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Terézia Mora vor der Preisverleihung im Staatstheater Darmstadt.

Büchnerpreis

Natürlich ist der Mensch essbar

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Messbar hingegen nur bedingt. Ertragreiche und schlimme Irrungen sind Thema bei der Vergabe der Darmstädter Akademieauszeichnungen an die neue Büchnerpreisträgerin Terézia Mora, an Wolfgang Kemp und an Martin Pollack.

Früher, sagte Terézia Mora, habe sie sagen können, hetzerisches Reden finde in Deutschland wenigstens nicht auf Regierungsebene statt. „Das kann ich so nicht mehr.“ 

Noch vor ein paar Jahren, sagte Martin Pollack, „hätte ich an dieser Stelle vor allem über Osteuropa und über Putins Russland gesprochen, über die fortschreitende Zerstörung der Demokratie in Ungarn und in Polen ... .“ Heute blickt der österreichische Osteuropaexperte (und „Physiognomiker der Zeit“, so sein Laudator Karl Schlögel) kaum weniger entsetzt nach Österreich und Italien. „Die politischen und moralischen Maßstäbe haben sich so rasant verschoben, dass wir manchmal unseren Augen und Ohren nicht trauen.“ Mit dem slowakischen Autor Michal Hvorecky sprach er von einer „Osteuropäisierung Europas“, was Hvorecky vor allem auf den Einfluss der Putinschen Propaganda beziehe, einer Propaganda „auf leisen Sohlen“, zu der sich etwa in Polen (oder den USA) freilich weiter die „plumpe Lüge“ geselle. Pollack zitierte ein polnisches Sprichwort aus Sowjetzeiten. „Die Fakten sind anders? Umso schlimmer für die Fakten.“ 

Überhaupt empfahl er, sich an der hartnäckigen Widerstandsfähigkeit etwa der polnischen Zivilgesellschaft zu orientieren. „Wir müssen noch viel lernen“, sagte er, und man wurde aufgescheucht in seinem stillen So-schlimm-ist-es-doch-hier-noch-nicht-Oder. 

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung will sich, wie Präsident Ernst Osterkamp eingangs erklärte, im nächsten Jahr unter anderem mit der sich verändernden Aufmerksamkeitsspanne nachkommender Lesergenerationen beschäftigen. Die Verleihung der Akademiepreise im Staatstheater Darmstadt war unterdessen unverdrossen ein „Text ohne Werbepause“ (eine Mora-Wendung, die ihre Laudatorin Daniela Strigl zitierte). Die Schriftstellerin Mora, 1971 in Sopron, Ungarn, geboren, erhielt dabei den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis; der Journalist, Buchautor und Übersetzer Pollack, 1944 in Bad Hall, Oberösterreich, geboren, den mit 20.000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay; der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp, 1946 in Frankfurt geboren, den mit ebenfalls 20.000 Euro dotiert Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.

„Wie immer beim Schreiben und auch sonst: man muss es machen, so gut es eben geht“, sagte Mora in ihrer Dankesrede ohne Bescheidenheitsrhetorik, denn etwas so gut zu machen, wie es eben geht, ist wirklich nicht wenig. In der Form eines privaten Briefes – „um so einfach wie möglich zu sprechen. Das, hauptsächlich, habe ich mir vorgenommen“ – ging sie auf die ersten Texte ein, die ihr als Studentin in Deutschland „unterkamen“: Büchners „Woyzeck“, Schillers „Räuber“, Übersetzungen von Alfred Jarrys „König Ubu“ und Ionescos „Die kahle Sängerin“. „Das war mein Einstand in Berlin. Es hätte schlimmer kommen können.“ Sehr staunt sie, als ihr in einer Berliner Videothek die Anrede in der 3. Person Singular begegnet (Büchners Hauptmann, nervös: „Wenn ich sag’: Er, so mein’ ich Ihn, Ihn –“). Der Videotheksbetreiber weiß nicht, worüber sie spricht, als sie ihn danach fragt. „Das, im Grunde, ist mein ganzes Leben: ein beinahe pausenloses Schwelgen in Irritationen: Verstehen und Nichtverstehen und erkanntes oder bewusstes Missverstehen.“ 

