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Adam Zagajewski: Der polnische Lyriker und Essayist starb am 21. März 2021 im Alter von 75 Jahren in Krakau. dpa
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Adam Zagajewski: Der polnische Lyriker und Essayist starb am 21. März 2021 im Alter von 75 Jahren in Krakau. dpa

Literatur

Nachruf: Die verstümmelte Welt besingen

  • VonArtur Becker
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Zum Tod des polnischen Poeten und Intellektuellen Adam Zagajewski

Um 19 Uhr 45 am 21. März 2021, also ausgerechnet am Welttag der Poesie, ist Adam Zagajewski nach schwerer Krankheit in Krakau gestorben. Noch vor wenigen Jahren dachte man in Polen, Zagajewski, der international ähnliche Erfolge feiern konnte wie Milosz, Szymborska, Herbert und Rózewicz, werde früher oder später den Literaturnobelpreis bekommen. Er rauchte keine Zigaretten und war auch beim Trinken zurückhaltend. Seine Gedichte las er immer mit einer festlichen, leisen und monotonen Stimme vor, als wollte er für wenigstens einen Augenblick daran erinnern, dass die Dichtung, ganz im Sinne seines Freundes Josif Brodsky, eine klare Stimme erheben müsse, da der allgemeine Zustand des Menschen, seines Daseins, ein dunkles und undurchsichtiges Unternehmen sei, bei dem viel schieflaufen könne.

Zagajewski, geboren 1945 in Lemberg, verbrachte seine Jugend in Gliwice, der oberschlesischen Stadt, in der sein späterer poetischer Wegbegleiter Julian Kornhauser geboren wurde und in der auch Tadeusz Rózewicz, der Reformator polnischer moderner Dichtung, gelebt hatte. Nach dem Abitur in Gliwice begann für Zagajewski die Zeit des Widerstands – das Jahr 1968, in Warschau das Jahr der Studentenproteste gegen die Zensur und die antisemitische Hetze der kommunistischen Regierung, erwischte den jungen Mann in seiner Studienzeit, da er noch in Krakau Philosophie studierte.

Ein Nobelpreis-Kandidat

Bereits 1974 ging er zusammen mit Kornhauser mit dem Manifest „Die nicht dargestellte Welt“ an die Öffentlichkeit und wehrte sich gegen die kommunistische Propagandasprache, die nichts als Floskeln und Appelle zu bieten hatte. Er gehörte in den Siebzigerjahren der „Nowa-Fala-Bewegung“ an, der Neuen Welle, die nach einer neuen, von der pathetischen und barocken Narration über Helden und Sieger der Volksrepublik Polen befreiten Sprache suchte. Zagajewskis nüchterne und die Machtgier und Verlogenheit der Machthaber entblößende Gedichtbände aus diesen Jahren „Komunikat“ (1972, Bekanntmachung) und „Sklepy miesne“ (1975, Fleischereien) haben bis heute nichts an ihrer Aktualität eingebüßt.

Zum poetischen und ästhetischen Wandel kam es aber, als Zagajewski ins Exil ging: über Westberlin nach Paris. Das Kriegsrecht von 1981 und die Liebe zu der polnischen Schauspielerin, Übersetzerin und Psychoanalytikerin Maja Wodecka ließen ihn in der französischen Hauptstadt einen mondänen Dichter werden, und in der Zeit von 1985 bis 2002, dem Jahr, als Zagajewski zusammen mit seiner Frau nach Krakau zurückkehrte, erschienen die wichtigsten Gedichtbände und Essays aus seiner Feder, die seinen Weltruhm begründeten: „Jechac do Lwowa“ (1985, Nach Lemberg fahren) und „Plótno“ (1990, Die Leinwand) oder der Essayband „Wcudzym pieknie“ (1998, In fremder Schönheit).

Es gab dann auch einen wahren Regen an internationalen Literaturpreisen, so 2004 den „kleinen Nobelpreis“ Neustadt International Prize for Literature und 2017 den Prinzessin-von-Asturien-Preis. Mitte der Neunzigerjahre, als ich Zagajewski in Bremen kennenlernte, fragte er mich als erstes, warum ich denn nicht auf Polnisch schreibe, Gedichte müsse man in seiner Muttersprache verfassen. Jede Begegnung, auch die in Venedig, als wir 2011 weltweit das Milosz-Jahr feierten, war für mich ein Fest der Dichtung und des intellektuellen Diskurses. Zagajewski, der in den Achtzigern einen Spiegel-Bestseller über Solidarnosc schrieb, blieb bis zum Schluss den Grundsätzen der Nowa-Fala-Bewegung treu: Recht und Freiheit seien unkorrumpierbar, der hohe Ton der Dichtung bedeute keine Schwäche, sondern Sorge um Schönheit, Ästhetik und Wortfreiheit, und den Ausdruck Herbert Marcuses vom „Terror der Toleranz“ habe er erst dann verstanden, als in Polen 2015 Rechtskonservative an die Macht gekommen seien.

Welche Dichter hat er geliebt? Kavafis, Milosz, Brodsky. Seine berühmtesten Gedichte sind? Vielleicht die zwei, die leider an Dramatisches und Trauriges erinnern: an die Terroranschläge vom 11. September und an die Demontage der Verfassung in Polen: „Spróbuj opiewac okaleczony swiat“ (2000, Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen) und „Prawo“ (1985, Das Recht). Das ist aber auch der ganze Zagajewski, der auf der einen Seite die Schönheit lobte, auf der anderen das Auge vor dem Grauen des menschlichen Tuns niemals verschloss.

„Das Recht. Es ist unsichtbar, transparent/ mit einem anämischen, kranken Teint / eines Jungen, der Charaden löst; / unzugänglich für die Ergriffenheit eines Dichters; / es liebt die Maskerade, verkleidet sich / in Frauenkleider, versteckt sich/ unter der Asche der Perücken. Und doch ist es so, / dass es, so hartnäckig wie die Federn der Uhren / in den Burgtürmen, / die Arme freier Menschen trägt und stärkt.“ (Übertragen von Artur Becker)

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