, darunter die Gründung eines internationalen ökologischen Gerichtshofs, der zugunsten betroffener Staaten und Regionen Sanktionen gegen Verantwortliche verhängt, und er plädiert dafür, die Kosten für Umweltschäden auf die Produktpreise aufzuschlagen. Für die Umsetzung seiner Vision sieht er im vereinten Europa mit seinem "soliden Fundament gemeinsamer Werte und Ideale" den Hoffnungsträger für eine "Globalisierung mit menschlichem Antlitz" und ein Gegengewicht zu den USA mit ihrer Politik egoistisch, doktrinärer Weltvorherrschaft.

Gorbatschows "Manifest" ist ein faktenreiches Plädoyer für eine zukunftsbewusste Welt- und Umweltpolitik und ein aufrüttelnder Aufruf zu globaler Perestroika. Eigentlich weithin Bekanntes, könnte man meinen. Nur eben jetzt aus der Feder Gorbatschows? Doch dieses Buch ist mehr, es stört auf mit der Frage: Wie weit, wie wenig sind wir uns unserer Verantwortung für die Zukunft eigentlich bewusst?

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