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New York, 1910: Der Besitz einer armen jüdischen Familie liegt auf der Straße, nachdem ihre Wohnung geräumt wurde.
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New York, 1910: Der Besitz einer armen jüdischen Familie liegt auf der Straße, nachdem ihre Wohnung geräumt wurde.

Essay

Natan Sznaider: „Politik des Mitgefühls“ – Nicht mit der Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern mit der Furcht vor schlechteren

  • VonMicha Brumlik
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Natan Sznaider setzt sich in seinem Essay „Politik des Mitgefühls“ mit der Frage des moralischen Universalismus auseinander.

Von Immanuel Kant ist zu lernen, dass Kritik nicht auf Destruktion zielt, sondern darauf, Geltungsbereiche von Begriffen, Normen und Sachverhalten genau zu bestimmen. Ebendies unternimmt der in Mannheim geborene, in Tel Aviv lehrende Soziologe Natan Sznaider in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Essay „Politik des Mitgefühls. Die Vermarktung der Gefühle in der Demokratie“. Doch trügt der Titel des Buches: Tatsächlich geht es nicht um Kritik, sondern um eine Fortschrittsgeschichte.

Sznaider, der sich in der Tradition der Wissenssoziologie Karl Mannheims sieht, kritisiert den Kapitalismus nicht – im Gegenteil. Unter Bezug vor allem auf den liberalen Philosophen Adam Smith will er nachweisen, dass kapitalistische Vergesellschaftung im Gegenteil ein Motor des moralischen Fortschritts gewesen ist. Geht es dem Autor doch darum zu zeigen, „dass kapitalistische Verhältnisse einen kognitiven Wandel verursachten, die unsere gegenseitige moralische Verantwortung (zum Besseren, M. B.) veränderten“. Und das vor dem Hintergrund einer von Nietzsche belehrten Kritik an Nächstenliebe, wie sie etwa in dessen „Also sprach Zarathustra“ ironisch zum Ausdruck kam: „Rate ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rate ich euch zur Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe! Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und Künftigen.“

Sznaider, der sich schon früher mit der Frage des moralischen Universalismus vor dem Hintergrund des Holocaust auseinandergesetzt hat, überprüft daher, ob auch andere gesellschaftliche Konstellationen entsprechende Werthaltungen hervorgebracht haben könnten, wobei er immer wieder auf das Christentum stößt, dessen universalistische Aspekte indes erst in kapitalistischen Marktgesellschaften zum Durchbruch gekommen seien.

Das Buch:

Natan Sznaider: Politik des Mitgefühls. Die Vermarktung der Gefühle in der Demokratie. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2021. 196 S., 16,95 Euro.

Dabei fällt auf, dass der Autor, der doch immer wieder darauf beharrt, dass ein Mitgefühl, das seinen Namen verdient, auf persönlicher Identität beruhen muss, die im engeren Sinne jüdische, jedenfalls die biblische Tradition so gut wie überhaupt nicht erwähnt. Heißt es doch etwa im zweiten Buch Mose, Vers 21: „Die Fremdlinge sollst du nicht schinden noch unterdrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ Dabei kann doch keine Rede davon sein, dass im Ägypten des zweiten Jahrtausends vor der christlichen Zeitrechnung in irgendeiner Weise kapitalistische Verhältnisse geherrscht haben. Daher verwundert es, dass ein Autor, der sichtlich so stark seine eigene jüdische Identität herausstreicht, diese Tradition unterschlägt.

Gleichwohl enthält dieser Essay, der sich in weiten Teilen wie ein Selbstgespräch des über seine Bezugsautoren und -autorinnen – vor allem Hannah Arendt – souverän verfügenden Autors liest, auch bestürzend aktuelle Passagen: vor allem seine Auseinandersetzung mit der postkolonialen Kritik an israelischer Politik. So verweist Sznaider treffend auf Arendts Studie zu „Ursprüngen und Elementen totalitärer Herrschaft“, in der sie auf den Holocaust als eine Folge des westlichen Kolonialismus verweist.

Natan Sznaider jedenfalls will diese Debatte jenseits „auswegloser Essenzialismen“ führen. Und er verweist darauf, dass diese Debatten – wie die bei Abfassung seines Buches noch nicht veröffentlichte „Jerusalemer Erklärung“ zeigt – „als jüdischer Binnendiskurs (...) diese Fragen als existenzielle Fragen aufreißen“. Sznaider attestiert der postkolonialistischen Theorie eine grundsätzliche Schwierigkeit, die jüdische Geschichte als eine Geschichte von Minderheiten zu lesen, war es doch „der Anteil der Juden an der Kolonialgeschichte, der Partikularismus des Zionismus als politische Ideologie und die gleichzeitige ,Weißwerdung‘ amerikanischer Juden, die zum Konflikt mit Afro-Amerikanern in den USA führten“.

Systematisch geht es jedenfalls um öffentliches Mitgefühl und keineswegs nur um das in der Geschichte der Philosophie von Spinoza bis Nietzsche – sieht man einmal von Schopenhauer ab – negativ bewertete Mitleid. Indem Sznaider systematisch zwischen „Mitleiden“ hier und öffentlich gezeigtem „Mitgefühl“ dort unterscheidet, geht es ihm um die gesellschaftlichen, keineswegs nur philosophischen Geltungsbedingungen eines solchen, auch praktisch-politischen Mitgefühls – nicht zuletzt in Erinnerung an das menschheitsgeschichtlich einmalige Verbrechen des Holocaust.

„Mitgefühl“, so der Autor abschließend, „basiert nicht auf der Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern auf der Furcht vor schlechteren. Historisches Gedächtnis gehört genauso dazu wie soziologische Fantasie.“ Freilich steht dieses abschließende Votum im Widerspruch zu der zivilisationsgeschichtlichen Fortschrittserzählung, die Sznaider in der ersten Hälfte seines Essays bemüht. Versuchte er doch zunächst, im Gegenzug zu den Autoren der „Dialektik der Aufklärung“, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, eine hoffnungsvolle Fortschrittsgeschichte kapitalistischer Vergesellschaftung zu schreiben. So lebt dieser überaus lesenswerte Essay vom fruchtbaren Widerspruch zwischen den liberalen Überzeugungen hier und der jüdischen Identität des Verfassers, eines Sohnes von Holocaustüberlebenden, dort.

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