Roman „Der Ministerpräsident“

Der Name seiner Partei kommt ihm bekannt vor

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Zwischen Politik und Koma: Joachim Zelters böse und doch menschenfreundliche Satire „Der Ministerpräsident“. Dem Leser steht jede Menge Abwechslung bevor.

Dieser Roman wird ausgerechnet dadurch interessant, dass er „Der Ministerpräsident“ heißt: ein verheißungsvoll unpoetischer Titel, viel unpoetischer als „Der Minister“ oder „Der Präsident“. Er ist geheimnislos bundesrepublikanisch. Und man weiß schon, dass die Geschichte nicht in Berlin spielt, auch nicht in Hamburg.

Kurzum steht Abwechslung bevor. Joachim Zelter, 1962 in Freiburg geboren, erzählt in seinem achten Buch für den Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer naheliegenderweise von baden-württembergischen Ereignissen. Ministerpräsident Claus Urspring hatte einen Unfall, ist jetzt aus dem Koma erwacht und wird ohne Rücksicht auf Verluste für den Wahlkampf fit gemacht.

Dass er Teile seines Gedächtnisses verloren hat, ist ein Problem. Er erkennt seine Frau nicht, spricht Hochdeutsch statt Schwäbisch und fragt kurz vor der ersten Grundsatzrede, welcher Partei er eigentlich angehört. Sein Mitarbeiter muss sich fangen, dann nennt er den Namen. Dem Ministerpräsidenten kommt der Name vage bekannt vor. Weil er hinkt, soll er in der Öffentlichkeit ausschließlich radeln. Weil er nicht weiß, worum es geht, werden seine aus Versatzstücken montierten Reden zu seinen nicht besonders synchronen Lippenbewegungen eingespielt. Die Versatzstücke werden jedem Zeitungsleser bekannt vorkommen. Zusammengestöpselt wird auch ein Radiointerview, Peter Sloterdijk hat sich bereit erklärt, die Fragen zu stellen. Solche Szenen sind tollste Satire, es gibt viele davon auf den nicht einmal 200 gut genutzten Seiten.

Es ist ein beliebtes Erzählmotiv auch aus Film und Fernsehen, das Zelter hier auf die föderale Ebene herunterholt und originell durchspielt: der Mensch, der nach Krankheit oder Unfall ein anderer ist und mit seinem alten Leben (zu Recht, wie das Publikum feststellt) nur noch wenig anfangen kann. Er ist nicht mehr der abgebrühte Profi, sondern der neugierig fragende Neuling.

Natürlich die Liebe

Die Liebesbeziehung zu einer Frau, die diesen neuen Menschen zu verstehen scheint, kann nicht ausbleiben. Durch einen einfachen Dreh nimmt Zelter der Geschichte jedoch das Vordergründige und Absehbare. Denn erzählt wird durchgängig aus der Perspektive Claus Ursprings. Der Erzähler ist also die am schlechtesten informierte Figur. Er kann lediglich schildern, was er sieht und hört. Er bewertet nichts, er fremdelt höchstens und staunt, auch über sich. Zelter kann so den bösesten Einblick in das Politikgeschäft geben, ohne uns mit einer zwangsläufig platten Reflexion zu plagen.

Zugleich stellt er einen in existenzieller Hilflosigkeit befindlichen Helden vor. Der Leser wird an Dieter Althaus und seinen Skiunfall denken müssen. Überhaupt werden einem Gesichter von Mächtigen vorschweben. Zelter macht sie zu Individuen, wenn auch nicht zu klugen. Er verharmlost nichts, vielmehr führt er den Wahlkampf als Desaster der Demokratie vor. Und doch gibt es keinen Grund anzunehmen, er würde seine Figuren nicht mögen. Selbst Ursprings Mitarbeiter, ein Parteisoldat ohne Ideale über den Wahlsieg hinaus, rackert sich doch ab, gibt sein Bestes.

Das ist einmal ein Roman, dem wirklich viele Leser zu wünschen sind, am liebsten auch jüngere Menschen, die sich in Parteien engagieren. Auch wenn man gerade gelernt hat, dass Politiker nicht im Traum auf den Gedanken kämen, ein Buch zu lesen.

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