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Girlanden für den ehemaligen „Unberührbaren“ Bhimrao Ambedkar: „Ich will strikt den achtfachen Pfad Buddhas befolgen.“

Religionen

Nah ist und schwer zu fassen der Gott

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Das 20. Jahrhundert als Epoche der Religionsgründungen: Michael Stausbergs „Die Heilsbringer“.

Derzeit wird als Trost in der Corona-Krise wieder einmal Hölderlin empfohlen: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Das sind Verse aus der „Patmos“-Hymne von 1803. Ihnen gehen diese voran: „Nah ist und schwer zu fassen der Gott“. Die politischen Hoffnungen der frühen 1790er Jahre waren enttäuscht worden. Hölderlin hatte sich von der Revolution, diesem Menschenwerk, abgewandt und war wie viele seiner Zeitgenossen auf die Suche gegangen nach dem Ort Gottes in der Geschichte. Das ist eine sich – vielleicht nicht nur – in Europa stets wiederholende Geschichte.

Hölderlins Verse stimmen natürlich auch umgekehrt: Wo das Rettende ist, wächst die Gefahr. Je geborgener man ist, desto stärker schrecken schon kleinste Störungen. Gleichzeitig wächst in der gar zu gewohnten Ruhe das Verlangen nach Neuem. Die Geschichte produziert den Widersacher des von ihr geschaffenen Status quo gleich mit. Hölderlin widmete seine Hymne dem Landgrafen Friedrich V. von Hessen-Homburg. Der hatte im Jahr zuvor den 78-jährigen Dichter des „Messias“, Friedrich Gottlieb Klopstock, um ein glühend frommes Gedicht gebeten, um den kalten Bibelexegeten der Aufklärung etwas entgegenzustellen. Klopstock fühlte sich nicht mehr stark genug und also ließ Hölderlin seine Muskeln spielen.

Womit wir bei Max Weber sind. Der erklärte 1917 im Vortrag „Wissenschaft als Beruf“: Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung befördere „den Glauben daran: dass es prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“ Eine Wendung, die Karriere gemacht hat: Die Moderne sei säkular, der Mensch bedürfe keiner himmlischen Trostmittel mehr.

Das ist, darüber belehrt schon ein flüchtiger Blick auf die Religionsgeschichte, völlig verkehrt. Die Moderne – das 19. und das 20. Jahrhundert – ist eine Epoche religiöser Erweckungen. Es gibt nur wenige Abschnitte der Weltgeschichte, in denen so viele Religionsgründer auftraten wie in den vergangenen 200 Jahren. Max Weber war dieser Entwicklung gegenüber nicht blind: „Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf.“ Alles andere sollte einen auch verblüffen. In Zeiten tiefer Verunsicherung wird der Traum nach Erlösung übermächtig. Und schnell stehen an jeder Ecke Erlöser bereit.

Zum Buch

Michael Stausberg: Die Heilsbringer – Eine Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert. Beck. 783 S., 34 Euro.

Michael Stausberg, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bergen, nennt in seinem Buch „Die Heilsbringer“ das 20. Jahrhundert „das Jahrhundert der Religionen“. Er fasst den Begriff der Religion sehr weit: Adolf Hitler („Politik als Glaube, Vernichtung als Erlösung“) und Mao Zedong („Religionsdemontage und Vergötterung“) gehören dazu. Wem das einleuchtet, der wird sich darüber wundern, dass Lenin und Stalin nur jeweils vier Mal erwähnt werden. Auch die Beatles („Musik, Rausch, Meditation“) und Bob Marley („Positive Vibrations“) haben eigene Kapitel. Stausbergs weiter Horizont führt einem vor Augen, dass kaum jemand der Religion entkommt.

Natürlich geht es um Ron Hubbard (1911-1986), den Erfinder von Scientology, um den Brooklyner Messias Menachem Mendel Schneerson (1902-1994), den Begründer der Islamischen Republik Iran, Ruhollah Musavi Chomeini (1902-1989), um Bhagwan Shree Rajneesh (1931-1990), der eine Weile lang viele linksradikale Intellektuelle des Westens faszinierte – wie auch um die als „Götter-Manifestation“ verehrte Anandamayi Ma (1896–1982), Annie Besant (1847-1933), ohne deren theosophische Lehren die revolutionäre Kunst der Moderne undenkbar wäre, und natürlich die Amerikanerin Madalyn Murray O’Hair (1919-1995), die aus dem Atheismus eine Religion machte.

„Worauf du nun dein Herz hängst und dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott“, hatte Luther im Großen Katechismus von 1529 geschrieben. Er hatte recht damit. Es gibt nichts, das Menschen nicht zu ihrem Gott gemacht hätten. Dagegen wäre wenig zu sagen, wenn nicht – fast – alle diese Götter eifersüchtige Götter wären, die keine anderen neben sich duldeten. Genau das war auch die Predigt Luthers. Darum schuf er den Katechismus und verbreitete ihn wie Stalin seit 1938 den „Kurzen Lehrgang zur Geschichte der KPdSU (Bolschewiki)“. Religion will Gefolgsleute. Als die Sowjetunion den Stalinschen Personenkult ächtete, daran erinnert Stausberg, erklärte die Kommunistische Partei Chinas: „Mao aus der Tiefe seines Herzens zu verehren, sei keine abergläubische Anbetung eines Individuums, sondern die Verehrung der Wahrheit.“

Aber natürlich ist es auch ungeheuerlich zu behaupten, etwas oder jemanden, an das oder an den man sein Herz hängt, mache man damit zu seinem Gott. Wir alle haben im Laufe unseres Lebens unser Herz immer wieder an etwas anderes gehängt. Wir erweiterten so unseren Horizont, wurden klüger dadurch. Lange Zeit war nichts natürlicher, als mehrere Götter zu haben. Dass alle einem folgen sollen, ist, so belehren uns zu Recht oder zu Unrecht die Religionshistoriker, eine späte Erfindung. Heute könnte man auf die Idee kommen, mit dieser Art von Religion sei der Totalitarismus auf die Welt gekommen. Einer, der über den Tod hinaus uns regiert.

Religionen sind auch Zufluchtsorte. Stausberg schreibt: „Am 14. Oktober 1956 fand in der zentralindischen Stadt Nagpur eines der spektakulärsten Ereignisse der Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts statt. Auf Initiative von Dr. Bhimrao Ambedkar (1891-1956), der von 1947 bis 1951 der erste Justizminister Indiens gewesen war, hatten sich drei- bis fünfhunderttausend weißgekleidete Menschen versammelt.“ In einer Zeremonie traten sie, die meisten von ihnen gehörten wie Ambedkar zur Kaste der Unberührbaren, zum Buddhismus über. Befreiung und Bindung sind immer wieder dasselbe. Ambedkar erklärte damals: „Ich will strikt den achtfachen Pfad Buddhas befolgen. Der Buddhismus ist die wahre Religion.“ Die Zeremonie endete damit, dass die neuen Buddhisten 22 Eidesformeln aufsagten, mit denen sie die buddhistische Lehre bekräftigten.

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