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Natan Sznaider: „Fluchtpunkte der Erinnerung“ – Das Gebot des „Nie wieder“ und seine Lesarten

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Von: Harry Nutt

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Ein Detail des Holocaust Memorial in Miami Beach, Florida, 1990 fertiggestellt.
Ein Detail des Holocaust Memorial in Miami Beach, Florida, 1990 fertiggestellt. © Getty Images via AFP

Der in Tel Aviv lehrende Soziologe Natan Sznaider hat einen Schlüsseltext zur Debatte über Holocaust und Kolonialismus geschrieben.

Wie schnell man sich in gut gemeinter Empörung verheddern kann, musste kürzlich die amerikanische Schauspielerin Whoopi Goldberg erfahren. Sie hatte sich erregt gegen die Absetzung des Comics „Maus“ als Schullektüre im Bundesstaat Tennessee gewandt, weil dieser unflätige Sprache enthalte. Dabei war es auch um das Wort „bitch“ (Hure) gegangen. Das vielfach ausgezeichnete Werk Art Spiegelmans handelt vom Überleben seiner Eltern, die als polnische Juden der Schoah entkamen, nicht aber den sich anschließenden Traumata. Spiegelmans Mutter hatte sich 1968 das Leben genommen.

Goldbergs Reaktion war ein öffentliches Kopfschütteln über einen so ignoranten bildungspolitischen Rigorismus. In einer Fernsehsendung hatte sie zunächst auf eine kuriose Ausblendung des geschichtlichen Kontextes hingewiesen. „Ich meine, es geht um den Holocaust, die Ermordung von sechs Millionen Menschen, aber das hat Sie nicht gestört?“, hatte sie gefragt und hinzugefügt: „Lassen Sie uns ehrlich sein, denn beim Holocaust geht es nicht um Rasse.“ Und weiter: Der Holocaust sei „von Weißen an Weißen begangen“ worden.

Die Reaktionen auf Goldbergs unvermittelt daherkommende Schlussfolgerung ließen nicht lange auf sich warten. In moderater, aber entschiedener Form korrigierte Jonathan Greenblatt von der Anti-Diffamierungsliga die afro-amerikanische Oscar-Preisträgerin. Beim Holocaust sei es um die systematische Vernichtung des jüdischen Volkes durch die Nazis gegangen, die sie für eine minderwertige Rasse hielten. Aus der politischen Intervention einer Schauspielerin war ein brisanter Definitionsstreit geworden.

Holocaust, Rassismus, Antisemitismus, Kolonialismus, Postkolonialismus – die Vokabeln sind schnell zur Hand. Immer öfter aber offenbaren sie Abgründe der politischen Rhetorik. Was gerade noch in bester aufklärerischer und beinahe bannender Absicht benannt wurde, verweist nun immer öfter auf antagonistische Weltbilder und raffinierte Debattenstrategien. Missverständnisse lauern überall und durchziehen das eben noch Selbstverständliche.

Das Gebot, sich aus politischer Verantwortung heraus der Historie zu vergewissern, hat zuletzt geradewegs in eine geschichtspolitische Kontroverse geführt, in der die Einzigartigkeit des Holocausts in erbitterte Konkurrenz zu den kolonialistischen Gewaltverbrechen gestellt wird. Was derzeit unter dem Stichwort „zweiter Historikerstreit“ verhandelt wird, hat, oft in irritierender Schärfe, den akademischen Raum längst verlassen.

Was ist da los, ist man erschrocken versucht zu fragen. Deutlich aufgeräumter geht der in Tel Aviv lehrende Soziologe Natan Sznaider in seinem Buch „Fluchtpunkte der Erinnerung“ zu Werke. „Ist es der Holocaust oder sind es die kolonialistischen Verbrechen, die den Archetypus für die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte darstellen?“, lautet eine Kernfrage seiner luziden Studie über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus, die nicht zuletzt Konsequenzen für die Einstellung zum Staat Israel hat. Wie aktuell seine Arbeit ist, lässt sich auch an der denunziatorischen Verwendung des Begriffs Apartheid in Bezug auf Israel zeigen, soeben durch die britische Sektion von Amnesty International.

Das Buch

Natan Sznaider: Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus. Hanser, München 2022. 256 S., 24 Euro.

