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Nell Zinks „Virginia“ ist ein raffiniertes, fabelhaft hemmungsloses Märchen

Nell Zink

„Psychologie wird überschätzt“

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Die US-Schriftstellerin Nell Zink spielt mit Konstrukten wie Herkunft und Geschlecht. Soeben ist ihr Roman „Virginia“ herausgekommen. 

Sie haben sieben Minuten zu früh geklingelt“, sagt sie und steht kurz unschlüssig mit dem Staubsauger in der Hand im Flur. Dann aber gibt es doch erst mal eine Tasse Tee, Freundlichkeit vor Effizienz, und sowieso ist Nell Zink selbst etwas erschöpft an diesem Freitagmittag, da sie in der Nacht zuvor erst spät aus Hamburg zurückgekommen ist. Sie war auf der Einweihungsparty des Rowohlt-Verlags, der aus dem Vorort Reinbek kommend jetzt direkt an den Hamburger Hauptbahnhof gezogen ist.

Nell Zink, 1964 in Kalifornien geboren, lebt seit 2013 im brandenburgischen Bad Belzig, einem idyllisch mittelalterlichen Ort mit knapp 12 000 Einwohnern. Eine Amerikanerin in der ostdeutschen Provinz, die, seit sie hier ist, allein in einer Einzimmerwohnung Romane schreibt. Ihr zweiter ist unter dem Titel „Virginia“ soeben als dritte deutsche Veröffentlichung bei Rowohlt erschienen, der vierte wird im Herbst in den USA gedruckt: „Doxology“, Lobpreisung. Wer ihre bisherigen Bücher kennt, ahnt, dass sich dahinter das Gegenteil verbergen wird: abermals eine scharfe und witzige Dekonstruktion amerikanischer Mythen. Denn die schmale Frau mit den langen grau-braunen Haaren, die in Shirt, Schlaghose und barfuß dezent hippiehaft wirkt und ein eloquentes Deutsch spricht, ist eine geradezu anarchisch unsentimentale Beobachterin und eine brillante Stilistin.

Auch ihr eigenes Tun betrachtet sie ohne Umschweife: „Hierauf bin ich wirklich stolz“, sagt sie und zeigt den Korrekturausdruck von „Doxology“. „Ich habe mich sehr bemüht, diesmal für ein größeres Publikum zu schreiben, mit ausgreifenderen Geschichten, und die Vorabrezensionen bei Goodreads bewerten das mit fast fünf Sternen. Wenn schon schreiben, dann für viele Leser!“

Wobei es fast schon Legende ist, dass Nell Zink ihre erste Geschichte, „Mauerläufer“, nur für einen einzigen Leser verfasste: für ihren Landsmann Jonathan Franzen. Als Leserin eines Essays von ihm hatte sie mit ihm eine Korrespondenz über den Abschuss von Singvögeln in Europa begonnen, in deren Verlauf er ihr riet, selbst einen Roman zu schreiben. Dass sie das konnte, bewies sie ihm mit der etwas fragmentarischen, aber atmosphärisch packenden Erzählung über zwei Amerikaner in der Schweiz, die zu Vogelexperten werden, in die deutschsprachige Naturschutzszene geraten und jede Menge Sex haben.

Eigentlich hat Nell Zink immer geschrieben. In den USA gab sie ein Magazin mit Texten über Musik und Tiere heraus. In Tübingen, wohin sie 2000 nach einer Zeit in Tel Aviv übersiedelte, promovierte sie in Medienwissenschaft und übersetzte. Aber ihre literarische Karriere begann erst im Jahr ihres 50. Geburtstages: 2014 erschien „Der Mauerläufer“ im kleinen Dorothy Verlag – und schaffte es in die „New York Times“-Liste der 100 bemerkenswertesten Bücher. Warum eigentlich Vögel? Von allen Tieren kann man auf sie vielleicht am wenigsten projizieren.

„Vielen Menschen sind Vögel fremd“, antwortet Nell Zink. „Aber schon in den USA hat mich der Umweltschutz beschäftigt, ich war richtig baumbewegt, weil es mich so wütend machte, dass hier zweitausendjährige Bäume gefällt wurden, weil in Japan Formen für Betonguss gebraucht wurden.“ In Deutschland habe sie dann den Vogelschützer Martin Schneider-Jacoby kennengelernt, „der charismatisch erklären konnte, warum er Vögel als ethische Subjekte wahrnimmt. Und wie ungerecht es ist, sie abzuknallen, wenn sie gerade die Sahara überquert haben. Und dann habe ich angefangen, sie in der Natur wahrzunehmen, und das war, als hätte ich vorher nur die Kulisse gesehen. Es sind wirklich die schützenswertesten Kreaturen“.

