Auf Nebenspuren

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Jan Costin Wagners neuer Finnland-Krimi

Skandinavische Krimiautoren sind auf dem deutschen Markt besonders erfolgreich - es scheint aber auch überproportional viele gute zu geben. Das Letzte, was man da braucht - könnte man meinen -, ist ein Hesse, der finnische Krimis schreibt. Allerdings sind Jan Costin Wagners Romane um den jungen Polizisten Kimmo Joentaa so herausragend, dass es völlig egal ist, wo sie spielen, so lange sie es nur irgendwo tun.

Im ersten Buch stirbt Joentaas Frau an Krebs. Im zweiten und nun dritten - "Im Winter der Löwen" - macht ihn sein aus Trauer geborenes Fingerspitzengefühl zum besseren Ermittler. Immer noch ist er etwas neben der Spur; aber kann nicht eine professionelle Mordkommission jemanden vertragen, der über eher abgelegene Wiesen schlendert und dabei hübsche kleine Hinweise pflückt, die zuletzt den Gesamtermittlungsstrauß aufs Beste ergänzen?

Jan Costin Wagners Krimis sind trotzdem nicht von der ausschweifenden Art. Zügig - und elegant - bringt er die Handlung voran, in Dialogen zumeist, die nicht aussprechen, was nicht ausgesprochen werden muss: Welche Möbel bei jemandem rumstehen, welche Farbe die Haare des Verdächtigen haben. Wagner traut seinen Lesern was zu, und er nimmt im "Winter der Löwen" in Kauf, dass sie früh ahnen, wie sich das mit den ermordeten Talkshow-Gästen verhält - die den Tod gerade noch leicht genommen hatten.

Es macht gar nichts, die Lösung bereits zu vermuten. Spannung entsteht hier nur zum Teil aus der Frage: Wer war's? Viel interessanter sind die Beweggründe der Menschen - auch der Polizisten -, und wie ihre privaten Entscheidungen Rückwirkungen haben darauf, wohin ihre Ermittler-Gedanken sie führen. Und sei es die eher zufällige Wahl des Fernsehprogramms.

Jan Costin Wagner, geboren 1972, lebt inzwischen in Hessen und Finnland, und vielleicht gibt es seinen Romanen ja einen zusätzlichen Charme, wenn man sich in ihnen seehundbärtige, schwermütige Kaurismäki-Finnen vorstellt. Ganz zu schweigen von skandinavischer Winter-Dunkelheit, -Regen, -Kälte. Aber Wagner ist vor allem eben ein Meister der Seelenzustände, der mal mehr, mal weniger stillen und für die Umwelt bedrohlichen Verzweiflung. Und er hält, im Gegensatz zu vielen Krimiautoren, seinen Figuren stets die Türen offen zu anderen Entscheidungen, einem anderen Leben.

Jan Costin

Wagner:

Im Winter

der Löwen.

Eichborn Berlin 2009,

288 Seiten,

17,95 Euro.

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