Neugierig und unvoreingenommen zeichnet Natan Sznaider die Genese der Kontroverse nach. Damit bietet er seine Überlegungen als Schlüssellektüre für ein besseres Verständnis eines sich zuspitzenden Debattenklimas an, in dem Antisemitismusvorwürfe geradezu inflationär zirkulieren. Mit theoriegeschichtlichem Gespür und in einfacher Sprache zeigt er, wie es zu jener intellektuellen Starre in den Diskussionen um Holocaust und Postkolonialismus gekommen ist. Immer wieder geht es dabei um die Gründung des Staates Israel als historisches, geopolitisches, aber auch geistesgeschichtliches Initial.

Mit Hannah Arendt kann Sznaider zeigen, dass die pathetische Formel des „Nie wieder“ sehr unterschiedliche Konnotationen bereithält. Aus universalistischer Perspektive knüpft sich daran eine allgemeine Verantwortung gegenüber Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für die Juden nach 1945 aber entstand aus der Staatsgründung eine Ethik des „Nie wieder wir“. Diese, so Sznaider, beruhe darauf, „aus der Erfahrung der Katastrophe aktiv an der Gestaltung der eigenen Zukunft mitzuwirken und eine auf gleiche oder andere Weise katastrophale Zukunft in der Gegenwart aktiv zu verhindern“.

Die jüdische Erfahrung der Fremdheit, die bereits der Soziologe Georg Simmel als signifikantes Merkmal moderner Gesellschaften beschrieben hat, ist aus Nahost-Sicht völlig anders aufgeladen. Aus arabischer Perspektive handelt es sich bei den Juden um weiße europäische Menschen, die sich ein Land angeeignet haben. Während die Juden die Auseinandersetzung in der arabischen Welt als Fortsetzung ihrer Leidensgeschichte erlebten und die Araber kaum anders als europäische Antisemiten wahrnahmen, waren die frühen Unruhen für diese „der Beginn eines antikolonialistischen Befreiungskampfes“. Diese beiden Geschichtsinterpretationen, so Sznaider, „können sich wohl nirgends treffen“.

Er führt aus, auf welch widersprüchliche Weise universalistische Ideale und partikulare Interessen auch das Denken einflussreicher Gewährsleute wie Jean-Paul Sartre, Frantz Fanon, Claude Lanzmann und Edward Said geprägt haben. Es ist ein langer, holpriger Weg von Sartres Parteinahme für den algerischen Befreiungskampf bis zu Saids Legitimation palästinensischer Gewalt, die so gar nicht zur seltsam selbstgerechten Erhabenheit zeitgenössischer Wokeness passen will.

Natan Sznaider ist aufmerksam gegenüber leichtfertiger Indienstnahme theoretischer Referenzen. Zwar sei der Holocaust der wohl am intensivsten erforschte Genozid der Weltgeschichte und biete deswegen unterschiedliche Anknüpfungspunkte für Diskussionen über Völkermord, ethnische „Säuberungen“, Menschenrechtsverletzungen und kolonialistische Gewalt. „Aber das sind wissenschaftliche Fragen. Meist ist die Debatte aber eine politische, in der die Fragen nach Singularität und Einzigartigkeit von den politischen Interessen der Vertreter bestimmt werden.“

In diesem Zusammenhang betrachtet Natan Sznaider den zuletzt viel diskutierten Begriff der multidirektionalen Erinnerung von Michael Rothberg als Wunschbegriff, dem zufolge verschiedene Opfernarrative nicht miteinander konkurrieren, sondern sich gegenseitig stärken mögen. Das jedoch sei bereits ein politisches Anliegen. Hannah Arendt, bemerkt Sznaider, werde dabei als vermeintliche Autorin der Multidirektionalität rückwirkend für eine Haltung in Anspruch genommen werde, die sie nie hatte.

Natan Sznaiders Buch ist selbst eine politische Intervention, in der er es nicht einfach bei den oft schrill verlaufenden Kontroversen – etwa auch über den Antisemitismus-Vorwurf gegen das indonesische Kollektiv Ruangrupa, das die Documenta verantwortet – bewenden lassen will. Souverän macht er Deutungsangebote für eine Debatte, in der das Publikum zuletzt voraussetzungslos mit theoretischen Implikationen, verdeckten politischen Motiven und nicht selten auch biografischen Erfahrungen traktiert wurde.

Wer die Muße mitbringt, sich Sznaiders kurzer Theoriegeschichte des Zivilisationsbruchs zu öffnen, kann sich verlässlich für die gewiss nicht abflauenden Auseinandersetzungen über historische Verantwortung in der postkolonialistischen Wende wappnen.

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