Roman

Der Naturforscher und sein Nachtwächter

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In seinem schön erzählten Debütroman schickt Anselm Oelze einen Museumswärter auf die Spur des berühmten Naturkundlers Alfred Russel Wallace.

In der Welt geht es oft ungerecht zu. Man wird auf unterschiedlichen Startpositionen geboren, dazu entscheiden auch noch Glück und Zufall mit über Erfolg im Leben. Ein bekanntes Beispiel für einen Fall, in dem die überragende Leistung eines Einzelnen nicht angemessen anerkannt wurde, ist der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace. Als Zeitgenosse Charles Darwins entdeckte und klassifizierte Wallace nicht nur sehr viele neue Arten, sondern entwickelte vor allem zur selben Zeit wie Darwin eine Theorie der natürlichen Selektion. Da aber Darwin derjenige war, der zuerst mit diesen Ideen an die Öffentlichkeit ging (wohl wissend, dass der jüngere Kollege zu denselben Schlüssen gekommen war), fiel es ihm auch zu, als Begründer der Evolutionstheorie ins Gedächtnis der Welt einzugehen.

Nun hat Anselm Oelze, Jahrgang 1986, die Geschichte des übergangenen Wallace zum Gegenstand seines ersten Romans gemacht. Für die naturwissenschaftlichen Forschungen des Protagonisten interessiert der Autor sich allerdings eher nebenbei. Sein Roman kreist um das Thema der verpassten Gelegenheit beziehungsweise der historischen Ungerechtigkeit. Ein historischer Roman im eigentlichen Sinne ist er dabei nicht, oder nur zum Teil.

Den größeren Teil des Buches nimmt eine Rahmenhandlung ein, die ungefähr in der Jetztzeit spielt und einen Protagonisten hat, dessen ganzes Dasein möglicherweise als verpasste Gelegenheit betrachtet werden könnte. Albrecht Bromberg, Nachtwächter im naturkundlichen Museum, hatte nämlich einst mehr vor im Leben, aber sich während des Studiums nicht so recht für etwas entscheiden können. So ist er auf dem Museumsjob hängengeblieben, wo er immerhin in seiner Portiersloge rare Epiphyten hegen kann. Mittlerweile ist er ein Nachtwächter in mittleren Jahren, während es einer von seinen alten Freunden in der Zwischenzeit gar zum Bankdirektor gebracht hat. – Als Bromberg eines Tages beim Aufräumen im Museum über ein Bild eines bärtigen Mannes stolpert, das er kurze Zeit danach bei einem befreundeten Antiquar in einem Buch wiederentdeckt, ist sein Interesse geweckt. Das Leben des Alfred Russel Wallace und die ungerechte Zuteilung des Ruhms werden für ihn zur Besessenheit. Er beginnt zu recherchieren, lernt dabei sogar eine junge Frau kennen und unternimmt eine Reise, mit der er hofft, die Geschichte im Nachhinein korrigieren zu können.

Zwischen die Passagen dieser Rahmenhandlung sind Episoden aus Wallaces Leben gesetzt – nicht in streng chronologischer Abfolge, sondern als eine Art Erzählmosaik, angefangen mit einer längeren Erzählung über den dramatischen Verlust, den Wallace 1852 erleidet, als er sämtliche Materialien und Tierpräparate verliert, die er im Verlaufe einer dreijährigen Forschungsreise gesammelt hat. Das Schiff, auf dem er seine Rückreise angetreten hat, geht in Flammen auf: ein Schicksalsschlag, der im Nachhinein metaphorisch gedeutet werden kann. Doch Wallace setzt seine Arbeit unverdrossen fort. Bei einer weiteren langen Forschungsreise im Malaiischen Archipel entdeckt er beim Besuch zahlreicher Inseln die Artentrennlinie zwischen dem australischen und dem asiatischen Kontinent, die später als „Wallace-Linie“ bekannt wurde.

Oelze schreibt lebendig, farbig und eloquent, bedient dabei allerdings durchweg einen einheitlichen, antiquiert wirkenden Erzählduktus. Den historischen Passagen ist das sehr angemessen, in der Rahmenhandlung wirkt es anachronistisch. Immerhin, er hält diesen Stil konsequent durch.

Genremalerei des Biedermeier

Das Museumsambiente, in dem Bromberg sich bewegt, sein intellektueller Männer-Stammtisch (die „Elias-Birnstiel-Gesellschaft“), der grantige Antiquar Schulzen in seinem skurrilen Bücherreich: Das lässt in dieser pseudoaltfränkischen, gemütlichen Schilderung eher Bilder aus der biedermeierlichen Genremalerei des 19. Jahrhunderts vor dem inneren Auge entstehen als Szenen aus einer heutigen Großstadt (und dass die Szenerie sehr wohl als heutig gedacht werden soll, dafür bürgt die Erwähnung von Computern, Caffè crema und anderen zeitgenössischen Versatzstücken).

Hinter so viel Konsequenz muss eigentlich Absicht stehen; welche aber, offenbart der Roman nicht deutlich genug. Und was verbindet nun wirklich den beruflich zwar unterforderten, aber gemächlichen Bromberg mit dem historisch nicht genügend anerkannten, aber ja doch berühmten und vor allem unglaublich emsigen Wallace? Offenbar will Oelze gewisse Parallelen zwischen dem Nachtwächter- und dem Naturforscherleben suggerieren. Diese Parallelen liegen aber längst nicht so klar auf der Hand, wenn man nicht mangelnde gesellschaftliche Anerkennung als starkes verbindendes Merkmal gelten lassen mag. Auf der Bedeutungsebene hinterlässt die Lektüre von „Wallace“ daher viele offene Fragen, die man auch blinde Flecken nennen könnte. Was dagegen die sprachliche Ebene betrifft, so folgt man ihm gern, diesem neo-biedermeierlichen Erzähler. Er mag klingen wie von vorgestern, erzählt aber doch gar so hübsch.

Zum Buch

Anselm Oelze: Wallace. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2019. 264 Seiten, 22 Euro.

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