Im Namen der Kinder

Kaufmann über Schrumpfung

Von MATTHIAS ARNING

Schrumpfen und Wachsen müssen - zumindest auf den ersten Blick - keine Gegensätze sein. Immer wieder hat es doch ein gesellschaftliches Schrumpfen und Wachsen gegeben, vollzogen sich beide Entwicklungsprozesse nahezu gleichzeitig etwa in größeren Städten, in denen manche Teile des urbanen Raumes eine Blüte erlebten, während andere ihren Niedergang nicht mehr aufhalten konnten. Doch inzwischen führt jenseits der allgemeinen Rhetorik wohl nichts an der Einsicht vorbei: Die Gesellschaft schrumpft.

Und zwar nicht nur in Ostdeutschland, wo zahlreiche Städte in dramatischer Weise vom industriellen Zusammenbruch betroffen sind. Der Bielefelder Soziologe Franz-Xaver Kaufmann macht die Entwicklung in seiner fulminanten Studie über den Bevölkerungsrückgang und seine Folgen für die gesamte Bundesrepublik überaus deutlich: "Nicht das Altern, sondern der absehbare und sich voraussichtlich beschleunigende Rückgang der Bevölkerung ist das zentrale demographische Problem." Im Mittelpunkt des Interesses müsse eigentlich das Fehlen junger Menschen stehen, um das Problem gesellschaftlicher Entwicklung überhaupt angemessen analysieren zu können, befindet der mittlerweile emeritierte Professor. Doch Deutschland fehle es jenseits eines gewissen Alarmismus an einer Diskussion darüber, "was die Aufgaben der kommenden Jahrzehnte sind und was sich ändern müsste, um ihnen gewachsen zu sein."

Kaufmann hat seit jeher ein feines Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen bewiesen, die aber Politik gleich welcher Couleur noch nicht so recht wahrhaben will. So entwarf er vor zwei Jahren eine Skizze der "Varianten des Wohlfahrtsstaates", um den deutschen Sozialstaat in einen internationalen Vergleich einordnen und jeweils nationale Besonderheiten im Kontext bewerten zu können. Auch für diese Studie wie für das kürzlich vorgelegte Szenario der "Schrumpfenden Gesellschaft" gilt: Kaufmann schreibt präzise, lässt sich nicht auf politische Inanspruchnahmen ein und liefert somit so etwas wie einen überaus lesenswerten Ausgangspunkt, von dem aus die Diskussion einen neuen Anlauf nehmen sollte.

Der sozialpolitische Experte tritt gegen einen "Verharmlosungsdiskurs" über den demographischen Wandel an. Dem hält er entgegen, dass sich ein vermindertes Wirtschaftswachstum, der Rückgang der Binnennachfrage, der Mangel an beruflichem Nachwuchs, die perspektivisch erheblichen Konflikte um die Verteilung des Volkseinkommens, die zunehmende Vereinzelung im Alter und die eindimensionale Fokussierung der Politik auf die Belange der Alten "gegenseitig verstärken". Zumindest müsse damit gerechnet werden. Denn "die grundsätzlich hohen Anpassungspotenziale moderner Gesellschaften sind am Ende der nationalstaatlichen Ära mit einem steigenden Anpassungsdruck konfrontiert, der durch den demographischen Wandel verstärkt wird". Das auch historisch "neue Moment" sei, dass "wachsende Anpassungszwänge im Fall schrumpfender Bevölkerungen auf sinkende Anpassungsfähigkeit stoßen".

Kaufmanns Studie zeichnet sich nicht allein durch ihre analytische Kraft, ihre präzisen Begrifflichkeiten und ihre definitorische Wirkungsmacht aus. Der Autor besitzt ganz offensichtlich eine große Freude an Zuspitzungen, die ihn dann zu überaus weittragenden Thesen bringen: "War in der Entstehungsphase des Sozialstaats und bis weit ins 20. Jahrhundert die Eingrenzung des Klassenkonflikts das Hintergrundthema aller sozialpolitischen Auseinandersetzungen", befindet der Soziologe, "so scheint dies im 21. Jahrhundert die Eingrenzung des Generationenkonflikts zu werden."

Als eine "neue Form sozialer Ungleichheit" betrachtet Kaufmann "die immer deutlicher sich profilierende Differenz zwischen Eltern und Kinderlosen". Dabei zielt er nicht etwa auf moralisierende Zuschreibungen, welches Leben denn nun das Bessere oder Richtigere sei. Doch klar gemacht werden müsse der Politik, dass den Vorteilen für die Kinderlosen und den Nachteilen für die Eltern via Gesetzgebung unbedingt ein Ende gesetzt werden sollte.

In diesem Zusammenhang müsse "ein öffentliches Umdenken" einsetzen, um "eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse" zu erreichen, plädiert Kaufmann und formuliert "die zentrale sozialpolitische Aufgabe des kommenden Jahrzehnts": Diejenigen nämlich, die "nicht in das Humankapital der nachwachsenden Generation investieren, müssen in äquivalenter Weise zur kollektiven Zukunftsvorsorge beitragen, nämlich durch zusätzlichen Konsumverzicht und die Bildung von Ersparnissen". Mit Konzepten wie "Nachhaltigkeit" oder "Generationengerechtigkeit" lasse sich nicht viel anfangen, weil sie "zu vage" blieben. Anders als Kaufmann, dessen Analyse neue Akzente für die weitere Debatte setzt.

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