+
Spanische Studentin beim Streik in Madrid gegen die Kürzungen im Bildungswesen.

Nehmen, was man kriegen kann

Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz schreibt gegen die Ungleichheit in den USA an

Von Lutz Lichtenberger

Joseph Stiglitz ist ein Ökonomie-Popstar. Nobelpreis für Wirtschaft 2001, Professor an den US-Universitäten Yale, Princeton und Columbia, Berater von Bill Clinton und Barack Obama, Chefvolkswirt der Weltbank, laut Time Magazine einer der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt – und beeindruckend produktiver Autor gehobener populärer Sachbücher. In seinem jüngsten 500-Seiten-Brocken, „Der Preis der Ungleichheit“, rechnet Stiglitz mit über einem Jahrzehnt verfehlter US-Politik ab und versucht US-Präsident Obama eine ökonomische Agenda für dessen zweite Amtszeit aufzuzeigen.

Stiglitz’ entschiedene Befürwortung der Occupy-Bewegung und spanischer und griechischer Demonstranten gegen diverse Sparprogramme hat den bald 70-jährigen Wissenschaftler zu einem Held der Linken werden lassen. Aber man lasse sich nicht täuschen, Stiglitz ist ein kerzengerader Kapitalist. Seine gleichsam sozialdemokratische Prägung reicht in den USA schon aus, um mit dem Titel eines Dissidenten versehen zu werden.Stiglitz betont, dass ein freier und am Wettbewerb orientierter Markt gut für eine Gesellschaft als Ganze ist, aber auch, dass ein solcher durch staatliche Institutionen reguliert und beaufsichtigt werden muss, um richtig funktionieren zu können.

In aller Ausführlichkeit dokumentiert der Autor, dass große Einkommensunterschiede dem kapitalistischen Gedeihen einer Gesellschaft schaden, Krisen auslösen, die Produktivität senken und Wachstum behindern. Stiglitz fasst es bündig so zusammen: „Ungleichheit führt zu geringerem Wachstum und weniger Effizienz. Der Mangel an Chancen bedeutet, dass das wichtigste Gut, die Menschen, nicht voll zum Einsatz kommen. Viele am unteren Ende der Gesellschaft, aber auch in der Mitte, können ihr Potential nicht ausschöpfen, da die Reichen, die wenige öffentliche Güter benötigen, Angst haben, dass eine starke Regierung Einkommen umverteilen könnte. Statt dessen verwenden sie ihren politischen Einfluss dafür, dass Steuern gesenkt und öffentliche Ausgaben gekürzt werden.“

Stiglitz schreibt ganz im Stil der ökonomischen Abhandlung und erwähnt nicht das Musterbeispiel für eben einen solchen engagierten „Reichen“, der viel Geld dafür ausgibt, den Staat zum Sparen zu bringen. Pete Peterson, einst Wirtschaftsminister unter Präsident Richard Nixon, später sehr reich geworden an der Wall Street, hat im Laufe der Jahre glatte 500 Millionen Dollar ausgegeben, um von der politischen Klasse (mit großaufgezogenen Abendveranstaltungen) bis zu High-School-Schülern (mit Pamphleten für den Unterricht in Politischer Weltkunde) alle von der Schädlichkeit staatlicher Defizite zu überzeugen.

Den Grund für den Haushaltskürzungseifer hat der damalige republikanische Fraktionsführer im Repräsentantenhaus Mitte der Neunziger Jahre verraten: „Den Haushalt auszugleichen ist das Mittel, mit dem ich mir Aufmerksamkeit verschaffe, um den Sozialstaat zu verkleinern. Die nationale Angst vor Defiziten ist größer als alles andere. Also nehme ich, was ich kriegen kann und konzentriere mich auf das, was ich will.“

Was die Republikaner wollen, ist tatsächlich eine Schrumpfform, wenn nicht gar das Gegenteil einer Marktwirtschaft. Energiekonzerne werden nicht für Umwelt-, Investmentbanken nicht für Finanzkatastrophen zur Rechnung gebeten. Und zuvor haben beide noch von umfassenden Steuervergünstigungen profitiert.

Stiglitz schlägt, wie viele andere auch, eine schärfere Regulierung, striktere Anti-Kartell-Gesetze und Steuerreformen vor. Aber auch er ahnt, dass politisch-institutionelle Reformen unerlässlich sind. „In wichtigen Fragen ist unser Land zu einem dieser besorgniserregenden Orten geworden, wo den Interessen einer winzigen Elite gedient wird“, schreibt er. Sicher, Stiglitz, der öffentliche Intellektuelle und Großkommentator, will Wirkung erzielen, er will gehört werden, nicht nur auf der wirtschaftswissenschaftlichen Fachtagung, sondern auch von größerem Publikum. Dass aber ein Ökonomie-Nobelpreisträger sich so ins (partei-) politische Getümmel werfen muss, hat auch etwas Bitteres.

„Der Preis der Ungleichheit“ ist ein grundvernünftiges und natürlich auch wichtiges Buch. Selbstverständlich ist auch Deutschland nicht frei von den Problemen der Armuts-Reichtumsschere, muss seine Banken und Energiekonzerne effektiver kontrollieren, besteuern und angemessen für Krisen haftbar machen. Stiglitz aber schreibt vornehmlich über amerikanische Probleme und für amerikanische Leser. Der deutsche Leser, immerhin, kann aber doch zusätzlich diese Erkenntnis mitnehmen: Verglichen mit den sich bürgerlich-konservativ gebenden, in Wahrheit aber oft nur noch radikal und irrational gebärdenden Republikanern, erscheint ihr deutsches Pendant, die bürgerlich-konservative CDU, wie eine Partei, für die auch noch der letzte Linke ein tägliches Dankgebet aussprechen dürfte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion