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„Nebel“ von Miguel de Unamuno: Wenn Worte Flügel bekommen

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Von: Martin Oehlen

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„Er war, ein höchst reiz- und streitbares Temperament, in der Tat gegen fast alles“: Miguel de Unamuno an der Universität von Salamanca im Kreise seiner Studenten.
„Er war, ein höchst reiz- und streitbares Temperament, in der Tat gegen fast alles“: Miguel de Unamuno an der Universität von Salamanca im Kreise seiner Studenten. © United Archives/Imago

Aus dem Buchmessen-Gastland Spanien: „Nebel“, ein Klassiker von Miguel de Unamuno, jetzt in umfassender Neuauflage, sprengt die Grenzen der Literatur keck und raffiniert.

Zwei Vorworte, ein Nach-Vorwort und dann noch ein Nachwort – Miguel de Unamunos Roman „Nebel“ ist wohlig eingebettet zwischen diesen Ein- und Ausführungen. Und keine Frage: die virtuos erzählte Lebens- und Liebesgeschichte des Augusto Pérez hat so viel Fürsorge unbedingt verdient. Sie ist mal irrwitzig komisch und mal Mitleid erregend, mal philosophisch tiefschürfend und mal literarisch verspielt. Ein Fest – immer noch.

Ein Roman mit eigenem Schicksal: Der Spanier Miguel de Unamuno (1864-1936) schrieb „Niebla“ 1914 und legte 1935 eine revidierte Fassung vor. Diese Ausgabe letzter Hand erschien auf Deutsch 1988. Dabei griff der mittlerweile untergegangene Verlag Peter Selinka auf die Übersetzung von Otto Buek von 1927 zurück und ließ sie von Roberto de Hollanda und Stefan Weidle aktualisieren. Eine Taschenbuchausgabe folgte in den 90ern bei Ullstein, wenn auch ohne das Nachwort von Wilhelm Muster. Nun erscheint „Nebel“ in voller textlicher Pracht im Weidle Verlag.

Darum geht es: Augusto Pérez, alleinstehend und wohlhabend, tritt eines Tages aus seiner Haustüre und sieht sich mit der Frage konfrontiert, wohin er sich nun wenden sollte. Linksrum oder rechtsrum? Doch sogleich wird ihm diese Entscheidung von einer „anmutigen Dame“ abgenommen, der er „wie magnetisiert und ohne es zu merken“ bis zu ihrem Haus folgt. Dort kommt er zur Besinnung und blickt in das erwartungsvolle Gesicht einer Pförtnerin. Ja, da bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als sich zu erkundigen, wie denn die eben heimgekehrte Dame heiße.

Das Buch

Miguel de Unamuno: Nebel. A. d. Span. v. Otto Buek, Roberto de Hollanda, Stefan Weidle. Weidle, Bonn 2022. 296 S., 25 Euro.

Eugenia Domingo del Arco – so ihr Name – ist Klavierlehrerin. Allerdings mag sie weder das Klavierspiel im Besonderen noch die Musik im Allgemeinen. Sie benötigt das Geld, da sie als Waise bei Onkel und Tante wohnt und diesen nicht zur Last fallen will. Verbandelt ist sie auch schon. Allerdings hegt der umtriebige Mauricio keine Absicht, sich langfristig zu binden. Augusto seinerseits ist zum Liebes-Wettstreit bereit. Ein Bruder im Geiste des Don Quijote: Reich an Idealen und bar jeder Chance, die er freilich nutzen will. Denn im „Nebel des Lebens“ scheint er endlich seine Bestimmung gefunden zu haben.

Ob es Liebe ist? Das muss sich noch weisen. Augusto ist selbstkritisch: „Wieso bin ich in sie verliebt, da ich doch genaugenommen nicht sagen kann, dass ich sie kenne?“ Andererseits ist er von Eugenias Vorzügen vollkommen überzeugt. Als sie ihm einen (ersten) Korb gibt, ist er geradezu begeistert: „Herrlich! Majestätisch! Heroisch! Ein Weib, ein echtes Weib!“

Es ist ein vortreffliches Personal, das Miguel de Unamuno ins Feld führt. Vorneweg Augusto als charmanter Verlierer, dann Eugenia voller Selbstbewusstsein und nicht ohne Berechnung. Weiter die treuherzige Wäscherin Rosario, die Tante, die Augusto offiziell zu ihrem „Kandidaten“ für die Nichte erklärt, und der Onkel, der sich auf Esperanto vorstellt und als „mystischer Anarchist“ darauf baut, dass Gott nicht befiehlt, sondern selbst ein Anarchist ist. Einige rühmenswerte Persönlichkeiten mehr sind zu nennen – der Diener Domingo als Sancho-Panza-Wiedergänger, der schriftstellernde Freund Víctor, von dem eines der Vorworte stammt, und nicht zuletzt Orpheus, der treue Hund und Grabredner.

Einen besonderen Auftritt hat der Autor selbst. Denn Augusto Pérez sucht Don Miguel persönlich auf, weil er mit der Gesamtsituation – wir wollen hier aus Spannungsgründen nicht ins Detail gehen – keineswegs einverstanden ist. Es dreht sich im Gespräch zwischen Schöpfer und Schöpfung schlichtweg um Leben und Tod. Dieses Aufbrechen der Fiktion ist nur eine literarische Finesse, die sich Miguel de Unamuno erlaubt. Eine andere ist seine Entscheidung, den Roman nicht als „novela“ einzuführen, sondern als „nivola“: Ein neues Genre und ein ganz privater Spaß. Dass der Autor zwischendurch die Erzähl-Perspektive von Augusto zu Eugenia wechselt, ist im Vergleich dazu eine Kleinigkeit.

Es gibt so viele Attraktionen in diesem Band! Am Wegesrande tauchen immer wieder wunderbare Blüten auf – in den pointierten Dialogen, den scheinbar zufälligen Beobachtungen und den Reflexionen mit der Lizenz zum Philosophieren.

Gleich zu Anfang streckt Augusto seine Hand aus, um missmutig festzustellen, dass ein leichter Sprühregen eingesetzt hat: „Und es war weniger der feine Regen, der ihn störte, als vielmehr der ärgerliche Umstand, dass er seinen Regenschirm öffnen musste – so schlank, so elegant, so geschickt war dieser in sein Futteral gerollt.“ Augustos Empfinden tendiert nämlich dazu, dass ein geschlossener Regenschirm elegant und ein geöffneter hässlich aussieht. Das gilt für viele Objekte: „Wie schön ist eine Orange, bevor man sie isst.“ Die Sache mit der Orange darf man natürlich als Metapher für die Liebe des Augusto Pérez nehmen.

Im Nachwort macht der österreichische Schriftsteller Wilhelm Muster (1916-1994) mit Miguel de Unamuno bekannt: „Er war, ein höchst reiz- und streitbares Temperament, in der Tat gegen fast alles.“ Bewundernswert sei der Mut gewesen, mit dem der Baske gegen die jeweils herrschenden Machthaber aufgetreten sei – „auch wenn er nicht immer genau weiß, weshalb er sie angreift.“

Offenkundig stimmt, was Albert Vigoleis Thelen in seinem Roman „Die Insel des zweiten Gesichts“ geschrieben hat: „Unamuno war ja gefürchtet für seine Worte, die Flügel bekamen, kaum waren sie ausgesprochen.“ Als Lehrstuhlinhaber der Universität von Salamanca kritisierte er die Militärdiktatur von Miguel Primo de Rivera, was ihm 1923 eine Verbannung auf die Kanaren-Insel Fuerteventura einbrachte. Später glaubte Unamuno zunächst an einen Neubeginn unter General Francisco Franco, erkannte aber bald seinen Irrtum und distanzierte sich spektakulär. Sein Lebensende verbrachte er im Hausarrest.

Unter den fünf Romanen, die Miguel de Unamuno veröffentlicht hat, ist „Nebel“ international am erfolgreichsten gewesen. Er selbst vermutet im Vorwort von 1935, dass vor allem die darin ausgebreitete „Phantasie und Tragikomik“ die Leserinnen und Leser ansprechen. Das ist so schlicht wie wahr. Wer noch nie von Miguel de Unamuno und seinem Roman „Nebel“ gehört hat, darf sich freuen: Die Entdeckung eines rundum sympathischen Buches ist zum Greifen nah.

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