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Nachts am Telefon

Therapiefiktion: Armistead Maupin lauscht in die Nacht

Von Dirk Fuhrig

Die Stadtgeschichten waren ein echtes Produkt der achtziger Jahre. In seinem Fortsetzungs-Roman aus San Francisco dokumentierte Armistead Maupin ein Lebensgefühl, das von persönlicher und sexueller Freiheit, Toleranz und einer in jeder Hinsicht multikulturellen Gemeinschaft geprägt war. All diese Begriffe wurden damals nicht nur innerhalb der Vereinigten Staaten mit Orten wie New York und eben San Francisco in Verbindung gebracht. Maupins bescheiden daherkommende kalifornische Alltagsgeschichten waren nicht nur deshalb so erfolgreich, weil sie brillant und mitreißend geschrieben waren, sondern auch, weil sie aus dem Empfinden einer jungen, urbanen Generation schöpften, die für viele Leser paradigmatischen Charakter besaß. Die Lindenstraße im Printformat erschien über einen langen Zeitraum hinweg als Artikelserie im San Francisco Chronicle. Als Buch verkauften sich die Stadtgeschichten in aller Welt und machten den Autor berühmt. Die angesoapten Stories aus dem Kosmos der Schwulen, Lesben und sonstwie Orientierten fesselten ein Millionenpublikum, weil sie ironisch-humorvoll, sentimental-kitschig, herzzerreißend, schonungslos offen - und vor allem authentisch waren.

Nach langem Schweigen hat der 1944 geborene Armistead Maupin vor zwei Jahren einen neuen Roman veröffentlicht, der nun auf Deutsch erschienen ist. Der nächtliche Lauscher basiert auf einer Begebenheit, in die der Autor vor einigen Jahren tatsächlich verstrickt war. Daher besitzt sein Erzähler Gabriel Noone viele Züge des Schriftstellers Armistead Maupin. Gleichzeitig weist der Autor aber an vielen Stellen auf die Diskrepanz zwischen Autobiografie und autobiografisch getränkter Fiktion hin. Es geht Maupin um die Schnittstelle zwischen Kunst und Leben. Der nächtliche Lauscher ist mindestens ebenso ein Buch über das Bücherschreiben wie über einen alternden, schwulen Schriftsteller. Und der Roman darf auch als Überwindung einer Lebens- und Schaffenskrise gelesen werden.

Der langjährige Lebenspartner von Gabriel Noone sucht Unabhängigkeit und sexuelle Herausforderung in der S/M-Szene. Noone, verlassen, depressiv und auf sich selbst gestellt, findet Halt in nächtlichen Gesprächen mit einem 13-jährigen Jungen. Pete wurde von den eigenen Eltern missbraucht, musste in Kinder-Pornos auftreten, wurde im Internet als Sex-Objekt angepriesen, in allen erdenklichen Spielarten gequält. Am Ende ist er mit dem AIDS-Virus infiziert. Nach der Flucht vor seinen Eltern hat er einen Erfahrungsbericht über sein kurzes Leben geschrieben, den Noone vom Verlag zur Vorab-Lektüre erhält. Gebannt vom Schicksal und dem Schreibtalent des Jungen, erwachen in dem depressiv seiner Beziehung nachhängenden Noone neue Lebensgeister. Er ruft Pete an. Über Wochen hinweg entspinnt sich ein Dialog übers Telefon. Pete, an Infusionsschläuche gefesselt, wird für Gabriel Noone mindestens ebenso zum Seelentröster, wie er umgekehrt einer der wenigen Kontakte Petes zur Außenwelt zu sein scheint. Noone wird dem Jungen zum Vaterersatz - umgekehrt bringt er Noone dazu, sich endlich mit seinem eigenen Vaterkomplex auseinander zu setzen.

Kompliziert - und spannend - wird die Sache, als sich der Verdacht einschleicht, Pete könnte gar nicht "echt" sein, sondern nur eine der beiden Persönlichkeiten der möglicherweise schizophrenen Pflegemutter, einer Psychotherapeutin. Denn niemand hat Pete je leibhaftig gesehen, auch für Gabriel Noone ist er nur eine Stimme am Telefon. Und die könnte imitiert sein. Es ist die Stärke dieses Romans, dass Maupin der Geschichte keinen runden Schluss verpasst. Er lässt offen, ob Pete existiert oder nicht. Im Mittelpunkt steht die Kommunikation der nächtlichen Lauscher.

Armistead Maupin erweist sich mit diesem Buch als ein feinfühliger, psychologischer Erzähler. Aus den Stadtgeschichten hat er den leichten, packend-prägnanten Ton mit herübergerettet, den Miriam Mandelkow perfekt ins Deutsche übertragen hat. Hinzu gekommen sind die Gelassenheit, Lebensweisheit und Selbstironie eines fast 60-jährigen. Der nächtliche Lauscher ist ein hervorragend komponiertes und meisterhaft formuliertes Stück Literatur. Spannend wie ein Krimi und autobiografisch-gefühlsecht zugleich. Für einstige Stadtgeschichten-Junkies ein Muss.

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