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Najat El Hachmi: „Am Montag werden sie uns lieben“ - Sie nimmt sich vor zu sein, wie sie nicht sein will

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Von: Sylvia Staude

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Najat El Hachmi.
Najat El Hachmi. Foto: Xavier Torres-Bacchetta © Xavier Torres-Bacchetta

Najat El Hachmis Roman „Am Montag werden sie uns lieben“ erzählt vom Kampf junger Frauen um Akzeptanz

Eine klare, trotzige, selbstbestimmte Ansage: „Auch ich bin Katalanin“, heißt das erste Buch Najat El Hachmis, geboren 1979 im marokkanischen Nador, mit acht Jahren nach Katalonien gekommen im Rahmen einer Familienzusammenführung. Ihr jüngster, 2021 mit dem spanischen Nadal-Preis ausgezeichneter Roman „Am Montag werden sie uns lieben“ erzählt ebenfalls vom Kampf junger Frauen um Akzeptanz in der spanischen/katalanischen Gesellschaft, von der Gewissheit, es als, zum Beispiel, „Anna“ viel leichter zu haben bei der Job- und Wohnungssuche – nein, eigentlich bei allem. „Mein Traum war ein bezahlter Job“, sagt die Ich-Erzählerin und meint es auch so. Mit ihrer Freundin geht sie putzen, schon diese feste Stelle, dieses eigene Geld macht sie glücklich.

„Am Montag werden sie uns lieben“ ist ein Roman der klaren Worte, ein politischer, entschlossen feministischer Roman. Eine junge Frau erhebt die Stimme, nimmt kein Blatt vor den Mund, ist wütend, traurig, manchmal auch voll Mut und Zuversicht – dies, wenn sie ihre lebensvollere, emanzipiertere Freundin an ihrer Seite weiß. Stets geht es am Ende um Freiheit: Sich entscheiden, lernen und studieren zu dürfen, sich zeigen zu dürfen, draußen und in welcher Kleidung auch immer, essen und trinken zu dürfen, was man möchte, auch Schweinefleisch, auch Alkohol. Männer begehren, schlicht leben zu dürfen.

Ihr Aufwachsen in einer Familie von „Moros“, Schimpfwort für Marokkaner, ihre muslimische Erziehung empfindet die Erzählerin als schmerzhafte Einschnürung, die vom weiblichen Menschen auch noch „freiwillig“ und froh ertragen werden soll (so „freiwillig“ wie das Kopftuch). Das Kind, das Mädchen glaubt, sich immer wieder vornehmen zu müssen, zu sein „wie wir sein müssen“ – spätestens ab nächsten Montag. Die junge Frau rebelliert, aber so, dass es ihr „immer muslimischer werdender“ Vater lange nicht merkt. Auf einer Grenzlinie zwischen der einen und der anderen Welt zieht sie sich um, nimmt das Kopftuch ab. „Indem er mich zwang, ihn zu täuschen, zwang er mich, zu einer Fremden zu werden.“ Zu einer Katalanin?

Das Buch

Najat El Hachmi: Am Montag werden sie uns lieben. Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer. Orlanda, Berlin 2022. 272 S., 22 Euro.

Bloß nicht die Ehre besudeln

Wie sie nach Meinung ihrer Eltern sein muss, die Sprecherin des Romans, was sie tun muss: alle Regeln einhalten, alle Pflichten erfüllen, als Jungfrau in die Ehe gehen, die Ehre ihres Vaters nicht besudeln (und was ist mit der Ehre ihrer Mutter?), keinen Mann reizen, keinen fremden Mann auch nur ansehen, ausschließlich in Begleitung eines Bruders die Wohnung verlassen, putzen, Geschirr spülen … Über allem steht in Versalien ein Gehört sich/Gehört sich nicht.

Es kommt, wie es vielleicht kommen muss: Die Ich-Erzählerin und ihre Freundin (obwohl aus liberalerem Elternhaus) suchen das Heil in einer frühen Ehe. Die beiden Männer sind vor der Hochzeit so nett, so anders, sie sprechen von einer gerechten Verteilung der Aufgaben, sie versichern, nur eine eigenständige Frau zu wollen – ach. Die beiden blutjungen Freundinnen werden fast sofort schwanger, sitzen bald mit ihrem jeweiligen Kind alleine da. Und müssen noch Angst haben, dass er irgendwann zurückkommt und ihnen das Kind wegnimmt. Sie versuchen sich also gemeinsam durchzuschlagen, teilen Wohnung und (Ehe-)Bett, denn für ein weiteres Bett gibt es kein Geld. Zu allem anderen kommt die Armut.

Najat El Hachmi ist Schriftstellerin und Aktivistin. Man spürt in diesem Roman ihr Engagement für die Freiheit der muslimischen Frau. Und man denkt in diesen Tagen sofort an die Proteste im Iran, bei denen es längst um mehr geht als ein Kopftuch, die aber mit einem Kopftuch begannen.

„Am Montag werden sie uns lieben“ ist freilich mehr als politisch, der Roman bringt eine eigenwillige, einprägsame Stimme zu Gehör, stellvertretend für all die Mädchen und Frauen, für die gerade wieder vielerorts die Zeit brutal zurückgedreht wird. „Das Leben wird gelebt, nicht gelesen“, lautet ein Satz im Roman – will sagen: das eigene. Aber das Leben der anderen, von ihm kann hier und sollte gelesen werden.

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