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Die Mainzer Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs wurde in Berlin zur Vorsteherin des Börsenvereins gewählt.

Literatur

Das Neue ist längst da

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Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fragt nach Leseinteressen und Leseförderung in Zeiten der Digitalisierung.

Die Buchbranche durchläuft derzeit Veränderungen, deren Ausgang noch niemand kennt. Man kann ihren Akteuren aber nicht vorwerfen, dass sie die Augen davor verschlössen. Zumindest nicht mehr. Als die Käufer über Jahre weniger wurden, während die Umsätze einigermaßen gleich blieben, regte sich Kritik von unten an der großen Interessensvertretung, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Das ist jetzt vorbei (oder zumindest für Außenstehende nicht sichtbar). Wurde auf dem alljährlichen Branchentreffen in Berlin im vergangenen Jahr mit der Käuferschwundstudie nicht nur die Lage analysiert, sondern auch bei den Kunden nachgefragt, was sie weggetrieben hatte, war jetzt zu erleben, wie nach vorne geschaut wird.

Der Noch-Vorsteher des Börsenvereins, Heinrich Riethmüller, verkündete im gut gekühlten Saal des Hotels Ellington, dass die Zahl der Buchkäufer in Deutschland erstmals seit dem Jahr 2012 wieder gestiegen sei und die größten Zuwächse ausgerechnet in den jüngeren Altersgruppen von 20 bis 29 Jahren (15,2 Prozent mehr Käufer) und von 30 bis 39 Jahren (15,8 Prozent) gezählt wurden. Also bei den bereits in der digitalen Welt Aufgewachsenen, denen man doch immer nachsagt, sie seien durch die Ablenkungen der Social Media und des Internets fürs Lesen verloren.

Die Nachricht war bereits seit einigen Tagen in der Welt, nun aber kam sie direkt zu denen, die sich an ihr aufrichten können: zu Buchhändlern, Zwischenbuchhändlern und Verlagsmitarbeitern. Veränderte Laden- und Veranstaltungskonzepte, Social-Media-Aktionen, neue Erzählformate und Verlagsprogramme hätten, so Riethmüller, dazu beigetragen. Nach sechs Jahren Amtszeit kann sich Riethmüller fortan wieder stärker um seine Buchhandlung in Tübingen kümmern. Am Mittwochnachmittag wurde Karin Schmidt-Friderichs (Verlegerin des Verlags Hermann Schmidt) als neue Vorsteherin für den Börsenverein gewählt. Es ist die zweite Frau in der 194-jährigen Geschichte des Branchenverbrandes.

Der Dienstag war wie eine große Weiterbildungsveranstaltung zum Tagungsthema „Und morgen das Buch? Schreiben und Lesen im digitalen Zeitalter“ organisiert. Wissenschaftler und Autorinnen schauten in die Gehirne oder auf die gesellschaftlichen Debatten. Der Titel des zweiten Vortrags bot eine ersten Provokation. „Am Ende das Buch“, stand über dem Programmpunkt des Literaturwissenschaftlers Gerhard Lauer. Wieso am Ende, geht es nicht gerade wieder aufwärts? Lauer, Professor für Digital Humanities in Basel, erinnerte zwar kurz an die Meldung, Youtube sei für die Zwölf- bis Neunzehnjährigen zum Leitmedium geworden, doch dann eröffnete er einen freundlichen Blick auf die veränderte Welt: „Am Ende“ steht das Buch bei ihm in einer Art Nahrungs- oder Verwertungskette. Die Zahl der Leser sei längst nicht so dramatisch geschwunden, wie prognostiziert. Allerdings habe sich das Lesen selbst für viele Menschen verändert.

Nicht digital versus analog sei entscheidend, sondern die Lesesozialisation. Und dazu gehöre nicht nur, dass Kindern abends vorgelesen werde, um früh eine Bindung an das Buch und das Geschichtenerzählen zu knüpfen, sondern auch, wenn junge Menschen ihre Leseerlebnisse in den sozialen Medien posten, darüber bloggen, sich in Portalen wie LovelyBooks oder Goodreads als Lesergemeinden austauschen.

