Edna St. Vincent Millay

Das narkotisierende Johnny-Cash-Sentiment

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Ernst Osterkamp legt einen biographischen Essay über Edna St. Vincent Millay vor, Dichterin der Antimoderne und der bitteren Süße. „I will put Chaos into fourteen lines ... .“

Aus Dankbarkeit heißt Amerikas berühmteste Dichterin St. Vincent. Der Bruder ihrer Mutter war in einem Krankenhaus dieses Namens glücklich kuriert worden. So war Edna St. Vincent Millay (1892–1950) von Anfang an Frau und Mann. Die von Dieter Stolz im Deutschen Kunstverlag herausgegebene Reihe, in der schon Bände u.a. über Hermann Bang, Robert Louis Stevenson und Georg Trakl erschienen sind, hat den Titel „Leben in Bildern“. Das sind keine Biographien, sondern biographische Essays, in einer oder zwei Stunden zu lesende Einführungen oder Animationen, sich endlich – oder wieder – einmal mit einem Autor, einer Autorin zu beschäftigen. Es sind schön aufgemachte, meist gut geschriebene Bände.

Wie dieser hier von Ernst Osterkamp. Er macht neugierig auf eine Frau, deren Lyrikbände zu Lebzeiten schon Auflagen von einhunderttausend Exemplaren erreichten. Eine Frau, das macht Osterkamp sehr deutlich, die der Moderne ihrer Zeitgenossen Ezra Pound, T.S. Eliot, Gertrude Stein, Wallace Stevens, William Carlos Williams denkbar fern stand.

Die wenigen Verse, die Osterkamp zitiert, sind von altmodischer Musikalität, von klassischer Einfachheit. Sie erinnern daran, dass zur Moderne von Anfang an auch die Antimoderne gehörte. Osterkamp zeichnet Edna St. Vincent Millay als eine Lyrikerin des Jazz-Age mit den dazugehörenden Alkohol- und Rauschgiftexzessen.

Aber einige ihrer Verse erinnerten, so schreibt er, Kritiker an Keats oder an John Donne. Vor allem dieses Gedicht, aus dem ich ein paar Zeilen zitiere: „What lips my lips have kissed, and where, and why, / I have forgotten, and what arms have lain / Under my head till morning (...) I cannot say what loves have come and gone, / I only know that summer sang in me / A little while, that in me sings no more.“

Schäferspiel im Weltkrieg

Auch wer kaum Englisch kann, wird jedes Wort verstehen. Er wird den Klang spüren und die bittere Süße, von der die Autorin sich gar zu bereitwillig auffangen lässt. Es ist das Johnny-Cash-Sentiment der alkoholisierten Vernunft. Eine narkotisierende Schönheit. Man möchte mehr lesen von ihr. Wer auf den Ersten Weltkrieg mit einem Schäferspiel reagiert, der wird wohl so weit weg wollen, weil er in Wahrheit tiefer in der Gegenwart steckt als die Zeitgenossen, tiefer jedenfalls als er jemals ertragen könnte. „Aria da Capo“ heißt das Stück. Wenn es an deutschen Bühnen Dramaturgen gäbe, die den Namen verdienten, sie hätten es ausgegraben und auf die Bühne gestellt.

Zum Schluss noch einige Zeilen eines der berühmtesten der zahlreichen Sonette von Edna St. Vincent Millay: „I will put Chaos into fourteen lines / And keep him there; and let him thence escape / If he be lucky; let him twist, and ape / Flood, fire, and demon (...). His arrogance, our awful servitude: / I have him. He is nothing more nor less / Than something simple not yet understood; / I shall not even force him to confess; / Or answer. I will only make him good.“

Hier versteht man, warum Kritikern John Donne einfiel. Es ist ein Gedankengedicht, concetto nannte man so etwas in Renaissance und Barock, dazu noch eines, das sich selbst thematisiert. Am Anfang steht das Chaos, in der Mitte die Ordnung und am Ende bleibt der Dichter, der weiß: Alles wird gut. Denn seine Kunst ist die Kunst der Versöhnung. Das ist nicht nur eine Hoffnung. Es ist auch schrecklich. Das wissen Rilke- und Adorno-Leser und die von Edna St. Vincent Millay.

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