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Nähe, Distanz und Netze

Michel Serres virtueller "Atlas"

Von GUSTAV ROßLER

Michel Serres ist ein Autor, der in der Literatur Wissenschaft entdeckt und in der Wissenschaft Literatur. Doch gleichzeitig lässt er sich als Denker schwer auf den Begriff bringen. Strukturalist, Poststrukturalist? Solchen Schablonen ist er schnell wieder entschlüpft, denn er ist beweglich: "Parcours" könnte man als sein Kennwort bezeichnen, nahezu seine Übersetzung von "Diskurs". So hat man ihn als Häretiker zwischen den Disziplinen bezeichnet. "Kommunikation" und "Übersetzung" - in diesen beiden zentralen Begriffen sieht man sein Werk auf den Punkt gebracht. Dazu passt es, dass sich sein fünfbändiges Hauptwerk sich Hermes nennt, angelehnt an den griechischen Gott der Händler, Reisenden, Diebe, und - das ist Serres' Erweiterung der Liste - der Kommunikation.

Doch Serres ist auch Enzyklopädist, sucht eine Passage zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, rehabilitiert Dinge und Objekte und beschäftigt sich mit dem Lokalen und Globalen, in beiden Richtungen. Atlas ist nach vielen Jahren endlich wieder ein neuer Serres für deutschsprachige Leser, von seinem bewährten Übersetzer Michael Bischoff, der den Serres-Sound wie stets ganz gut im Deutschen nachempfindet. Der Atlas versteht sich als Weltkarte, wenn auch eine mit Worten gezeichnete, und nicht bloß im geografischen Sinne. Denn das in einem Atlas traditionell Verzeichnete gibt unser Verhältnis zum Raum, also zum Nahen und Fernen nicht mehr adäquat wieder. Für eine solche Weltkarte bräuchte man einen Atlas der Nah- und Fernverbindungen, auch der Kommunikationsmedien, von Telefon, Fernsehen, Internet, die den Raum verändern oder neue Räume schaffen. Die Seiten des alten geografischen Atlas verlängern sich in Netze hinein. "Ganz wie die wahrgenommenen und erlebten Räume der Welt verlagern sich die sozialen Räume ins Virtuelle, von dem wir ebenso viele flottierende Karten zeichnen könnten."

Virtuelle Orte

Der paradoxen Örtlichkeit des Nahen, der Nähe und allgemeiner des Raums nähert sich Serres anhand einer Novelle Guy de Maupassants mit dem Titel Der Horla. "Horla" ist ein Kunstwort zur Bezeichnung eines Wesens, von dem der Erzähler sich verfolgt wähnt ("Dadraußen" zu übersetzen, da durch Zusammenziehen von "Hors là" gebildet). Typisch für die Vorgehensweise Serres': Er destilliert das Wissen um räumliche Angrenzungen, Abgrenzungen, Versetzungen, Vernetzungen heraus aus der detaillierten poetischen Analyse eines literarisches Textes. Dem Zickzack des Erzählers und Maupassants zwischen Innen und Außen, Nahem und Fernem, Ich und Dort folgend gelangt Serres so zu einigen Antworten auf die Frage: wo sein? Jedenfalls nicht Da-sein, sondern eher: Da-draußen-sein. Wir haben unsere Mitte, unser Wesen, unser Denken nicht in uns, sondern außer uns, in Dingen, Texten, Netzen und im anderen Menschen, im geringsten Nächsten (oder Fernsten).

Serres spürt in seinem Atlas unter anderem den neuen virtuellen Räumen nach, die durch die vernetzten Computer entstanden sind. Vielleicht sind "virtuelle Räume" auch ein Widerspruch in sich, denn das Virtuelle verletzt und zersetzt die klassische Raumvorstellung. Gerade bezogen auf Orte gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: niemand kann gleichzeitig hier und dort sein, irgendwo und überall. "Und dennoch, vom Bewusstsein bis hin zu den Techniken, breitet das Da-draußen sich aus, ist im Haus, im Garten, im Wald, in den Schiffen und Kommunikationsmitteln, so dass Lokales und Globales sich miteinander vermischen und das Prinzip des Widerspruchs am Virtuellen scheitern lassen. Die Karten unseres Atlas verkehren sich an diesem Punkt, als würde hier eine andere Welt kartografiert."

Andere Leser werden andere Routen durch das Buch ziehen, doch die Überlegungen zum Virtuellen in den Netzen sind spannend und haben nichts von ihrer denkerischen Originalität, Brisanz verloren, obwohl das Buch auf Französisch schon vor zehn Jahren erschienen ist (es ist allenfalls in seiner Begeisterung für die neue Technologie ein wenig blind gegenüber negativen Erscheinungen wie Spam, Datenmüll, Viren etc.). Wie stets bei Serres handelt es sich um ein Buch über gemischte Verhältnisse, das selbst eine Mischung ist, denn behandelt werden des weiteren Wetterkarten und Turbulenzen, Fernsehen, die Ressource Bildung, die Gewalt in der Geschichte, Ungerechtigkeit, Utopie und Uchronie (das Unzeitgemäße), und eine Reise des Autors nach Tibet. Manchmal droht man den Faden zu verlieren, man legt das aus Worten collagierte Kartenwerk beiseite, um nach ein paar Tagen oder Stunden den Parcours wieder aufzunehmen, mit Gewinn.

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