Ein Spiel, was sonst? „Seitdem ich leben darf, wo ich leben will, und noch mehr, seitdem ich schreibe, darf ich spielen und das macht mich erst zu einem schönen, freien Menschen.“ Dem Menschen, dem es also gegeben ist, schön und frei zu sein („ein verkleidetes Attila-József-Zitat“), wird das aber hinlänglich erschwert. Mora sprach über die üblichen Kategorisierungen in der Berichterstattung vor der Preisverleihung, „dass ich Ausländer und eine Frau sei, also Ausländerin“. Das sei offenkundig nicht böse gemeint, im Gegenteil, und doch werfe es ein „spezielles (um nicht zu sagen: seltsames) Licht auf den schönen, freien Menschen. Er sieht anders geworden darin aus, und das ist im eigentlichen Sinne des Wortes: merkwürdig.“ 

Von den „wortreichen Prinzen und Prinzessinnen“, wie sie ihr dann etwa in „Leonce und Lena“ begegneten, ließ Mora nach eigenem Bekunden bald ab. „Ich war und fühlte mich den brüchig sprechenden Plebejern näher.“ Im „beinahe-Stottern“, in der „schweren“, der „nach Orientierung suchenden Sprache“ des „Woyzeck“ fand sie die Materie, „aus der ich meine eigene Sprache machen würde“. 

In der sie sich nun selbst zitierte: „Bis ich hierher gekommen bin, bin ich doch traurig geworden.“ Während sie sich nämlich, wie noch fast jede Büchnerpreisträgerin und jeder Büchnerpreisträger, zu Büchners Barbe vorgearbeitet hatte, habe sich, so Mora, die „öffentliche wie die private Rede“ beunruhigend radikalisiert – „und gerade, als ich bei der Barbe angekommen war, gelangte genügend davon ins Innere, um mich aus dem Takt zu bringen. Was eigentlich eine gute Sache ist. Dass dich die Realität irritiert, während du Fiktion herstellst, heißt, dass ihr beide euren Job macht. Ich bin nur etwas mitgenommen von der Qualität der Irritation.“ Hier steht nun der Satz vom Anfang dieses Textes: „Früher konnte ich sagen ... .“

Dunkel auch der Blick nach Ungarn, wo gegenwärtig, so Mora, eine Kampagne gegen den 2016 gestorbenen Schriftsteller Péter Esterházy laufe. In seinen Romanen, so die „Kritiker“, so Mora, „da stehen doch nur Wörter drin, eines nach dem anderen“. „Und wir lachen und weinen zur gleichen Zeit ... .“ 

Wie die meisten Menschen heutzutage konnte sich Terézia Mora unter einer Barbe wenig vorstellen. Sie schlug das ungarische Wort nach, natürlich waren es gleich etliche Wörter (althergebrachte Vokabelfülle für die uns aus dem Blick geratene Natur), und übersetzte sie zurück ins Deutsche. Welskarpfen, Alpenbarbe, Martinsfisch .... schließlich auch: „Slowakischer Judenstör. Noch einmal: Slowakischer Judenstör. Sag nicht, das steckte nicht alles über Mitteleuropa drin. Also: über die Welt des Menschen. Weinen und lachen.“

Aber warum steht in der Überschrift, Menschen seien natürlich essbar? Weil der Kunsthistoriker und Freudpreisträger Kemp in seiner brillanten Dankesrede an eine mehrfach verbürgte Anekdote erinnerte, nach der der greise, schwerhörige Soziologe Alfred Weber (Bruder Max Webers) bei den Darmstädter Gesprächen 1959 zum Thema „Ist der Mensch messbar?“ die entsprechende Frage missverstand und darum wie zitiert beantwortete. Dass Weber 1958 starb und es so nicht gewesen sein kann, macht die Geschichte nicht schlechter, wie Kemp weiß. „Zählen“ – hier vor allem das einem Rechner überlassene Zählen akademischer Publikationen und Zitate – „ist ja gut und schön, aber wichtiger ist das Wägen und Verteilen der Gewichte, ist das Handeln im stolzen Bewusstsein der Tatsache, dass wir Geisteswissenschaftler über mehr als eine Seinsebene und Seinsqualität, über multiple Wirklichkeiten zu verfügen haben und dass die Legende nicht mit dem Nacherzählen gerichtet und als falsch abgetan ist“.

Nicht Zahlen bekommen das in den Griff,   sondern die Sprache kann das übernehmen (Wörter, eines nach dem anderen ...). Den Lob- wie den Dankesreden gelang das im beunruhigten und beunruhigenden Herbst 2018 in besonderem Maße. Nicht nur weil Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken in ihrer Laudatio auf Kemp herausarbeitete, dass Stil kein Glitter ist, sondern einen „erkenntnis-pragmatischen Sinn“ hat.

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