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Zum Tod Nein sagen

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Was steckt hinter den Fassaden?
Was steckt hinter den Fassaden? © REUTERS

Depression durchzieht die Geschichte wie ein schwarzer Faden. Dennoch geht es flott und lakonisch zu. „Nicht mit mir“ heißt der unlarmoyante neue Freundschaftsroman von Per Petterson.

Von der katastrophalen Hilflosigkeit der Kinder erzählt der Norweger Per Petterson in seinem neuen Roman „Nicht mit mir“. Aber auch von der katastrophalen Hilflosigkeit der Erwachsenen. Erwachsene jedoch haben es beispielsweise einfacher dabei, ihren Aufenthaltsort selbst zu bestimmen. Etwas einfacher.

Zum Beispiel erfahren wir schließlich, wie es der Mutter von Tommy, Siri und den Zwillingen gelungen ist, ihrem gewalttätigen Mann zu entkommen. Sie hat sich nach nebenan geschlichen, ist dort aufgenommen und vom Nachbarn dann aus dem Städtchen gebracht worden. In Sicherheit, quasi. Dass sie ihr trauriges Leben gegen ein anderes trauriges Leben tauscht, kann man sich aus einigen Puzzlestücken zusammensetzen.

Ihre vier Kinder muss sie zurücklassen. Warum muss sie das? Weil in diesem insofern dem Leben nicht unähnlichen Roman keiner den anderen retten kann und meistens nicht einmal sich selbst.

Der älteste Sohn, Tommy, wehrt sich schließlich gegen die grobschlächtige, aber auch hilflose Gewalt des Vaters. Jetzt reagiert das Jugendamt – alle am Ort wussten Bescheid, daran besteht kein Zweifel –, was zur Folge hat, dass die Geschwister auseinandergerissen werden. Eine entsetzliche Szene, von Petterson, Meister nüchterner Blicke auf den Schrecken, spröde und umso wirkungsvoller erzählt.

Die Folgen des Schocks nach bereits so vielen Schocks sind für die Kinder zudem nicht unbedingt die, die die Leser sich vorstellen mögen. Überhaupt treibt Petterson ja ein ruhiges, spannendes Spiel mit den Erwartungen jener, die von außen herantreten an sein kleines, aber nicht so kleines Erzählgeflecht entlang an psychischen und sozialen Abgründen.

Ganz einfach scheint der verschwiegene Erzähler es zu knüpfen, der die Figuren selbst lakonisch zu Wort kommen und aus ihren Erinnerungen berichten lässt.

Die Kapitelüberschriften sagen, wer spricht und wann: Tommy und sein Jugendfreund Jim vor allem, manchmal auch Tommys Schwester Siri; einerseits 2006, kurz nach einer unerwarteten Begegnung Tommys und Jims nach vielen Jahren, andererseits immer wieder in der Zeit vor dreißig Jahren, damals in Mørk, einem Kaff, das, so heißt es im Roman, überall in Norwegen sein könnte (eine Art Neustadt, auf deutsche Verhältnisse übertragen). Petterson hat keine Bedenken, uns klassische Cliffhanger zuzumuten. Und er klärt zwar einiges, aber nicht alles auf.

Warum wollte Jim sterben?

Aus diesem Handwerkszeug lassen sich Thriller knüpfen, aber der 62-Jährige nutzt es dazu, die Frage, wie Menschen wurden, was sie sind, zu umkreisen und trotzdem auf keinen Fall zu beantworten. Warum etwa versucht der junge Jim, sich das Leben zu nehmen? Er jedenfalls kann es nicht erklären.

„Mir wurde erst jetzt bewusst“, überlegt er später, „dass ich immer davon ausgegangen war, jemand wüsste, warum ich getan hatte, was ich getan hatte, und behandelte mich entsprechend, und auch wenn ich mich an nichts erinnern konnte, könnten die Ärzte oder meine Mutter mir jederzeit sagen, warum ich es getan hatte, wenn sie es wollten, oder wenn ich es wollte. Nur dass ich es nicht wollte.“ So stehen die Figuren selbst vor den Rätseln ihres Lebens.

Tommy also, der nur zuschlägt, wenn er muss, aber dann macht er es. Jim also, der allein bei seiner Mutter aufwächst und eigentlich eine weit bessere Ausgangschance hat als sein Freund. Dazu Siri, die die Wahl hat, unterzugehen oder im Leben mitzumachen, und eine klare Entscheidung trifft.

2006 ist Tommy erfolgreich im Finanzwesen tätig, Jim hingegen, wie Petterson Bibliothekar, über seine labile Psyche gestolpert, vielleicht nur vorerst, vielleicht für immer. Lapidar gibt Petterson Einblicke in das norwegische Sozialsystem gestern und heute und den Gleichmut eines noch so funktionstüchtigen Apparates. Vor allem aber in die Abgründe von Beziehungen und einer zwangsläufig mitgeschleppten Vergangenheit.

Tommy und Jim wissen viel voneinander und dazu gehören auch die seltsamen Geschichten. Als sie einmal Schlittschuh laufen, scheint das Eis brüchig zu werden. Um rasch ans Ufer zu kommen, stößt sich Jim bei Tommy ab, der dadurch gefährlich zurückbleiben muss.

Oder: Als der Hund der Noch-Familie Tommys zu ertrinken droht, ruft die Mutter den Sohn, um das Tier zu retten. Jim wundert sich später darüber, dass die Mutter nicht selbst in den Teich gestiegen ist, in dem ein Erwachsener stehen kann, ein Kind aber nicht.

Depressionen ziehen sich durch „Nicht mit mir“ wie ein schwarzer Faden. Es wird viel geweint. Es geht durchaus darum, das Leben zu überleben und dem Tod ein Nein entgegenzurufen. Die Figuren versuchen es, verlieren aber selbstverständlich, wie jedermann.

„Und wie sehr er sich auch geweigert haben mochte, er hatte sich nicht genug geweigert“, erklärt Tommy uns, als sein Pflegevater gestorben ist. Und sagt mehr über sich als über den alten Mann.

Sparsam, unlarmoyant und nachgerade flott bieten Petterson und in der stolperfreien, die Zügigkeit des Textes aufgreifenden Übersetzung auch Ina Kronenberger einen letztlich zeitlosen Epos auf unter 300 Seiten. Das ist imposant.

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