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Durch diese Gasse ist er gekommen: Wien, Stadtteil Spittelberg.
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Durch diese Gasse ist er gekommen: Wien, Stadtteil Spittelberg.

Dem Naheliegenden fremd bleiben

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Zur Wiederentdeckung des Schriftstellers Béla Balázs im Verlag Das Arsenal

Wie aufmerksam ist es allerdings, wenn sich in einem schmalen Buch, das überhaupt freundlich in der Hand liegt, der Erzähler schon auf der Seite zwei, fünfte Zeile von unten, als Autor vorstellt. "Sehr erfreut. Mein Name ist Dr. Balázs", heißt es. Und doch ist es überhaupt nicht so, dass sich der Leser damit an einer - um dieses Beispiel zu nennen - literarischen Hochschule untergebracht fände, auch wenn sich im Anschluss an dieses höfliche Bekanntmachen reichlich zur Differenz von Autor und Erzähler herauskristallisieren ließe. Was alles an propädeutischen Erkenntnissen könnte auf den Weg gebracht werden - wennn man es denn wollte.

Abseits solcher Umstände darf sich der Leser darauf konzentrieren, dass die freundliche Namensnennung des Dr. Balázs einem kleinen Mädchen galt, das den Erzähler darum gebeten hatte, ihm, dem etwa vier Jahre alten Kind, beim, wie es sich ausdrückte, "Pissen" zu helfen. Und tatsächlich, Dr. Balázs, wie der Erzähler festhält, hielt dem Mädchen das Händchen, unter einem Baum, irgendwo in Wien, erwiesenermaßen 80 Jahre ist das jetzt her.

Von der poetologischen Tändelei zwischen Autor und Erzähler zur Schäkerei zwischen dem Erzähler und seinen liebsten Geschöpfen war es im alten Feuilleton, das schon seit Jahrzehnten außer Mode gekommen ist, immer nur ein kleiner Schritt. Dabei war es in besonderer Weise das Wiener Feuilleton, zu dem Balázs so gut zählte wie ein Peter Altenberg oder Alfred Polgar, ein Egon Friedell oder Anton Kuh, das als Sammelstelle für kleine, weniger unschuldige als vielmehr hungrige Mädchen eingerichtet worden war. Das Feuilleton betrachtete sie in besonderer Weise als reizenden Diminutiv - wie darüber hinaus fast die meisten Dinge und Wesen, die übersinnlichen genauso wie die handfesten. So gab es in den kleinen Arbeiten Béla Balázs' keine Erscheinung von Bedeutung (ob nun leibhaftige Engel oder künstliche Schönheiten), die nicht vorsichtig in Erscheinung getreten wäre. Das geschah oft genug zwischen den Zeilen. Derart wurde, neben den Hauptsachen, auch mit solchen Nebensächlichkeiten wie etwa dem Weihnachtsbaum im besonderen und der Metaphysik überhaupt verfahren. Denn selbst sie, das anerkanntermaßen schwere Fach, war durch die kleine Form geradezu determiniert, wohlgestaltet ihre Spuren zu hinterlassen, gelenkig ganz gewiss, gelegentlich auch ein wenig gefährdet durch Leichtsinn.

Wanderer zwischen den Genres

Béla Balázs, ein Jude aus Szeged in Ungarn, 1884 dort zur Welt gekommen, erreichte manches in seinem Leben. Dass er gar ein Feuilletonist wurde, konnte man schon daran erkennen, dass er zu Gott ein auf den Stand der Moderne gebrachtes Verhältnis unterhielt. Er wusste, dass seine Allgewalt an "Amtsstunden" gebunden war.

Balázs war ein Wanderer zwischen den Welten des Films und der Oper, der Kritik, der Theorie und der Literatur - und er war es stilistisch übrigens so gut wie auch weltanschaulich. In der Tonart war er ebenso wandlungsfähig wie zwischen den Themen. Balázs' Ton war abhängig von der Bereicherung durch den Gegenstand. So verwandelte sie sich unablässig vor sich hin. Das war jedes Mal so, ob er nun mit seinem Buch Der sichtbare Mensch eine (erste) grundlegende Dramaturgie des Films schrieb, ob er nun als Drehbuchautor in Erscheinung trat - oder ob er, um das nur anzudeuten, denn das wäre eine eigene Geschichte, für den Landsmann Béla Bartók das Libretto zu der Oper Herzog Blaubarts Burg verfasste. Rastlos wechselte Balázs, der sich einen "ungarischen Dichter", einen "deutschen Schriftsteller" und einen "europäischen Juden" nannte, zwischen den Genres. Und allein das waren bereits drei.

