Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Bären kämpfen im Kurilensee, Kamtschatka-Halbinsel.
+
Bären kämpfen im Kurilensee, Kamtschatka-Halbinsel.

Kampf mit dem Bären

Nastassja Martin „An das Wilde glauben“: In der Zwischenzone

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

„An das Wilde glauben“: Die Anthropologin Nastassja Martin reflektiert die Folgen ihres spektakulären Kampfes mit einem Bären.

Es ist eine Begegnung, die die Grenzen des Vorstellbaren sprengt. Doch es gab sie tatsächlich. In der Bergeinsamkeit der russischen Halbinsel Kamtschatka kämpft eine junge Anthropologin am 25. August 2015 mit einem Bären. Das Tier beißt ihr in den Kopf, zertrümmert ihren Kiefer. Die 29-Jährige rammt ihm einen Eispickel in die Flanke. Beide überleben. Dieses Aufeinandertreffen und seine Folgen reflektiert Nastassja Martin in einem packenden Text.

Den Überlebenskampf der indigenen Völker hat sie schon zuvor erfahren. Zunächst bei den Gwich’in in Alaska, dann bei den Ewenen in der Vulkanlandschaft im russischen Norden. Von der „Beschleunigung der Katastrophe“, der Zerstörung der Natur durch den Menschen war die französische Wissenschaftlerin bereits vor ihrem Kampf mit dem Bären wie gelähmt. Sie überkam das Gefühl, „nichts mehr im Griff zu haben“. Eisschmelze und Erderwärmung ließen „sogar die Berge“, die vermeintlich ewigen Bestand hatten, bröckeln.

Doch ihre Auseinandersetzung mit dem Raubtier und der Heilungsprozess von Körper und Seele verändern noch einmal alles. Martin kehrt aus der französischen Spezialklinik in die eisige Welt Kamtschatkas zurück, wohnt wieder im Dorf der Ewenen. Für die Menschen dort ist der Vorfall nicht weiter verwunderlich. Sie leben seit Jahrhunderten in Gemeinschaft mit den Raubtieren. Nastassja ist in ihren Augen „miedka“ geworden, halb Frau, halb Bär.

Auch die Wissenschaftlerin sieht sich nun als Ergebnis einer „Hybridisierung“. Sie hat sich schon lange in der Zwischenzone, der Übergangswelt von Mensch und Natur bewegt und ist doch immer wieder zurückgekehrt, auch jetzt. Aber „die Grenzen zwischen den Welten implodieren“.

Martin beginnt, intensiv zu träumen. Anfangs nur von den Momenten, in denen ihr Kopf im Maul des Bären steckt, in denen sie das Krachen ihrer Knochen hört, seinen Atem riecht. Doch bald versteht sie sich und den Bären als Raubtiere, die beide an den Grenzen ihrer Welten aufeinandergetroffen sind. Die Ewenen sehen die Bären als die intelligentesten aller Tiere und schätzen sie sehr. Wassja, der Dorfälteste, erklärt der Besucherin, dass Bären den Blick in menschliche Augen nicht aushielten, weil sie darin das Spiegelbild ihrer Seele sähen. Deshalb habe das Tier sie ins Gesicht gebissen. Die Ewenen bitten sie auch, dem Bären zu verzeihen.

Das Buch:

Nastassja Martin: An das Wilde glauben. A. d. Franz. v. Claudia Kalscheuer. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 145 S., 18 Euro.

Auch ein Aufruf zur Umkehr

Die Wissenschaftlerin zögert, in ihrem Buch diese Sichtweise ungeschmälert zu übernehmen. Ihr Text unter dem Titel „An das Wilde glauben“ ist keineswegs eine schwärmerische Hymne an die Natur und die Naturvölker. Aber er lässt sich lesen als ein Aufruf zur Umkehr auf einem zerstörerischen Weg. Der Mensch, so schreibt sie, müsse endlich „der Entfremdung entkommen, die unsere Zivilisation erzeugt“. Drogen, Alkohol, Melancholie „und schließlich Wahnsinn“ sind in den Augen Martins dabei keine Lösung.

Der Anthropologin gelingt aber noch mehr. Auch ein ironischer, vergleichender Bericht zum Beispiel über das Krankenhaus-System im vermeintlich rückständigen äußersten Osten der russischen Föderation und im Herzen Frankreichs. Die russischen Mediziner retten Martins Leben mit einfachen Mitteln. Die Ärztinnen in Paris wollen diese Methoden nicht akzeptieren, entfernen die russischen Implantate und beginnen, erneut zu operieren. Martins Körper wird zum Schauplatz einer Auseinandersetzung von zwei Systemen. Am Ende sind es die islamistischen Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris und die folgende Überlastung der Krankenhäuser, die diesen Prozess beenden.

Doch die Wissenschaftlerin fühlt sich nach ihrer schweren körperlichen und seelischen Verwundung verloren. Sie sucht nach einem Ort, „um mich wieder herzustellen“. Und der kann in ihren Augen nur dort liegen, wo das Unfassbare geschehen ist. Also lässt sie sich 2017 von Freunden wieder einschmuggeln nach Kamtschatka, in den Distrikt der Ewenen, der in einer streng abgeschotteten militärischen Sperrzone liegt. Wo U-Boote und Schiffe verrotten, die aus dem Kalten Krieg übriggeblieben sind.

Doch am Ende bleibt sie nicht in den entlegenen Wäldern, bei ihrer „Familie“. Martin verklärt nichts. Auch nicht die blutigen „Rentierschlachttage“, die sie bei den Ewenen im Frühling erlebt, „Tage des Gemetzels“. Sie träumt zwar davon, sechs Monate des Jahres außerhalb der Zivilisation zu leben, die zweite Hälfte in die andere Welt zurückzukehren. Doch sie weiß: Das kann auf Dauer keine Lösung sein. Obwohl sie bei den Ewenen ihre „Befreiung“ erlebt hat, verlässt sie das Dorf. Sie will weiter als Anthropologin arbeiten, sich dafür einsetzen, dass Mensch und Tier aus ihrer „reversiblen tödlichen Dualität herauskommen“.

Auf der Basis ihrer Tagebücher ist Nastassja Martin eine Reflexion gelungen, die beim Lesen unweigerlich dazu führt, auch die eigene Lebensweise zu hinterfragen. Das Raubtier Mensch muss seinen eingeschlagenen Weg korrigieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare