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Nadifa Mohamed.
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Nadifa Mohamed.

„Der Geist von Tiger Bay“

Nadifa Mohamed „Der Geist von Tiger Bay“: Er liebte Pferdewetten und seine Frau

  • VonKatharina Granzin
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„Der Geist von Tiger Bay“: Nadifa Mohamed entwirft das mitreißende Porträt eines Mannes, der Anfang der fünfziger Jahre Opfer eines Justizirrtums wurde.

Mahmood Mattan, der Held dieses Romans, hat wirklich gelebt. 1923 in Britisch-Somaliland geboren, ging er früh zur See, bereiste die Weltmeere und landete wie viele seiner Landsleute in der walisischen Hafenstadt Cardiff, wo er die junge Arbeiterin Laura Williams kennenlernte, heiratete und mit ihr drei Kinder zeugte. Dann wurde 1952 in Cardiff die Ladeninhaberin Lily Volpert mit durchgeschnittener Kehle in ihrem Geschäft aufgefunden. Mahmood Mattan geriet zufällig ins Visier der Behörden; und was folgte, wurde zu einem großen Schandfleck in der Geschichte der britischen Rechtssprechung.

Wenn Nadifa Mohamed das Schicksal Mahmood Mattans nun zum Gegenstand ihres neuen Romans „Der Geist von Tiger Bay“ macht (er war in diesem Jahr für den Booker nominiert), so betritt sie damit, was ihr eigenes Werk betrifft, in mancherlei Hinsicht vertrautes Terrain. Denn das Leben und die Atmosphäre im Nachkriegs-Cardiff, insbesondere seiner Hafengegend Tiger Bay, spielten bereits eine wichtige Rolle in Mohameds Debütroman „Mamba Boy“, der auf dem Leben ihres eigenen Vaters basiert. Er war ebenfalls in den vierziger Jahren als somalischstämmiger Seemann nach Wales gekommen.

Nadifa Mohamed, die 1981 in Somalia geboren wurde und in London lebt, hat die Gabe, gründliche historische Recherche scheinbar mühelos in erzähltes Leben zu verwandeln. Im Grunde ist es für ein erfülltes Lektüreerlebnis am besten, vorab gar nichts zu wissen über den Fall des echten Mahmood Mattan, denn der Roman-Mahmood ist ein so sprühend lebendiger Charakter, dass es ein echtes Abenteuer ist, ihn zu begleiten auf seinen Wegen durch die Cardiffer Hafengegend. Auch wenn er durchaus anstrengend sein kann.

Der fiktive Mahmood ist von aufbrausendem Temperament und hat eine Menge Probleme, die teilweise, wahrscheinlich sogar zum größeren Teil, selbstgemacht sind. Warum seine Frau Laura, mit der er drei kleine Kinder hat, nicht mit ihm zusammenleben will, wird nicht völlig klar, denn sie scheinen sich zu lieben (die sozialen Schwierigkeiten, denen Menschen in „gemischten“ Ehen in den fünfziger Jahren begegneten, streift der Roman nur nebenbei; das ist nicht sein Thema). Sie leben gerade getrennt, aber Mahmood kommt regelmäßig mit Geschenken vorbei, die manchmal leider gestohlen sind und mit denen Laura ihn wieder fortschickt.

Das Buch:

Nadifa Mohamed: Der Geist von Tiger Bay. Roman. A. d. Engl. v. Susann Urban. C.H. Beck, München 2021. 368 S., 24 Euro.

Mahmood ist bereits öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er ist ein talentierter Dieb, und er pflegt sein Talent, denn ständig hat er zu wenig Geld. Pferdewetten sind, neben Laura, seine große Leidenschaft.

Außerdem gibt es in der Stadt eine russischstämmige Prostituierte, für die Mahmood eine Schwäche hat. Sie könnte ihm für den Zeitpunkt des Mordes ein Alibi geben, doch davon kann er keinen Gebrauch machen, da auf diese Weise seine Frau von dem Verhältnis erführe.

Es ist ein hochkomplexer, in mancher Hinsicht widersprüchlicher und dabei sehr glaubwürdiger Charakter, den Nadifa Mohamed vor uns hinstellt. Auch als er in die Mühlen von Polizei und Justiz gerät, ist sein Eigensinn ungebrochen, während seine Verwirrung und seine Verzweiflung zunehmen. Wir erleben gleichsam in Echtzeit mit, wie es sich anfühlt, zum Opfer eines Justizirrtums zu werden, und es ist absolut erstaunlich, woher die Autorin das Wissen um oder auch das Gespür für Dinge nimmt, die sie selbst niemals erlebt haben kann.

Das gilt auch für den zweiten Erzählstrang, den Nebenschauplatz sozusagen, in dem die Autorin das Leben der Hinterbliebenen der ermordeten Ladenbesitzerin imaginiert. Damit wirft sie ein Schlaglicht auf die andere Seite des sozialen Spektrums. Die Familie ist gutsituiert, und die Ermordete hinterlässt ihren Verwandten mit dem Laden ein kleines Vermögen. Und doch ist auch diese Familiengeschichte nicht ohne Brüche und Traumata. Der Vater der Toten ist aus Osteuropa eingewandert, um antisemitischen Pogromen zu entkommen. Ihre jüngere Schwester, die sich bei Kriegsbeginn freiwillig zum Dienst bei den Streitkräften gemeldet hat, ist bereits Witwe.

Mit diesen parallel laufenden, sehr verschiedenen Perspektiven auf das schicksalhafte Geschehen entwirft Nadifa Mohamed ansatzweise ein größeres gesellschaftliches Panorama, erzählt sozusagen von innen nach außen, immer sehr nah an der Figurenperspektive und doch implizit mit Blick auf das große Ganze. Auf der einen Seite konzentriert sich der Roman intensiv auf Mahmood Mattans persönliche Lebensgeschichte, die in Rückblenden beleuchtet wird. Auf der anderen Seite wird, meist in Kneipengesprächen, stets der weitere gesellschaftliche Kontext mit im Blick behalten. Zu Beginn des Romans ist gerade König George gestorben; wiederholt kommen Charaktere auf die Inthronisierung seiner Tochter Elizabeth zurück.

Der echte Mahmood Mattan wurde 1998, 46 Jahre nach dem ersten Prozess, rehabilitiert. Inwieweit Nadifa Mohameds Roman-Mahmood ein getreues Abbild seiner Persönlichkeit ist, lässt sich natürlich nicht sagen. Aber sie hat mit ihm eine ungemein eindrucksvolle Romanfigur geschaffen und damit auf jeden Fall dazu beigetragen, dass man sich an sein Schicksal noch lange erinnern wird.

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