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Welt liest seinen Bruce-Cockburn-Artikel, Juni 1981.
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Welt liest seinen Bruce-Cockburn-Artikel, Juni 1981.

Wolfgang Welt

Nancy Sinatras Stiefel

  • vonOlaf Velte
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„Kein Schlaf bis Hammersmith“: Zwei neue Bände versammeln Kritiken und Erzählungen des verstorbenen Wolfgang Welt.

Im März 1982 kommt alles zusammen, Abscheu und Hingabe, Wahn und Wirklichkeit. Wolfgang Welt, Musikjournalist auf Zeilenhonorar, präsentiert Texte in den Magazinen „Überblick“ und „Marabo“, „Sounds“ und „Musikexpress“. Ein Spektrum aus Plattenkritiken, Porträts, persönlichen Philosophien.

Beispielhaft, was sich da auf den Märzseiten des „Musikexpress“ abspielt. Neben einer ätzenden Demontage des „belesenen Rotzlöffels“ und „unheilbaren Strebers“ Heinz Rudolf Kunze ist die epochale Liebeserklärung an Lou Reeds „Blue Mask“ abgedruckt: „Ein Meilenstein, der wohl erste und vielleicht letzte der achtziger Jahre.“ Und schon sind wir mittendrin im Schreiben des Wolfgang Welt, jenes am Silvestertag 1952 in Bochum geborenen Erzählers und – im besten Sinne – egomanischen Outlaws. Mittendrin auch in den beiden Neuerscheinungen des Andreas Reiffer Verlags – gewichtigen Broschuren, die sowohl die Texte zur Musik als auch Literaturkritiken, Geschichten und das Romanfragment „Die Pannschüppe“ versammeln.

Herausgeber und „WoW“-Kenner Martin Willems hat einen guten Job abgeliefert. Er macht zugänglich, was längst vergriffen, vergessen, aber auch unveröffentlicht und schubladenstaubig ist. Fast 800 Seiten Welt-Power, garniert mit Nachweisen, Einführungen, großartigen Bilderstrecken. Chronologisch ist angeordnet, was sich zunächst als westdeutsches Kulturzeugnis der 80er und frühen 90er Jahre aufschwingt, jedoch schnell in einem tieferen, umfassenderen Sinne offenbart.

Dass der Autor Welt nach seinem Tod im Juni 2016 zu einem Objekt wissenschaftlicher Tiefenschürfung wird, verdankt sich auch einer anhaltenden Unruhe, die von diesem Werk ausstrahlt: Wir werden mit dem unvollendeten Arbeiterkind, dem linken Verteidiger und Buddy-Holly-Enthusiasten, dem unsentimentalen Chronisten aus Langendreer nicht fertig.

Die neuen Bände eignen sich bestens als Ergänzungen zu den vorliegenden Langerzählungen „Peggy Sue“, „Der Tick“, „Der Tunnel am Ende des Lichts“ (der Dreier im Suhrkamp-Buch von 2006), „Doris hilft“ (Suhrkamp, 2009) und „Fischsuppe“ (Peter Engstler, 2014). Motive und Episoden wiederholen sich, werden aus anderer Perspektive geschildert, durchgewalkt in einem „hingekloppten, automatic-writing“ Stil.

In dem Ruhrgebiets-Periodikum „Marabo“ – wo der in der Zechensiedlung Wilhelmshöhe bei seinen Eltern Wohnende bald einen Redakteursposten antreten wird – erscheint 1979 der erste journalistische Beitrag. Fast ein Lebensmotto: „Buddy Holly lebt“. Es folgt ein sprintschneller Aufstieg in die „Top 10 der deutschen Musikkritiker“, innerhalb weniger Jahre werden Punk und Country, New Wave, Rock und Soul ebenso lakonisch tranchiert wie Glam, Ska, Rockabilly. Berühmt seine herben Verrisse der Sängerknaben Grönemeyer, Maffay oder Müller-Westernhagen. Von „Angestelltenrock“ ist im mildesten Fall die Rede, zuweilen tut es auch ein „Scheiße, große Scheiße!“

Welt aber ist auch ein hemmungslos Liebender, der es fertig bringt, Edward Lear, Gus Backus und Peter Bogdanovich in einem Absatz unterzubringen. Kann einer, der entgegen aller poprevolutionären Modernitäten den „deutschen Schlagermädchen gestern und heute“ die Ehre erweist, ein schlechter Mensch sein? – Das Weibliche ist zweifellos Treib- und Triebstoff dieses traumatischen Seins, kaum zwei Seiten ohne „Ficken“ und „Wichsen“, diesem zermürbenden Stellungskampf aus Lust, Gier und Vergeblichkeit.

