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Nervöses Herz

Spaziergänge des Intellekts: Bora Cosics Berlin-Gedichte

Von SIBYLLE CRAMER

Das serbische Original der Gedichte fehlt. Der Leser der Übersetzung Milo Dors ist durch eine Schallmauer von der Sprache des Dichters, der Stimme der Gedichte, von der Verstechnik und dem Formdenken des Autors getrennt. Die Entscheidung des Verlags gegen eine ernsthafte Edition ist umso unbegreiflicher, als es sich um ein Werk Bora Cosics handelt.

Seit der Übersetzung von Wie unsere Klaviere repariert wurden im Jahre 1968 ist der große Moderne der serbo-kroatischen Literatur bei uns kein Unbekannter mehr. Schon in seiner Heimat war der aus Zagreb stammende Belgrader Avantgardist als Übersetzer Chlebnikows und Majakowkis ein zwischen den Sprachen und Kulturen vermittelnder Universalgeist. Während des Balkankriegs wurde er als Autor so einflussreicher Bücher wie Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution und zuletzt dem illusionslosen Abschiedsbuch Das Land Null zur gewichtigsten intellektuellen Stimme Europas aus dem südosteuropäischen Raum neben Imre Kertész. Heute gehört Bora Cosic, der seit 1992 im istrischen Rovinj und in Berlin lebt, zu den angesehensten Erscheinungen des literarischen Lebens in Berlin.

Phantasie für eine ganze Epoche

Die folgende, auf den Sinnplan der Texte beschränkte Lektüre der Gedichte ist kaum mehr als ein Lockruf, der Leser zu gewinnen sucht für die ungewöhnlich vitalen, als autobiografische Fünfminutenromane, philosophische Kleinanzeigen, illustrierte Geschichtsrezensionen, Berliner Schnappschüsse lesbaren Gedichte. Sie verdanken sich einer Phantasie, der eine ganze Epoche Nahrung gegeben hat. Neben den windstillen, kaum je ernsthaft beunruhigten und verstörten Natur -, Liebes- und Befindlichkeitsgedichten unseres lyrischen juste milieu nehmen sich die Haltungen des Belgrader Künstler-Individualisten, der sich schauend und erinnernd durch die Straßen Berlins bewegt, so ungleich komplexer, spannungsreicher, hintergründiger und erfahrungsgesättigter aus und vor allem europäischer, kosmopolitischer. Ein primärer Erfahrungsdruck ist spürbar, der selbst noch die komisch ironischen Tonlagen der immer distanzierten, surreal verfremdeten Gedichte des Autors prägt.

Auf die für seine surrealistische Ästhetik charakteristische Polarität von Innen- und Außenwelt stößt man beispielhaft in dem Gedicht Der Atlas, einem Geschichtsgemälde. Die nackten Fakten von Schlachten, Leid, Geschichte, Millionensterben und Leichen sind nur Rohmaterial für die Phantasie, die dem Traum die Treue hält und das Wirklichkeitsmaterial zu diskontinuierlichen Bildfolgen arrangiert. Ein Diptychon, dessen Hälften einander nach der Art eines Denkbildes gegenüberstehen. Das phantastisch übermalte Geschichtsgelände der ersten Strophe zeigt den von der Spree als Lebensader durchzogenen Stadtkörper Berlins, über den die Flusskarte des Balkans kopiert wird.

Die Labormetapher vom pathologisch veränderten Blutbild der Flüsse, in die damals wie heute die Toten des Krieges geworfen werden, mobilisiert den Möglichkeitssinn des Dichters. Die Totenflüsse werden umgehend zu einer blauen Spur im Atlas ausgetrocknet und zwischen zwei Buchdeckel transportiert, wo sie auf seiner freihändig gezeichneten imaginären Weltkarte des Dichters in den Stand der Unschuld zurückversetzt und vis à vis der Seine Apollinaires installiert werden. Das Gedicht ist ein Beispiel für die agierende Wahrnehmung des Autors, der aus Materialien der Wirklichkeit seine Traumbauten errichtet. Zur Gelenkstelle zwischen dem Außen- und dem Innenbild wird der Hinweis auf die Wissenschaft, die Unterschiede, nicht aber Originale kennt.

