Literatur

Neue Dimensionen

Die Erinnerungen des Frankfurters Eric Koch.

Von OLIVER PFOHLMANN

Jemand musste Otto Koch verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er in seinem englischen Exil im Mai 1940 eines Morgens verhaftet. Den aus Frankfurt stammenden jüdischen Emigranten erwartete zwar kein Prozess, wohl aber eine nicht minder kafkaeske Odyssee durch Internierungslager in England und Kanada.

Für die Briten galten nach Kriegsausbruch sämtliche deutschen Staatsangehörigen unterschiedslos als "enemy aliens". Kochs britischer Lagerkommandant soll angesichts immer neuer Internierter mit Kippa und Schläfenlocken verwirrt gesagt haben: "Ich hatte keine Ahnung, dass es bei den Nazis so viele Juden gibt."

Mehrere tausend Menschen hat England während des Krieges nach Kanada oder Australien deportiert, aus Angst vor einer "fünften Kolonne" der Nazis. Die meisten von ihnen waren jüdische oder politische Flüchtlinge aus Deutschland, die auf der Insel Schutz gesucht hatten. Das reichlich bizarr anmutende Schicksal der Deportierten ist hierzulande nur wenig bekannt: Während des Krieges waren die Flüchtlinge - unter ihnen viele Wissenschaftler, Ärzte und Ingenieure - in den Camps zur Untätigkeit verdammt und mussten dort oft Seite an Seite mit deutschen Kriegsgefangenen leben.

Eric Koch, Jahrgang 1919, der in seiner Jugend den Vornamen Otto trug, hat nun unter dem Titel "Die Braut im Zwielicht" seine eindrucksvollen Erinnerungen vorgelegt. Von Humor und lakonischer Ironie geprägt, überrascht das Buch Kapitel für Kapitel mit immer neuen Erzähltechniken wie Interview, Tagebuch, Brief oder Drama. "Erinnerungen" ist freilich eine Untertreibung: Es ist das vielstimmige, figurenreiche Porträt einer weitverzweigten Frankfurter Familie.

Fürstenhäuser aus ganz Europa hatten einst im Juweliergeschäft der Brüder Koch Ecke Kaiserstraße/Neue Mainzerstraße eingekauft, weshalb sie zu Kaiserzeiten den Titel Hofjuweliere erhielten. ",Kunst, die Schwester der Religion' - das war das Dogma der assimilierten Frankfurter Juden, zu denen wir Kochs gehörten. Sie definierten ihr Judentum mehr in kulturellen als religiösen Begriffen. Unser Gewissen sträubte sich nicht dagegen, Synagogen für Konzerte, Theateraufführungen oder Kunstausstellungen zu nutzen."

Die Kochs waren stolz, es so weit gebracht zu haben. Den Kindern erzählte man Familienlegenden, die von einer höheren Abstammung raunten. Wie die von "der roten Esther", ihrer Ururgroßmutter: Napoleon persönlich soll sie einst siegestrunken in sein Zelt gerufen haben, weshalb die Kochs in Wahrheit von dem großen Korsen abstammen. Als die Nazis an die Macht kommen, will man das Unheil zunächst nicht wahrhaben, reagiert mit Unverständnis, als Bekannte schon 1933 das Land verlassen.

Viele Angehörige und Freunde der Familie erhalten von Otto Koch jeweils eigene Kapitel, in denen sie in glänzend erzählten, amüsanten Anekdoten aus der Vorkriegszeit wiederauferstehen. Hübsche Petitessen, möchte man manchmal meinen - bis einen der jeweilige Nachtrag über das spätere Lebensschicksal aufklärt und das Erinnerte eine neue Dimension erhält: Der Stiefvater nimmt sich 1936 verzweifelt das Leben, die Großmutter stirbt in Theresienstadt, ein Freund ertrinkt nach einem U-Boot-Angriff auf der Überfahrt in die USA.

Otto Koch selbst wird von der Familie bereits 1935, im Alter von 16 Jahren, auf ein Internat nach Großbritannien geschickt. Später studiert er in Cambridge seiner Familie zuliebe lustlos Wirtschaft; man hofft, er werde einst das Familienunternehmen im Ausland weiterführen.

Das Vorkriegs-England, wie Koch es erlebt, ist eine überaus naive, für ein Kolonialreich auch erstaunlich xenophobe Gesellschaft: Hermann Göring gilt Ottos Klassenkameraden als "prima Kerl", Juden kennen die Zöglinge der Upperclass nur aus dem Religionsunterricht, Ausländern wird als erstes beschieden, sich möglichst unauffällig zu benehmen.

Nach seiner Internierung 1940 wird Koch zunächst auf die Isle of Man deportiert. Zur Lagerprominenz gehören Martin Freud, ein Sohn des Analytikers, und Prinz Friedrich von Preußen, ein Enkel des letzten deutschen Kaisers. Diesem Prinzen stattet Koch seinen späten Dank ab, da er während der Überfahrt nach Kanada tatkräftig die so genannte "Latrinenbrigade" anführte. Viele der Deportierten erkrankten auf dem überfüllten Truppentransporter an der Ruhr; der Einsatz des Prinzen rettete ihnen das Leben.

In Kanada wurden die Flüchtlinge von einem massiven Aufgebot der Royal Canadian Mounted Police in Empfang genommen und in ein neues Camp verfrachtet: "Eine Menschenmenge lief zusammen, als wir aufstiegen, und war erstaunt, dass ein paar von diesen Nazi-Fallschirmspringern, oder als was auch immer man uns angekündigt hatte, sich als Gymnasiasten, bebrillte Professoren, bärtige Rabbiner und Talmudschüler mit traditionellen Schläfenlocken verkleidet hatten. Ein Hauptmann, der hörte, wie sich ein paar von uns auf Englisch unterhielten, soll zu einem anderen gesagt haben: ‚Ja, ja, ich weiß. Das sind die gefährlichsten.'"

Erst Monate später erhält Koch die Chance, in Kanada sein Studium fortzusetzen. Heute lebt der 89-Jährige als Autor und Sozialwissenschaftler in Toronto.

Eric Koch: Die Braut im Zwielicht. Erinnerungen. Vorwort v. Alfred Grosser. Dt. v. R. Keen/ S. Weidle. Weidle, Bonn 2009, 231 S., 23 Euro.

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