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Philippe Jaccottet.
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Philippe Jaccottet.

Lyrik

Nachruf Philippe Jaccottet: In der Dichte des Rätsels

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Ein leiser Nachruf auf den Lyriker Philippe Jaccottet.

Geboren am 30. Juni 1925 in Moudon in der Schweiz, lebte Philippe Jaccottet von 1953 an bis in die Nacht vom 23. zum 24. Februar 2021 in Grignan in Frankreich, einem Ort mit kaum mehr als eineinhalbtausend Einwohnern, dafür aber einem prächtigen Renaissanceschloss, in dem die Marquise de Sévigné 1696 starb. Die Briefe der Marquise zählen zu den bezauberndsten Zeugnissen der französischen Literatur. Es geht nicht um große Dinge darin, es gibt wenig daraus, was zu zitieren ist. Sie wird geliebt wegen der freundlichen Beiläufigkeit, mit der sie auf Menschen und Dinge schaut.

Er erzählt, was er sieht

Hier lebte Philippe Jaccottet mehr als ein halbes Jahrhundert. Er schrieb Gedichte und Prosa, übersetzte Hölderlin, Musil, Bachmann und Goethe, schrieb ein Buch über Rilke und war Kritiker. Sie haben noch nie von ihm gehört? Kein Wunder: Er sprach sehr leise und noch leiser sind seine Gedichte. In ihnen erzählt er in einfachen Worten, was er sieht. Das geht über in Gedanken, die ihn anzuwehen scheinen. Dabei sind es immer dieselben über Leben, Schreiben und Tod. Seine Gedichte gehen über in Prosa und die Prosa wird zum Gedicht. Alles ist flüchtig. Sein zweites Buch trug den Titel „Requiem“, dann kamen u. a. „Der Ignorant“, „Das Dunkel“, „Landschaft mit abwesenden Figuren“ , „Gedanken unter den Wolken“ und fast zuletzt „Die wenigen Geräusche“. Die immer weniger werden.

Im vorletzten Abschnitt dieses Buches schreibt er: „Hier und jetzt in der Dichte des Rätsels, in seiner Wärme, in seiner Stille: Ein alter Mann, vollkommen und unwiderruflich dumm, und da sieht man ihn den Feen ihren Abschied geben, Abschied den Engeln, Abschied den vierundzwanzig Ältesten des Johannes. Er selbst Bestandteil des Rätsels in seiner allergrößten Verdichtung und wer weiß, vielleicht sollte er auch dieses Wort ausstreichen – um sie besser zu empfangen, diese Güte, gekommen aus der Erde in der Farbe von Erde, in der Farbe von bald schon untergegangener Sonne, in der Farbe von sehr altem Feuer?“

Ein Kritiker, der es gut meinte, schrieb einmal, Jaccottet raune nicht, sondern halte sich immer an die einfachen Dinge. Jaccottet war ein Meister des Raunens, ist dagegen mein Eindruck. Ich meine das positiv. Wer Jaccottet liest, verliert die Illusion, Wörter drückten aus, was ist – in der Welt wie in unseren Gemütern. Wörter, so lernen seine Leserinnen und Leser, schaffen Räume, in denen sich Dinge, Einsichten und Stimmungen zeigen. Das Wesentliche spielt sich im Leerraum zwischen ihnen ab. Wer die Leere mit Wörtern, Bildern und Klängen füllt, der nimmt uns die Sicht auf das, worum es geht, der übertönt mit seinem Lärm die leisen Lebenslaute von Dingen und Menschen.

Ästhetik des Verschwindens

Weglassen ist die wahre Kunst. „Den Titel ausradiert“, heißt es im letzten seiner Bücher. Aber man erkennt noch immer, was ausradiert wurde. Spuren bleiben. Die kann man lesen, wenn man sich die Mühe macht und sich die Zeit nimmt. Auch der Tod ist nur ein Kapitel in der Ästhetik des Verschwindens.

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