Die Gedichte des Bandes bebildern das Leben des Dichters in jenem Haus am Berliner Adenauerplatz, dessen Bewohner ein lebendes Bild der Geschichte der europäischen Völkerwanderungen und Vertreibungen abgeben. Zu seinem Alltag gehören die hochalpinen Leistungen als Treppensteiger im Finanzamt an der Bismarckstraße ebenso wie der Spaziergang von der Autorenbuchhandlung zur kleinen "Bank meiner Niedergeschlagenheit" im Savignypark, der tönende Planet Philharmonie, dessen Orchester das Wunschbild einer harmonisch zusammenspielenden Weltgesellschaft abgibt, und die Umarbeitung des Lietzensees zur gläsern unterirdischen Bibliothek ähnlich dem Bücherverbrennungsdenkmal am Bebelplatz.

Aber wo immer er geht und steht, melden sich die Geister der Toten, die Toten von Srebrenica, der industrialisierte Tod von Auschwitz, die Bombentoten des Zweiten Weltkriegs und der Jedermanns Tod mit dem Begräbnis am Sonntag bei Regen, der sich als Stolpern der Tagefolge und Verwerfung der Zeit ankündigt.

Von Gedicht zu Gedicht gewinnt das Ziel seiner Spaziergänge immer greifbarere Kontur. Die Lokalitäten Berlins werden unterirdisch mit Orten seiner Belgrader Heimat verknüpft, zum Beispiel im ersten Gedicht "Der Führer". Eine verwirrte alte Dame hat den Weg nach Hause zu ihrer gelben Katze vergessen. Der Flug der Phantasie ist frei und leicht und trägt die Verse bis an jenen fernen Punkt des Kontinents, wo die Straßen der Zeit zugewachsen, die Schienen herausgerissen sind und ein düsterer Geselle sich bei der Erwähnung des Dichternamens das eiserne Kasernentor zuschlägt.

Auf der imaginären Weltkarte des immer räumlich argumentierenden Gedächtniskünstlers rücken die Bilder zivilen Friedens und ziviler Zwietracht nicht nebeneinander. Die hilflose Alte auf dem Olivaer Platz, die einem Fremden ihr Wohl anvertraut, wird wohlweislich nicht neben den Finsterling gerückt, der seinen Landsmann abweist. Statt der fälligen Zeitreise in seine serbische Heimat lässt sich der Dichter auf dem Olivaer Platz nieder, als langsam verholzender Wegweiser Richtung Südosten.

Baudelaire im Tornister

Das Gelände seines Lebens, das er von Gedicht zu Gedicht vermisst, ist ein wimmelnder Verkehrsknotenpunkt, auf den jene Straßen des Gedächtnisses zulaufen, die den Savignyplatz und die Balkone seiner Jugendzeit verbinden, den herbstlichen Spaziergang mit Baudelaire im Tornister und die Verräter im Belgrader Fernsehen. Mit dabei sind, in Gespräche vertieft, Italo Svevo und Leibniz, Strindberg und Bach und Mozart, Joyce, Kafka, Malewitsch, Melville, Pavlovic, Pessoa und Debussy.

Dem Zusammenstoß der künstlerischen Sensibilität mit der Epoche verdankt sein Schreiben seine Dringlichkeit und intellektuelle Notwendigkeit. Und immer ist bei Bora Cosic das Geschichtliche dem Bewusstsein untergeordnet.

Bora Cosic: "Irenas Zimmer." Gedichte.Ausgewählt und aus dem Serbischen übersetzt von Milo Dor. Folio Verlag, Wien 2005, 127 Seiten, 19, 50 Euro.

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