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Grünbein erklärt Berlin zum idealen Ort für den Tagtraum.

Durs Grünbein

Neue Konjunktur des Träumens

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Sich selbst und das Buch loslassen ins Formlose: Aufsätze und Notizen von Durs Grünbein.

Als 1980 der Band „In irrer Gesellschaft“ erschien, in dem verschiedene Beiträger von ihren Erfahrungen mit Psychotherapie und Psychiatrie berichteten, fand sich in einem der Texte auch folgender Hinweis auf den rätselhaften Charakter des Traums: „Im Traum sind die Widersprüche wie eine Herde warmer Tiere, die wir im Hindurchgehen streicheln.“ Der Satz könnte auch aus dem neuen Buch von Durs Grünbein stammen. Dass im Traum unbewusst eine Lebendigkeit am Werk ist, die der gewohnten Logik nicht länger folgt und Widersprüchliches zulässt, in ihm sich gar Zartheit und Souveränität verschränken, hat nämlich auch der 1962 in Dresden geborene Autor entdeckt, und dieser Einsicht ist er hier auf der Spur.

Grünbein gehört zu den herausragenden Chronisten der jüngeren deutschen Geschichte, und einmal mehr unternimmt er in diesem Buch eine historische Verortung seiner selbst. Er weiß sich als Kind des Kalten Kriegs und eines zerrissenen Lands, auf dessen westlichem Teil lange der Schatten Hitlers, auf dem östlichen Teil derjenige Stalins lag und die Psyche der Menschen niederdrückte. Er macht Inventur auch literarisch und beschreibt die Situation, die er als Dichter vorfand. Die Moderne hatte triumphiert, tradierte Versformen verabschiedet und den Stilbruch hoffähig gemacht. Es galt für ihn folglich, nicht nur über die geschlossene Gesellschaft hinauszugelangen und Ich, Seele und Bewusstsein freizusetzen, die unter der Knute totalitärer Systeme gestanden hatten, sondern sich auch neu auf Möglichkeiten und Aufgaben von Poesie zu besinnen.

Durs Grünbein: Aus der Traum (Kartei). Aufsätze und Notate. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 573 Seiten, 28 Euro.

Er stellt fest, dass der Weg bereits von älteren Kollegen vorgezeichnet ist, die den Gedanken historischen Fortschritts hinter sich gelassen und sich für das Hier und Jetzt geöffnet haben: „Der Augenblick zog in das Gedicht ein, sein Stilmerkmal war das scharf beobachtete Detail“. Und in diesem Zusammenhang ist es nur konsequent, dass er das Träumen wiederentdeckt. André Breton hatte an seiner Schlafzimmertür bekanntlich ein Schild mit der Aufschrift „Der Dichter arbeitet“ angebracht, und dieser Art der Produktion, jenseits von Fünfjahresplänen oder dem Streben nach Mehrwert, gilt fortan Grünbeins Interesse. Er fordert: „Der Dichter muss seiner eigenen Traumwirklichkeit folgen, nicht selten auch seiner abgründigen Psyche...“.

Der Band bietet zunächst kurze Skizzen, in denen der Autor sowohl bestimmte Traditionen kritisch durchmustert als auch selbst unvoreingenommen auf Erkundungen geht. Er rechnet mit Freud und Marx ab, erkennt im Technikwahn der Futuristen den größtmöglichen Verzicht auf den Traum und damit einen kulturellen Tiefpunkt, lobt den Zustand der Apathie im Traum, in dem alle Projekte ruhen, erklärt Blochs Prinzip Hoffnung für hoffnungslos veraltet, legt prinzipiell sogar die Lunte an den ehrwürdigen Kunstbegriff selbst („Vom Traum aus betrachtet, wirkt alles, was Kunst will und kann, als einstudiert und gespielt“), flaniert aber auch durch Berlin, lauscht dort den Stimmen aus aller Herren Länder und erklärt diese Stadt zum idealen Ort für den Tagtraum.

Er reist, weil Ortlosigkeit ihm wesensgemäß ist, er weiß, dass der Exotismus längst verbraucht ist, schätzt aber am Unterwegssein, dass es die Heimat verfremdet und aus der Distanz betrachten lässt. Ein längerer Text ist dem Mittelmeer-Raum gewidmet – Grünbein lebt abwechselnd in Berlin und Rom – und preist es als uralte Wiege der Kulturen. Zugleich reflektiert er das eigene Tun und den Charakter von Lyrik. Er gräbt den alten Hegelianer Friedrich Theodor Vischer wieder aus, um dessen Definition von Poesie zu übernehmen – sie sei „punctuelles Zünden der Welt im Subjecte“. Sie kann sich auf keinen Mythos mehr stützen, auf keine Wissenschaft und keine Religion, bewahrt für Grünbein aber trotzdem noch einen mystischen Rest: „Letzte Chance und einzige, etwas zu sagen: das ist das Gedicht. Anscheinend bin ich der mystische Mensch, der an den Augenblick glaubt, da etwas sich mitteilt, etwas mitteilenswert ist.“

Die Spannweite der Sensibilität und Aufmerksamkeit dieses Autors wird auch daran deutlich, dass er einen Text zu einem Film schreibt, der von Dresden aus Umstände der friedlichen Revolution vom Oktober 1989 schildert, zugleich sich aber in lateinische Klassiker wie Ovid, Petronius und Ausonius vertieft. Er würdigt Erotik als Erkenntnisform bei Rétif de la Bretonne und legt Notizen vor zu Kleist, Goethe, der Reise Rilkes nach Moskau, Stefan George, Ernst Jünger, Felix Hartlaub (der 1945 kurz vor Kriegsende in Berlin spurlos verschwand), Gottfried Benn, Paul Celan, Ezra Pound, T.S. Eliot, Johannes Bobrowski und Imre Kertész. Wolf Biermann gilt ihm als „Held“ seiner Jugend. Des Weiteren findet sich ein Gedicht über eine Reise nach Sarajevo, wo die Akademie für Sprache und Dichtung einmal tagte. An einer Stelle notiert er: „Ein Geruch von Ostblock / hängt in der Luft.“ Dafür, dass er für derlei noch eine Nase hat, sollte die deutsche Literatur ihm dankbar sein.

Man sollte kein Ranking vornehmen, aber das Kapitel über Blaise Pascal ist sicherlich besonders schön geraten. Es ist gedanklich tief, farbig erzählt und aktuell, insofern es Pascals Kritik an der folgenreichen cartesianischen Proklamation der unbedingten Führungsrolle des Subjekts hervorhebt: „Wer das Sein im Denken verankerte und dazu ein Ich als Halteseil brauchte, dem war nicht zu helfen.“ Der Gottsucher Pascal interessiert Grünbein weniger, wohl aber dessen Methode, „das Denkbare über alles Denkbare hinaus offenzuhalten“.

Auf keinen Fall sollte unbemerkt bleiben, dass der Autor hier, indem er verschiedene Genres lose aneinanderreiht, die traditionelle Vorstellung von einer Einheit des Buches aufgegeben hat. Es ist die formale Konsequenz seiner Einsicht, dass heute keine weltanschauliche Ganzheit mehr gedacht werden kann. Das Resultat dieses mutigen Schritts ist erstaunlich. Indem Grünbein sich selbst loslässt ins Formlose, zergeht aller Anspruch auf Beherrschbarkeit der Welt, wie Wissenschaft und Technik ihn stellen, und der Weg wird frei für eine entspannte, erst eigentlich weltoffene Schrift.

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