Das natürliche Feld

Frühe Texte von Maurice Merleau-Ponty, zu lesen als "spontanes Nachbild" ihrer Epoche

Von CHRISTOF WINDGÄTTER

Im Frühjahr 1872 hält der in Basel lehrende Friedrich Nietzsche am dortigen Museum eine Reihe von Vorträgen: "Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten." "Meine verehrten Zuhörer", stellt er die Frage, "Wie hängt der Student mit der Universität zusammen?", um darauf zu antworten: "Durch das Ohr, als Hörer". Anders der zu ihnen sprechende Professor - was dieser aber "sonst denkt und thut, ist durch eine ungeheure Kluft von der Wahrnehmung der Studenten abgeschieden. Ein redender Mund und sehr viele Ohren, mit halbsoviel schreibenden Händen - das ist der äußerliche akademische Apparat, das ist die in Thätigkeit gesetzte Bildungsmaschine der Universität."

Die Reform der preußischen und auch Schweizer Bildungsanstalten zeitigt ihre Effekte. Die Arbeitsteilung zwischen Lehrenden und Studierenden sowie deren physische Differenzierung scheint bereits ihr heute bekanntes Ausmaß erreicht zu haben. Schließlich kann eine zunehmende Spezialisierung unserer Tätigkeiten und Trennung unserer Sinne als Signatur des modernen Lebens überhaupt bezeichnet werden. Ob im Alltag oder am Arbeitsplatz, vor dem Schreibtisch oder während des Sports, spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts, seit Industrien, Maschinen und die Spektakel der Warenwelt unsere Existenzen beherrschen, handeln wir immer öfter nur noch körper-teil-weise; als Träger bestimmter Organe, die ebenso genormte wie voneinander abgesetzte Funktionen ausüben. Mit anderen Worten: Zur Voraussetzung für unsere Lebens- und Leistungsfähigkeit ist unsere (Selbst-)Zergliederung geworden: dass wir keine ganzheitlich geforderten und geförderten Menschen mehr sind.

Die Synthese des Leibes

Die Phänomenologie der Wahrnehmung freilich, die der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty 1945 vorgelegt hat, war ein Versuch, solchen Modernisierungsaspekten nicht nur entgegenzutreten, sondern ihnen zugleich ein neues Verhältnis von "Mensch und Welt" entgegenzustellen. Man hat diesen Ansatz gelegentlich eine Existenz-Philosophie genannt, da er sowohl, das konkrete Individuum hinter den Schemata der Erkenntnistheorie wieder zu fassen sucht, als sich auch (im Anschluss an Husserl) "zu den Sachen selbst" auf den Weg gemacht hat. Phänomenologie nämlich, so Merleau-Ponty, will das "natürliche Feld" unseres Daseins beschreiben, als "ursprüngliche" Begegnung mit den Dingen, will sich von der Welt nicht länger entfernen, um sie zu beobachten, sondern das "Faktum meiner Subjektivität und das Objekt in statu nascendi wiederfinden". Wobei er für ?natürlich' bzw. ?ursprünglich' nicht die Teile, sondern das Ganze hält, nicht die Autonomie unserer Sinne oder Glieder, sondern die "Synthese des Leibes": indem er ein "synergisches System" bildet, das jeweils "Ausdruck" ist unserer gesamten Existenz.

Noch anders ausgedrückt und damit gegen die Diagnose Nietzsches gestellt: Dem Pariser Phänomenologen geht es um Integration statt um Dissoziation, um natürliche Voraussetzungen statt um künstliche Welten; sein Interesse gilt zumindest im Frühwerk nicht der Verbreitung technischer Medien (Grammophon, Photographie, Kino usw.), sondern den Wahrnehmungsbezügen des Menschen, nicht den Erfolgen der Naturwissenschaft, sondern dem Standhalten der Philosophie. Und so scheint für ihn zu gelten, was schon Walter Benjamin über Bergson geschrieben hat: dass dieser nämlich vermeide, "derjenigen Erfahrung näherzutreten, aus der seine eigene Philosophie entstanden ist oder vielmehr gegen die sie entboten wurde". Ja mehr noch, denn während Europa unter Kriegsfolgen, Exil und Vertreibung leidet, wird phänomenologisch nach einer Welt gesucht, der das "Vermögen der Bezauberung von gleichsam sakramentaler Bedeutung eignet".

Was auch immer dann gefunden werden wird, an dieser Stelle offenbart sich nicht nur Merleau-Pontys Katholizismus, sondern zugleich der kompensatorische Charakter seiner Philosophie. Und das durchaus im Sinne Odo Marquards, für den Geisteswissenschaften ja überhaupt Kompensationswissenschaften waren: Erfindungen der Moderne, um ihre Modernisierungsverluste aufzufangen, um als Reaktion auf ihre fortschreitende "Entzauberung" der Welt "Bewahrungs"- und "Orientierungsgeschichten" zu erzählen - was aber bezüglich der Phänomenologie nicht dazu verleiten sollte, ihre Bücher beiseite zu legen, sondern ganz im Gegenteil und noch einmal mit Benjamin, sie als "spontanes Nachbild" ihrer Epoche ernst zu nehmen.

Bisher nicht auf deutsch veröffentlichten Texten Merleau-Pontys sind nun in Das Primat der Wahrnehmung zusammengefasst: zwei Arbeitsentwürfe von 1933/34 sowie der titelgebende Essay: eine Verteidigung jener Phänomenologie vor der Société française de Philosophie 1946, inklusive Diskussion. Während es sich bei den Eingangstexten um Stipendienanträge des damals 25-Jährigen handelt, die sowohl sein Gespür für offene Wege in der Forschung belegen als auch im Rückblick die erstaunliche Kontinuität seiner Thesen, skizziert der dritte und ausführlichste Text vor allem die Ideengeschichte der eigenen Arbeit: wie sie zur Wahrnehmungstheorie wurden und welche Konsequenzen daraus erwachsen.

Paradigmenwechsel postuliert

Das Nachwort des Herausgebers liefert - was selten genug ist - eine ebenso gelehrte wie auch für Fachfremde gut lesbare Einordnung aller drei Texte in die Gedankenwelt Merleau-Pontys. Nur an zwei Stellen dürfte sie über ihr Ziel hinausgeschossen sein: als das Primat der Wahrnehmung zu einem "perceptual turn" hochstilisiert wird und als sie versucht, sich einen philosophischen Reim auf die Ablehnung des zweiten Stipendienantrages zu machen. Gegen Wendungen oder Paradigmenwechsel nämlich spricht inzwischen deren Inflation; außerdem wird dadurch nur ein theoretisch aussichtsloser Wettlauf um erste Prinzipien verlängert; sei es Gott, die Vernunft, das Subjekt oder wie im Falle Merleau-Pontys die Wahrnehmung.

Und für die Sache mit der Ablehnung braucht es weniger Philosophie, als vielmehr Zeitgeschichte sowie einen Blick auf die erste Seite des Antrages selber: Drei Mal werden dort "deutsche Arbeiten" positiv erwähnt, vom restlichen Text ganz zu schweigen. Keine französische Institution aber (in diesem Fall die Caisse Nationale des Sciences) konnte das im Vorfeld des zweiten Weltkriegs ignorieren. Hielt Merleau-Ponty schon die Augen vor der eigenen Epoche verschlossen, ein Nachwort sollte ihn diesbezüglich nicht wiederholen. Als Reaktion würde es sonst und seinerseits von dessen doppelter Bedeutung eingeholt.

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