Interessanterweise schielten, so Lauer, auch die erfolgreichsten Internet-Akteure nach dem guten alten Papier und hätten dort weiterhin ein großes Publikum. Die Fan-Fiction-Webseite Wattpad wird von rund zwei Millionen Freizeit-Autoren mit Geschichten und Romanen gefüllt. Anna Todd, die dort veröffentlichte, hat inzwischen Buch-Besteller. Ähnliches kann man von der Youtuberin Zoe Sugg erzählen oder der Instapoetin Rupi Kaur.

Am Ende das Buch also: Erst die digitale Welt, dann die analoge. Es gelte herauszufinden, wie man den Übergang beeinflussen kann. Mit „Green statt Grass“ stellte Lauer die nächste These auf: Autoren wie John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) seien auch deshalb bei ihren Lesern so beliebt, weil sie ihnen via Internet nahekommen. Green habe mit seinem Bruder einen Videoblog, der Alltagsfragen erklärt. Etwa: Warum ist es wichtig, nach den Ferien wieder zur Schule zu gehen?

Nicht nur die Literaturwissenschaft, Verlage und Buchhändler sollten sich für die veränderten Lesegewohnheiten interessieren, sondern vor allem die Schule. Er höre immer wieder von Lehrern, dass sie keine Anleitung hätten, wie sie mit der Digitalisierung umgehen sollen. Und das liege nicht an der technischen Ausstattung, sondern an dem Interesse und der Kompetenz für die neuen Medien.

Wenn man bedenkt, dass die Petition „Jedes Kind muss lesen lernen“ von der Schriftstellerin Kirsten Boie, dem PEN und dem Börsenverein zwar im Dezember öffentlichkeitswirksam an das Bundesbildungsministerium überreicht wurde, aber seither darauf nichts folgte aus dem Haus von Anja Karliczek, weiß man, dass gerade in den Schulen noch viel geschehen muss. Kirsten Boie wurde am Mittwoch auf der Tagung mit der Plakette „Förderin des Buches“ ausgezeichnet.

Dem Inneren des Menschen widmete sich der aufs Neuromarketing spezialisierte Psychologe Hans-Georg Häusel aus Zürich. Er erklärte die Vorgänge im Hirn auf die Interessen von Verlagsleuten und Buchhändlern übersetzt. Am besten sei es, wenn ein Buch schon im Laden gleichzeitig mehrere Sinne anspreche, nicht nur durch das äußere Erscheinungsbild, sondern auch durch seine besondere Griffigkeit, vielleicht gar den Geruch. In hellen, gut sortierten Läden kauften die meisten Menschen lieber als in dunklen vollgestopften. „Alles, was keine Emotionen auslöst, ist für unser Gehirn sinn-, wert- und bedeutungslos“, sagte Häusler.

Die Schriftstellerin Thea Dorn kam ohne Powerpoint-Vortrag, wohl aber mit einer engagierten Rede darüber, sich das Denken nicht zu sparen. Nicht als Pessimistin, sondern als kundige Kritikerin der Entwicklung trat sie auf, weil sie beobachtet, wie sich im Netz auf beiden Seiten Meinungswächter aufschwingen, Verbote zu erteilen. Die Verbreitung von Falschmeldungen, die es aufzudecken gelte, sei nur ein Aspekt. Ihr behage es auch nicht, wenn nur darauf gelauert würde, dass ein Politiker oder Journalist eine nicht genehme Wendung fallenlasse, so dass man sich dann auf Twitter darauf stürze.

Am Ausgang lagen Stoffbeutel zum Mitnehmen. „Freie Meinung ist Menschenrecht“ steht darauf. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner der hiesigen Buchbranche – und jeder demokratischen Gesellschaft.

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