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Narziss in Waffen

Hans-Jürgen Heinrichs geht die Politik der USA psychoanalytisch an

Von Sascha Michel

Was für den 11. September gilt, ist auch bei der Analyse der US-amerikanischen Politik nach den Terroranschlägen gefordert: Es geht - wie immer, wenn es um Aufklärung geht - um die "Entwirrung der unübersichtlichen Kausalitäten" (Jürgen Habermas). Doch so unverzichtbar die Frage danach ist, was sich hinter den Entscheidungen der Bush-Administration verbirgt, so verschwörungsselig und reduktionistisch fallen in der Regel die Antworten aus: Für die einen ist immer schon klar gewesen, dass sich alles um's Öl dreht; die anderen beziehen mit dem Hinweis auf "geostrategische" Notwendigkeiten die Ordnungsfunktion der amerikanischen Außenpolitik mit ein; und da die Macht der Ideen nicht vernachlässigt werden darf, schlägt man auch noch den Bogen vom Irak-Krieg zu Leo Strauss. Statt dass die nüchterne und kontingenzbewusste Entwirrung unterschiedlicher Kausalitäten betrieben würde, blüht das Geschäft mit dem einen, eigentlichen Beweggrund.

Hans-Jürgen Heinrichs Buch Die gekränkte Supermacht zeigt schon im Titel an, dass in der Reihe der üblichen Verdächtigen einige entscheidende Kandidaten fehlt: Öl-Lobby und Leo Strauss hin oder her - im Kern geht es um Psychologie. Zwar grenzt sich Heinrichs explizit von monokausalen Verkürzungen ab. Der Schlüssel aber zum Verständnis der USA liegt für Heinrichs im psychopathologischen Befund der narzisstischen Kränkung.

"Psychologisierung" lautet geradezu reflexhaft der Vorwurf aus dem linken Theorie-Lager, bei dem sich Heinrichs selber bedient, wenn er die US-Politik beiläufig als "imperial" bezeichnet. Gemeint ist mit diesem Vorwurf die Kritik am falschen Bewusstsein: Statt übergeordnete Strukturen und Prozesse in den Blick zu nehmen, wird die Seele der Mächtigen analysiert und damit in kritischer Absicht genau die Personalisierung reproduziert, die zur Ideologie des kritisierten Systems gehört. Auch Heinrichs ist sich für solche individualpsychologischen Deutungsmuster nicht zu schade und geht die Klischees von Bush junior durch: den Weg etwa vom Alkoholismus zum fundamentalistischen Gotteswahn oder die Bedeutung des übermächtigen Vaters für die Machtphantasien und Minderwertigkeitskomplexe des Sohnes.

Da Heinrichs jedoch um die "Gefahren" solcher Deutungsmuster weiß, richtet sich sein Erkenntnisinteresse nicht auf Individualpsychologie, sondern auf die kollektive Dimension der narzisstischen Kränkung und ihrer Konsequenzen. Für Heinrichs ist nicht Bush das gekränkte Subjekt, sondern die Supermacht "Amerika". Der 11. September nämlich, so die Grundthese des Buches, habe gezeigt, dass die USA nicht mehr Herr im eigenen Haus seien. Statt aber aus diesem Souveränitätsverlust zu lernen und die Ursachen der Bedrohung auch bei sich selbst zu suchen, habe man mit umso stärkerem Hegemonialstreben reagiert und alles Bedrohliche abwehrend nach außen projiziert - auf die so genannte "Achse des Bösen".

Dass Allmachtsphantasien einerseits und moralisch oder gar religiös aufgeladene Freund-Feind-Projektionen andererseits eine wichtige Rolle in der Politik spielen, ist kaum von der Hand zu weisen. Heinrichs Ansatz hat dort seine Stärken, wo er die simplen psychologischen Mechanismen politischer Metaphern und Scheinargumente unter die Lupe nimmt, die nach dem Muster von schlechten Cowboyfilmen funktionieren. Die Frage ist aber, welchen Status die Psychologie bei Heinrichs innehat. Ist sie vor allem ein ideologischer Effekt, der vom politischen "Text" allererst produziert wird, oder ist sie der Mechanismus der sozialen Wirklichkeit selber?

Auf das Bild der narzisstischen Kränkung bezogen: Gab es tatsächlich eine kollektive Kränkungserfahrung in den USA oder geht Heinrichs mit der Unterstellung eines "Wir", auf das sich die Kränkungsmetapher bezieht, nicht gerade dem auf den Leim, was er kritisiert: der rein rhetorischen Beschwörung einer amerikanischen Identität samt damit verbundenem kollektiven Wahn und Opfermythos? Angenommen aber, man schluckt die Analogie von Individualpsychologie und narzisstischem Kollektivsubjekt: Wie können die Feind-Projektionen dann noch bewusst eingesetzte "funktionale Schöpfungen" sein, bei denen sich die alte cui-bono-Frage stellen lässt?

Heinrichs Buch ist ein gutes Beispiel dafür, dass Aufklärung nicht ohne ordentliche Methodenreflexion zu haben ist. Wer methodisch wirr argumentiert, kann nichts zur Entwirrung der unübersichtlichen Kausalitäten beitragen. Hinzu kommt, dass das unverkennbar schnell geschriebene Buch, das nur so von sprachlichen Ungenauigkeiten wimmelt, schlicht zu viel will: Heinrich will vordergründig eine vermeintliche "Supermacht" entzaubern, andererseits aber geht es ihm gar nicht um die USA im Besonderen. Vielmehr stellt Heinrichs den gekränkten Narzissmus der USA in eine Reihe mit kulturgeschichtlichen Kränkungen, die sich mit den Namen Kopernikus, Darwin und Freud verbinden. Nicht nur die USA müssen lernen, dass sie keine zentrale, unilaterale Rolle in der Weltpolitik spielen können - auch der "Mensch" im Allgemeinen muss nach Heinrichs endlich begreifen, dass er weder der Mittelpunkt des Universums noch die Krone der Schöpfung noch ein souveräner Herr im eigenen Haus ist.

Solche anthropologischen Allgemeinplätze erlauben zwar allerlei Rundumschläge, etwa in Richtung Biowissenschaften. Zur Aufklärung der historischen Situation nach dem 11. September tragen sie allerdings - wie das Buch insgesamt - herzlich wenig bei.

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