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Mit wachem Blick auf die Welt schauen: Leonie Ossowski wollte ihre Leser nicht nur unterhalten, sondern zum Nachdenken bringen.

Nachruf

Autorin Leonie Ossowski tot

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Zum Tode der Schriftstellerin Leonie Ossowski, die mit 93 Jahren gestorben ist.

Richie und Schocker, schon die Namen der Protagonisten der dreiteiligen TV-Serie „Die große Flatter“ nach einem Buch von Leonie Ossowski klangen nach Aufbruch, Rebellion und der Angst vor dem bloßen Verharren. Der für den WDR produzierte Film von Marianne Lüdcke spielte am Stadtrand West-Berlins in den späten 70er-Jahren, und gemeint war damit natürlich auch eine soziale Randlage, in der die jugendlichen Helden, gespielt von den damals jungen Schauspielern Richie Müller und Jochen Schroeder, in aufrührerischer Leichtigkeit darum bemüht waren, eine Version von einem Leben hinzubekommen, in der sie den Ton angaben. Bei der „großen Flatter“ ging es natürlich darum, ‚rauszukommen. Hinaus aus der sozialen Ödnis, hinein in die Welt. Die Flatter symbolisierte den Flügelschlag in die Freiheit, war zugleich ein Synonym für das Wort Angst.

Das Buch zum Film, der mit Hannah Schygulla, Günther Lamprecht, Rainer Hunhold und Gottfried John eine echte Starbesetzung jener Jahre aufwies, war auch eine Art Durchbruch für die 1925 in Röhrsdorf im Kreis Fraustadt im damaligen Westpreußen geborene Schriftstellerin. Unter Pseudonym hatte die junge Leonie Ossowski bereits Anfang der 50er-Jahre, nach ihrer Übersiedlung nach Hessen und später nach Oberschwaben, zu schreiben begonnen. Ihrem ersten Roman „Stern ohne Himmel“, 1958 in der DDR erschienen, blieb eine größere Beachtung verwehrt, wohl auch, weil das historische Geschehen der Romanhandlung auf vielfach schockierende Weise noch kaum vergangen war. „Stern ohne Himmel“ behandelt in realistischer Diktion den Umgang einer deutschen Freundesgruppe mit einem jüdischen KZ-Flüchtling kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs.

Mit der „großen Flatter“ bekam Ossowski die Anerkennung für ihren sozialrealistischen Blick, der ihr nun auch die Aufmerksamkeit für ihre Romane verschaffte, in denen sie zunehmend auch ihre eigene Herkunftsgeschichte aus Schlesien und der anschließenden Vertreibung von dort verarbeitete. Einer ihrer erfolgreichsten Romane wurde 1994 „Die Maklerin“. Sie erzählt darin eine Vertreibungsgeschichte aus dem lettischen Riga, die in einer Berliner Immobilienkarriere mündet, ehe sie eine jähe Wendung erfährt. Lange bevor in Deutschland angemessen über das historische Leid der Vertreibung diskutiert wurde, hat Leonie Ossowski wichtige Romane darüber geschrieben. Am Montag ist sie im Alter von 93 Jahren gestorben.

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