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"Heute gehen die Marokkanerinnen aus, sie arbeiten", sagt Leïla Slimani über Veränderungen in Marokko.

Leïla Slimani

"Nanny zu sein ist ein Rollenspiel"

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Die französische Schriftstellerin Leïla Slimani über Kindermädchen und Eltern, über ihren Roman "Dann schlaf auch du" und ihre marokkanischen Wurzeln.

Frau Slimani, in „Dann schlaf auch du“ beschreiben Sie einen schrecklichen, gleich doppelten Kindsmord durch eine Nanny. Was war Ihr Tatmotiv?
Dieses „Fait divers“ hatte sich in der Upper East Side von New York wirklich ereignet, doch es interessierte mich nur als Ausgangspunkt. Mich faszinierte die äußerst komplexe und ambivalente Beziehung zwischen einem Ehepaar und der Frau, die ihre Kinder hütet und damit als bloße Angestellte in die Intimität einer Familie eindringt. Es ist die zeitlose, universelle Geschichte des Fremden, der in ein bestehendes Universum tritt und es über den Haufen wirft. Universell auch in dem Sinn, dass alle Mütter auf der Welt wohl diese Angst empfinden, wenn sie ihre Kinder einer „Nounou“ (Franz. für Tagesmutter, die Red.) überlassen.
 
Sie selbst hatten als Kind auch eine Nanny ...
Schon, aber mir ging es nicht um meine eigene Erfahrung.

Sie beginnen wie in einem Krimi mit der Tat („Das Baby ist tot“), lösen den Fall aber bis zum Schluss nicht auf. Warum?
Es ist nicht die Rolle eines Schriftstellers, dem Leser den Schlüssel mitzugeben, die Motive der handelnden Personen zu erklären oder sie zu beurteilen; er schreibt vielmehr, was in der Seele vorgeht, er liefert die fehlenden Zusammenhänge, legt die Widersprüche offen. Deshalb wollte ich die Dinge in der Schwebe lassen. Die Leser können ihre eigenen Schlüsse ziehen. Das Interessanteste an einem Buch ist doch der Zweifel zum Schluss, die Fragen, die Interpretationsfreiheit eines jeden.
 
Sie gehen aber noch weiter und lassen die Leser fast teilnehmen an dem Fall.
Ich möchte, dass die Leser aktiv werden, dass sie sich wie der Ermittler fühlen. Ich möchte, dass sie Dinge denken wie: An dieser Stelle gleitet die Mutter ab, oder: Das hätte der Vater nicht sagen dürfen!
 
Die Hauptperson ist aber klar die Nanny.
Ja, denn das ist doch das Unglaubliche: Die Tagesmütter leben nicht ihr eigenes Leben, mit ihren eigenen Kindern. Sie halten sich vielmehr in Häusern auf, die ihnen nicht gehören, sie sorgen für Kinder, die nicht die ihren sind. Sie geben ihnen zu essen, verfolgen mit, wenn der Kleine das erste Mal aufsteht, sie fühlen mit. In Wahrheit ist es nur ein Rollenspiel, bloßer Schein, mit sehr ambivalenten Gefühlen. Das ist schon sehr romanesk.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Nach und nach. Ich habe mich an meine Kindheit in Marokko erinnert, wo es Kindermädchen gab. Hier in Paris hatte ich selbst eines; und während des Schreibens habe ich oft Parks besucht, um diese Frauen zu beobachten.
 
Haben Sie dabei denn auch die „perfekte“ Nanny angetroffen, die Sie in Ihrem Roman schildern?
Nein, dieses Thriller-Element habe ich selber eingefügt. Die Perfektion hat immer etwas Unerhörtes, etwas Beunruhigendes. Wie in den Hitchcock-Filmen, wo die scheinbare Idealperson plötzlich ihre dunklen Seiten offenbart.
 
Einen Kindsmord zu inszenieren – hat das nicht etwas Reißerisches? Wie ein Bruch mit dem letzten Tabu?
Nein, in der Geschichte geht es nicht um die Gewalttat, sondern um die Personen, ihr Leben, ihre Beziehung. Zudem war dieses Fait divers Realität, und ich halte es für eine gute Sache, wenn ein Autor die Hintergründe dieser Gewalt ausleuchtet.
 
Wie würden Sie das Verhalten der Eltern gegenüber ihrer Angestellten bezeichnen? Als herablassend?
Ich würde eher „ungeschickt“ sagen. Diese Eltern sind unbeholfen gegenüber der Tagesmutter – einmal zu freundlich, dann wieder zu kalt. Sie tun ihr Möglichstes, wissen aber oft nicht, wie sie mit der komplexen Situation umgehen sollen. Sie sind zwar progressiv eingestellt, aber zugleich müssen sie befehlen.
 