Wer zählt die Namen all dieser Heidis, Dagmars, Bettinas, Christianes? (Offene Fragen zuhauf: Ist Barbara noch immer „die schönste Frau von Bochum“?) – Schon Mitte der 60er ist der Weltsche Lebenshaushalt jedenfalls aufs Heftigste zerrüttet: Ein Blick auf Nancy Sinatra in ihren unglaublichen Stiefeln, ein Ton von Buddy Hollys sensationeller „Peggy Sue“ genügen.

Distanzlos wie er schreibt, stürmt Welt auch in das flammende Herz des Rock’n’Roll, bringt sich täglich mit sechzig Benson & Hedges, Kaffee, Bier, Tranquilizern und vier Stunden Schlaf in Schwung. Zum Ausklang der schnellen, kurzen Zeit: Psychose, Einlieferung, Medikamente. Der Selberlebensbeschreiber und Wahrheitsfanatiker – auch politisch zur Widerrede stets bereit – will nun auf seiner Olympia SM2 eine mehrbändige „kollektive Autobiografie über die Wilhelmshöhe in Bochum-Langendreer“ in die Tasten hämmern. Denn: „Jede Woche erlebe ich einen Roman.“

Was in schnörkellos-galoppierender Diktion aufs Papier kommt, entspringt einem „beängstigenden Gedächtnis“, einer Verpflichtung zum schutzlosen, verrückt-machenden Erzählen. „Die Pannschüppe“ – Fragment geblieben – will weit zurück in die Epoche des großen Radiohörens, als sich im Schatten von Bergwerk und Brauerei der Buddy-Holly-Club gründet, kleinbürgerliche Biedermeierei von gitarrenbefeuerter Euphorie gekontert wird. Immer bleibt der Versehrte als Autor gegenwärtig: „Ich möchte jetzt anders schreiben als bisher, nicht so schnell.“ In gemäßigter Gangart werden für wenige Zeilen die Arbeitsabläufe als Bierwagenbeifahrer geschildert – was mit einem „ach, ist ja langweilig“ scheitert.

Entdeckungen, seitenweise, unvergesslich. Zu den großartigsten Szenerien zählen jene, die vor 34 Jahren in der Underground-Bibel „Gasolin 23“ erstmals abgedruckt wurden. „Happiness Is A Warm Colt Combat Commander“ als ein harter Geländeritt durch Gesellschaft, Politik, Musik und Biografie. Der Blick aus dem eigenen Mansardenfenster und ins „Fritz-Walter-Wetter“ weitet sich bis zur „Lufthansa-Maschine Landshut“ und senkt sich endlich in die abendliche Diskothek Appel, wo The Clash zur Revolte aufrufen.

Am Ende kann Welt – mittlerweile Nachtportier im Schauspiel Bochum – nicht mehr in der Hauptstraße 51, 4630 Bochum 7, wohnen bleiben. Mit einer geplatzten Bürgschaft verschwinden seine Ersparnisse ebenso wie die 3000 Bände umfassende Bibliothek. Illusionslos rekapituliert er seine Rundgänge im alten Revier, nennt Verlierer und Gewinner des Strukturwandels. In einem Interview von 2011 sagt der Mann mit den blauen Wildlederschuhen: „Will man genau sein, muss man wirklich genau sein.“ – In diesen beiden neuen Büchern kann es nachgelesen werden. Kurz vor seinem Tod notiert Wolfgang Welt die letzte Willensbekundung mit Hand auf einen knittrigen Zettel: „Nicht wegschmeißen.“

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