Anfang Mai reist Nell Zink für eine zweiwöchige Vogelbeobachtungstour nach Peru. Keine ganz ideale Planung mit Blick auf das Erscheinen von „Virginia“, andererseits halten sich die Lesungsanfragen in Grenzen: „Viele Buchhändler glauben, ich würde in den USA leben.“

„Virginia“ entstand direkt nach „Der Mauerläufer“. Abermals ein Jahr später erschien 2016 „Nikotin“ und jetzt das 400 Seiten starke „Doxology“. Ein immenses Pensum. Als müsse geballt heraus, was Jahrzehnte gespeichert wurde. Zinks Wohnung mit Matratze auf dem Boden, Computer und Bücherstapeln ist eine reine Schreibklause. Ein Trafohäuschen für Sprache und Geschichten.

Nell Zink: Virginia. Roman.

A. d. Engl. v. Michael Kellner.

Rowohlt Verlag, Reinbek.

320 Seiten, 22 Euro.

„Virginia“ ist ein postmodernes Märchen. Da sind die bösen Eltern, die froh sind, Peggy loszuwerden, weil sie Frauen liebt. An der Universität trifft sie einen schwulen, enterbten Dichter aus reicher Familie, der sie schwängert, heiratet und wieder schwängert, und in dessen Haus sie wie Aschenputtel lebt, bis sie mit dem jüngeren Kind, der Tochter, in den Wald flieht. Für das Kind entwendet sie die Geburtsurkunde eines verstorbenen schwarzen Mädchen, sie selbst gibt sich als Schwarze ohne Papiere aus. Sie lebt von der Hand in den Mund, buchstäblich von Nüssen und Beeren (und psychedelischen Pilzen, die sie verkauft), bis am Ende alles gut wird, sie eine lesbische Freundin findet, die Geschwister einander und dem Vater um den Hals fallen und jeder er selbst sein kann – eine einzige utopische Margarinewerbung.

Und ein tolles Buch. Frech und spielerisch und schönstens übersetzt von Michael Kellner. Aber: Als Weiße eine schwarze Identität annehmen? Ist das das absurde Element, das die Identitätsdekonstruktionen des Buches auf die Spitze treibt? „Nein. In Virginia, wo ich aufgewachsen bin, sieht man es vielen Personen wirklich nicht an, dass sie schwarze Vorfahren haben. Und dass Schwarze keine Papiere haben, war lange gern gesehen, denn dann konnten sie nicht wählen. Seit ich in Europa lebe, sehe ich ganz klar, dass das Leben in den USA nach wie vor das in einer Kolonie ist.“ Zink selbst hat übrigens einen deutschen Vorfahren, von dem ihr Name stammt.

Um zu verhindern, dass ihr Mann sie findet, orientiert sich Peggy alias Meg umstandslos nach unten, gegen Abstiegsangst so immun wie gegen Skrupel, die Solidarität der schwarzen Community zu missbrauchen. Auf dem Minderheitenticket schafft es die hellblonde Tochter, ein Mädchen aus prekärsten Verhältnissen und ohne Begabungen, dann trotzdem ins College, wo sie auf einer Drogenparty ihren Bruder trifft. Der wiederum ist ein vom Vater knapp gehaltener Schnösel mit so vielen Talenten ist, das er gar nicht weiß, welches davon er nutzen soll. Blank und planlos also alle beide.

Fröhlich jongliert Zink mit den Klischees und kann das umso befreiter, als sie, was den märchenhaften Duktus verstärkt, nicht psychologisch schreibt, sondern einfach auflistet, was jeweils als nächstes passiert oder was die Figur gerade denkt. Dies aber mit allem Reichtum ihrer Phantasie, gutgelaunten Naturbeschreibungen und einem Strauß herrlich blühender Nebenfiguren.

„Psychologie“, sagt Nell Zink, „wird wirklich überschätzt.“ Und dann geht sie ins Bad, um sich die Nase zu putzen und muss auch wieder an die Arbeit. „Jetzt haben Sie gerade den Zug verpasst“, sagt sie beim Abschied, abermals die Uhr genau im Blick, und empfiehlt einen Spaziergang zu einem See-Café. Ich war wirklich da, und es hat sich gelohnt.

In Frankfurt liest Nell Zink am 20. Mai in der Romanfabrik, www.romanfabrik.de

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