Ist es auch eine emotionale Ungeschicklichkeit – von „Bobos“, die ja sonst beruflich und sozial erfolgreich sind, dazu aufgeschlossen und intelligent?
Ich glaube nicht. Vielmehr wissen sie nicht, wie sie mit der Rolle der Nanny umgehen sollen: Sollen sie sie in die Familie integrieren, in die Ferien mitnehmen – oder eher eine Grenze ziehen und das Angestelltenverhältnis betonen?
 
Sie beschreiben eine überforderte Mutter. Nicht gerade das Bild, das man außerhalb Frankreichs von der viel beschäftigten Pariserin hat, die mit Arbeit, Familie und Freizeit jongliert.
Das ist ein Mythos.

Hinter diesem oft idealisierten Bild beschreibe ich eben auch die Realität – die Ängste und das Gefühl, nicht genug Zeit für die Kinder zu haben, eine schlechte Mutter zu sein, einen schlechten Job zu machen.
 
Das von Ihnen beschriebene Umfeld ist also das der „Bobos“, der jungen, aufgeschlossenen Gutverdiener im 9. Bezirk von Paris, wo Sie selber leben. Haben Sie als Marokkanerin, als Dazugekommene, eine spezielle Sicht auf dieses sehr pariserische Milieu?
Ich glaube nicht – jede Marokkanerin, jede Anwohnerin gäbe da wohl eine andere Antwort.

Es gibt Migrantinnen, die Ihnen vorwerfen, Sie verneinten Ihre Wurzeln und hätten die westliche Sicht einer „weißen Französin“ verinnerlicht. Was antworten Sie?
Gar nichts. Das interessiert mich nicht, mir geht es ums Schreiben.
 
Was Sie hingegen brennend interessiert, sind die gesellschaftlichen Verhältnisse in Marokko. Ihnen widmen Sie Ihr neuestes Buch „Sexe et mensonges“ („Sex und Lügen“, das 2018 auf Deutsch erscheinen wird) Worum geht es darin?
Nach Erscheinen meines ersten Buches zum Thema Sexualität („Dans le jardin de l’ogre“, wird derzeit ebenfalls ins Deutsche übersetzt, die Red.) haben mich viele Marokkanerinnen kontaktiert. Ich habe ihre Berichte journalistisch aufbereitet. Es sind Berichte über den Umgang mit Themen wie Sex vor der Ehe, sexueller Misere und Vergewaltigungen, Homosexualität oder mangelnde Sexualerziehung. Da ist viel Verdrängung und Heuchelei im Spiel.
 
„Le Monde“ titelte zu Ihrem neuen Buch: „In Marokko von Sex zu sprechen, ist politisch.“ Einverstanden?
Das Buch hält die universellen Werte hoch und verteidigt die Menschenwürde. Es ist eher humanistisch und feministisch als politisch.
 
Was sagen Sie zum Vorwurf, Ihre offene Sprache und Ihre Hardcore-Themen wie Kindsmord, Sex oder Nymphomanie seien eine Provokation für die konservative marokkanische Gesellschaft?
Diesen Vorwurf höre ich kaum. Nach den jüngsten Ereignissen – zuletzt eine Vergewaltigung in einem Bus in Casablanca – merken die Leute im Gegenteil, dass es nötig ist, endlich über die sexuelle Misere im Land zu sprechen, statt immer alles unter den Teppich zu kehren.
 
Ist es ein antireligiöses Buch?
Warum auch? Ist es antireligiös zu fordern, dass die Würde aller Frauen und Männer gewahrt wird? Einige versuchen uns als antireligiös hinzustellen, doch das zieht nicht.
 
In Marokko sieht man mehr Kopftücher denn je. Wird die Lage moderner Frauen schwieriger?
Ich glaube nicht. Mag sein, dass man an den Stränden wenig Bikinis sieht. Bloß sah man früher gar keine Frauen am Strand – oder nur reiche Städterinnen. Heute gehen die Marokkanerinnen aus, sie arbeiten.
 
Wenn eine junge Marokkanerin aber einen Minirock trägt, riskiert sie einiges.
Das stimmt. Aber viele tun es trotzdem. Sie haben Mut.
 
Können Sie selber gefahrlos nach Marokko reisen?
Warum nicht, ich habe ja nichts angestellt! Natürlich gibt es Islamisten, die meine Meinungen nicht teilen. Sie haben ihre Standpunkte, kandidieren bei Wahlen, das ist ihr gutes Recht. Genauso wie ich das Recht habe zu schreiben, was ich will.
 
Durch all Ihre Werke zieht sich der Anspruch der Freiheit. Ist das für Sie ein Begriff, der mit Frankreich verbunden ist?
Das Wort Freiheit geht für mich eher auf meine Eltern zurück. Es war das erste Wort, das ich von Ihnen behalten habe. Respekt für die Freiheit der anderen, aber auch für seine eigene Freiheit, schöpferisch zu sein.

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