All das weiß der heutige Leser wiederum deswegen ein wenig genauer, weil der 1949 gestorbene und seit Jahren vergessene Béla Balázs, der nicht zuletzt eine kommunistische Vergangenheit aufzuweisen hatte, vor rund eineinhalb Jahren wieder entdeckt wurde. Mit dem autobiographischen Roman Die Jugend eines Träumers begann der Berliner Verlag Das Arsenal sein Erinnerungsprojekt, eine mühevolle und auf insgesamt fünf Bände angelegte Anstrengung. Bis auf den heutigen Tag ist die Edition beim zweiten Band angelangt, Hanno Loewy, der Herausgeber, hat ihn unter dem Titel Ein Baedeker der Seele herausgegeben (160 Seiten, Engl. Broschur, 13,80 Euro). Er versammelt lose verstreute Feuilletons aus den Jahren 1920 bis 1926; obendrein birgt es das 1925 bei Paul Zsolnay publizierte Buch Der Phantasie-Reiseführer / Das ist ein / Baedeker der Seele / Für Sommerfrischler. In beiden Teilen tritt der Leser Exkursionen an, um sich von der Grazie an die Hand nehmen zu lassen. Béla Balázs war in manchem seiner Sätze ein Ciscisbeo einer schlafwandlerisch sicheren Verfremdung der scheinbar selbstverständlichen Sachen.

Dass Balázs seine Leserschaft auf diesem Weg mit einem "Schielen der Sinne" vertraut machen wollte, hatte damit zu tun, dass im Schielen das Fremde naturalisiert werden konnte. Im Feuilleton wurde ein Ort der Daeinsberechtigung für abseitige Menschen und Dinge ausgemacht. Im Schielen fand der ewige Wanderer und Distanzsuchende Balázs eine angemessene Metapher für seine Nachforschungen. Es waren solche, die dem "Dazwischenliegenden" galten; es war im Wien der Traumdeutenden eine Beteiligung an der "Hellhörigkeit für die Nebengeräusche der Seele". Balázs Bewunderung, die der geistigen Topographie der 1920er Jahre in Wien galt, richtete sich auf die "Genies der Mittelbarkeit". Aus Balázs Dramaturgie des Schielens entstanden Zwischentöne. Der Gedanke vom "spezifischen Negligieren des Absichtlichen" war so ein Ton.

Wenn Balázs seine Feuilletons als Baedeker der Seele auffasste, dann schielten diese nicht nach einer fest umrissenen Erkenntnis, sondern lösten sich in einer unablässigen Suchbewegung auf. Zu Gewissheiten hatten sie ein treuloses Verhältnis, zum Abenteuer dagegen ein ursprüngliches. Deshalb umkreisten seine Feuilletons den gelebten Augenblick. Die "Sekunde" war ein Zeit-Raum, auf den er nicht nur einmal zu sprechen kam, um seine doppelte Beschaffenheit auszumessen. Wenn er sich als Stilist an die Oberflächenerscheinungen heftete, dann ging er nicht vor die Tür, ohne sich insgeheim als ein Schüler Henri Bergsons und Georg Simmels zu zeigen. Bewandert in Differenzen, die sich aus einem Aufenthalt in der Welt der Philosophie ergaben.

Was heute nicht alles so Philosophie heißt, nimmt man allerorten auf, besonders in der Form monströser Gedankengebäude, ob nun im Baumarkt, auf der Love Parade oder vor dem Sommerfahrplan der Bahn. Béla Balázs Gedankengänge stammen dagegen aus einer Epoche der Weltanschauung, in der diese sich selbstverständlich den Umwälzungen und Neuerungen zuwandte, etwa dem Radio und dem Kino. Aber ebenso unaufgefordert verharrten sie beim Ewiggestrigen, so bei der "kosmischen Nacktheit" eines "reinen Himmels". Balázs suchte die "Nirwananähe" einer Schwimmschule oder ließ angesichts einer Landstraße eine Seelenwanderung anklingen. Ob das Licht der Dämmerung oder ein armes gehetztes Wild, ob ein Gedankenanflug in einem Nachtzug oder die Waldesstille, ob ein rasendes Automobil oder das Insekt, das mit jedem Flügelschlag seinen Horizont überschreitet: Die geduldige Beobachtung der leicht schräg justierten Wahrnehmung hatte ihren Aufenthaltsort im Balázsfeuilleton. Und sei es dort auch nur wie in einem Asyl für Mutmaßungen.

Von heute aus gesehen weiß man, dass es ein flüchtiges Obdach geblieben ist. Ein längst antiquarischer Schlupfwinkel der Auslegungssachen. Schon deshalb ist es schön, dass auch unter den Balázsarbeiten jetzt auch die Balázsskizzen endlich wieder in die Lebenssphäre des Feuilletonfreundes eingetreten sind.

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