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Die narrative Stille durchbrechen

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Von: Sylvia Staude

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© dpa

Die finnische Star-Autorin Sofi Oksanen tritt im Schauspiel Frankfurt auf - Auf singuläre Weise vereinigt sie in ihrer Person schriftstellerisches Können, politische Unverblümtheit und ein Gespür für die Schaffung einer coolen Marke.

Das Frankfurter Schauspielhaus ist zwar an diesem Abend nur knapp zur Hälfte gefüllt, aber wenn das diesjährige Gastland Finnland einen internationalen Literaturstar hat, dann ist es Sofi Oksanen. Auf singuläre Weise vereinigt sie in ihrer Person schriftstellerisches Können, politische Unverblümtheit und ein Gespür für die Schaffung einer coolen Marke – vor allem mit Hilfe eines monströsen künstlichen Dreadlock-Haarteils. Ihre Rede zur Buchmesse-Eröffnung am Dienstagabend liegt bereits gedruckt und dreisprachig vor – und wer sonst hätte diese Rede halten sollen? –, Besucher der Lesung im Schauspielhaus können sich das aufwendig gestaltete Heft nach der Veranstaltung mitnehmen. Auf dem Cover kommt Oksanen (Jg. 1977) als Mischung zwischen Schneewittchen und Eiskönigin daher, als handele es sich um Werbung für ein Märchenbuch. Aber ihre Rede kann man durchaus nicht als Märchen bezeichnen: Sie besticht durch offene Worte.

Ein Spiegel für Erfahrungen

Von der langjährigen Kolonialisiertenmentalität und der Selbstzensur Finnlands erzählte Sofi Oksanen da, aber auch mit berechtigtem Stolz von dem unglaublichen, schnellen Wandel in ihrem Land, das beim Ranking der Rede- und Pressefreiheit nun auf Platz eins stehe. „Der Mensch braucht für seine Erfahrungen einen Spiegel“, sagte Oksanen unter anderem, „und dafür benötigt er eine nationale Literatur, die er in seiner Muttersprache lesen kann.“ Sie schreibt auf Finnisch, das übrigens die Sprache ihres Vaters ist. Ihre Mutter stammt aus Estland.

Vor allem natürlich um Oksanens jüngsten Roman „Als die Tauben verschwanden“ ging es bei Schauspiel-Gespräch und -Lesung. Ensemblemitglied Till Weinheimer las drei Passagen, der Übersetzer Bernhard Robben (er ist Übersetzer aus dem Englischen) unterhielt sich ausführlich mit der Autorin. Der Titel dieses zu großen Teilen im Zweiten Weltkrieg spielenden Romans wurde erklärt – hungrige deutsche Soldaten aßen Tauben –, der Namensgebung der Hauptfiguren wurde nachgegangen. Der Schurke, ein Kollaborateur mit den Deutschen, dann den Russen, trage auch aus Ironie den königlichen Namen Edgar, so Oksanen. Das in einem Buch, das sich der Ironie sonst weitgehend enthält.

„Als die Tauben verschwanden“ ist Teil drei eines Quartetts (zum Abschlussroman, an dem sie vermutlich zur Zeit arbeitet, wollte Oksanen kein Wort sagen). Er konzentriert sich auf den gewissermaßen exemplarischen Kollaborateur.

Der finnischen Autorin war die „narrative Stille“ aufgefallen, die die Verräter eines Landes umgibt: Es gebe genug estnische und finnische Memoiren über die Zeit des Krieges und der sowjetischen Besatzung, aber geschrieben von Menschen aus dem Widerstand oder dem Exil. Wer kollaboriert habe, verschweige dies. Ja, sagte sie in diesem Zusammenhang, sie sehe sich als postkoloniale Schriftstellerin, die tragische Jahre bearbeite.

Romanfigur Edgar schreibt im Auftrag der Kommunisten ein Buch, das zahlreiche Esten, auch die der Exilregierung, als Faschisten denunzieren soll. So kam man im Gespräch auf die Gegenwart und die Ukraine, wo Sofi Oksanen die gleiche russische Propaganda am Werk sieht.

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